Es ist eine merkwürdige Erfahrung

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Foto: Wikipedia/Ot

Heute hat Carolin Emcke in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels empfangen. In ihrer Rede beschäftigt sie sich mit dem „dazugehören“ und der Ausgrenzung. „Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung“, stellt sie fest. „Ähnlichkeit ist keine Voraussetzung für Grundrechte.“  Sie erzählt: 

„Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Weiterlesen

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schreiben …

»Schreiben bedeutet, sich das eigene Denken anzusehen.«

strubel

Antje Rávic Strubel

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Sprich nicht drüber

36240_10150354206180371_5676022_nWenn es um sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt geht, lautet immer noch oft genug der Ratschlag im Familien- und Freundeskreis: Sprich nicht drüber. Mach dich nicht öffentlich zum Opfer. Mach dich nicht angreifbar. Die Gründe sind klar – häufig sind die Vorfälle nur sehr schwer zu beweisen, und immer setzt ganz schnell das victim blaming ein, wenige Dinge sind verlässlicher auf dieser Welt. Warum sich also all dem aussetzen, wenn sowieso nichts bei rauskommt? Warum sich beschimpfen lassen, verbal aufs Neue vergewaltigen lassen, mit Dreck bewerfen lassen? Augen zu und durch.

Sieht man sich an, wie Donald Trump und seine Anhänger*innen auf die Vorwürfe reagieren, der Präsidentschaftskandidat hätte sich Frauen unsittlich genähert, stößt man immer wieder auf die Behauptung: Das muss ausgedacht sein, sonst hätten die Frauen doch sofort etwas gesagt. Dies wiederum führte auf Twitter zu #WhyWomenDontReport, und wie jeder Hashtag wurde auch dieser von der Gegenseite gekapert und führte zu ekelhaften Unterstellungen, Anschuldigungen, Gegenbehauptungen. Vor einigen Jahren gab es unter #ichhabnichtangezeigt tausende erschütternde Berichte von Menschen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Immer wieder gibt es Aktionen, die zeigen sollen, warum Opfer nicht über das, was mit ihnen geschehen ist, sprechen können/wollen/dürfen. Weiterlesen

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Das vergessene Werk der Dichterin – Inge Müller

14642637_1152952478114206_1773734201_nMit Blanche Kommerell aus dem Schatten

Frauen verschwinden – in Küchen, Kinderzimmern und Altenpflege. Und manchmal im Schatten eines übergroßen Mannes. Unsere Gastautorin Sophie Sumburane hat Inge Müller, die „Frau von“ (Sie wissen schon) Heiner Müller entdeckt und möchte Blanche Kommerell bei ihrem unermüdlichen Engagement für die vergessenen Dichterinnen unterstützen. Deshalb darf Ihnen HERLAND heute einen Text von Sophie Sumburane präsentieren:   

Hinter dem Holztisch, der im Alltag ein Café-Tisch ist, in der Potsdamer Buchhandlung Viktoriagarten, sitzt an diesem Abend eine berühmte Frau. Ein DEFA-Kinderstar von einst, Theaterschauspielerin und Dichterin, Dozentin und Trägerin des deutschen Sprachpreises. Blanche Kommerell. Bereits das dritte Mal ist sie hier in Potsdam, denn im Herzen ist sie vor allem eines: Literaturvermittlerin. Regelmäßig tritt Kommerell auch im Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße auf, liest Anne Sexton, Ingeborg Bachmann oder Christine Lavant auf ihre unnachahmliche Weise und gibt so Autorinnen eine Bühne, die kaum einer mehr kennt. Und so hebt auch nur einer die Hand auf die Frage, wer Inge Müller kennt. Inge Müller, vor 60 Jahren verstorben, zu Lebzeiten sich quälend, im Tod Projektionsfläche für so manche Erzählung, doch immer wieder in erster Linie das: „die Frau von“ Heiner Müller. Weiterlesen

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Der Nobelpreis geht an … einen Mann

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Marie Curie

Was haben alle Nobelpreisträger dieses Jahres gemeinsam? Sie sind Männer. Das sind traurige Tage für uns Frauen. Nur der Literaturnobelpreis könnte es jetzt noch rausreißen.

Es bedeutet nicht, dass Frauen weniger intelligent sind als Männer oder keine wissenschaftlichen Begabungen hätten. Es zeigt, dass Frauen weltweit, auch in Deutschland, nicht dieselben Chancen haben, an teuren Forschungsprojekten teilzunehmen. Und offenbar nehmen die Chancen sogar ab, im Wissenschaftsbetrieb eine Position zu ergattern, die bedeutsame Forschungen überhaupt möglich macht. In den vergangene Jahren waren unter den Nobelpreisträger*innen immerhin noch ein bis drei Frauen. Nur zwischen 1997 und 2003 gab es mal fünf Jahre, in denen keine einzige Frau unter den Prämierten war.

Übrigens gab es nur zwei Menschen, die zwei Mal den Nobelpreis bekommen haben, einer davon ist Marie Curie für Physik und Chemie.

Nachtrag: Auch der Literaturnobelpreis ging an einen Mann.

 

 

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Positionen – Doris Gercke

dsc_2887_1694aWarum Herland?

Doris Gercke

Ich begann mein Leben als Schriftstellerin 1987.

Ich wusste nichts über die Arbeit, die mir bevorstand, außer zwei Dingen:

  • dass der Kriminalroman ein hervorragendes Mittel sei, gesellschaftliche Zustände darzustellen und
  • dass ich niemals, solange ich schriebe, über mich selbst schreiben würde.

Von diesen zwei Grundsätzen war der erste meiner  Vergangenheit als politische Aktivistin geschuldet. Er hat mich durch mein, nun schon immerhin fast dreißigjähriges, Schriftstellerinnenleben begleitet und mir bei manchen den Ruf einer unbelehrbaren Kommunistin eingetragen. Ich habe aber immer nur geschrieben, was ich gesehen, gehört und erfahren habe.

In meinem ersten Roman schrieb ich eine Geschichte, die das zerrüttete Verhältnis zwischen Männern und Frauen zum Inhalt hat. Sie beschreibt dieses Verhältnis so brutal, wie es ist, wenn man die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließt. Durfte ich so schreiben? Ich sah keine andere Möglichkeit und wurde deshalb angegriffen. Später las ich bei Anna Seghers „Es gibt nichts, was man nicht schreiben kann“ und fühlte mich bestätigt. Weiterlesen

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Krisenherde

dsc_2893_1700 „… wo fängt der Faschismus an? Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, er fängt nicht an mit dem Terror, über den man schreiben kann, in jeder Zeitung. Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Hier in dieser Gesellschaft ist immer Krieg.“

Ingeborg Bachmann

 

 

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Märchenhaft & sinnlich: Rathi Kumala: Das Zigarettenmädchen

51mxk0mds-l-_sx310_bo1204203200_Ein Buch, das mir nicht aus dem Kopf geht

 

Der Vater liegt im Sterben und die drei Söhne ziehen los, um eine Aufgabe zu lösen. Was nach Märchen klingt, ist es auch, jedenfalls der Struktur nach. So fühlt man sich unmittelbar kulturell heimisch im fernen Jakarta, als Tegar, Karim und Lebas aufbrechen, um nach Jeng Yah zu suchen. Nach der Frau, deren Namen der Senior des erfolgreichen indonesischen Tabakkonzerns murmelt, obwohl ihm zahlreiche Worte schlaganfallbedingt abhanden kamen. Tegar leitet inzwischen das Unternehmen streng und wenig freudvoll, Karim unterstützt ihn, Lebas versucht sich im Filmgeschäft. Bei den Dreien ist die Rollenverteilung eindeutig: Der Älteste übernimmt Verantwortung, der Jüngste ist spielerisch kommunikativ unterwegs, was zwangsläufig zu Konflikten führt, die Karim ausgleichen muss. Weiterlesen

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Devianz im Sozialzoo – „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

51bvmjh8crl-_sx304_bo1204203200_In den Feuilletons gelobt und mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet beginnt Heinz Strunks Roman mit dem Zitat eines Sadisten – verantwortlich und verurteilt für vier Morde an Jungen. Zuallererst erhält also ein Täter das Wort, dem ein zweifelhafter Ruhm hinterher eilt. (Jürgen Bartsch starb ironischerweise an einem Narkosefehler während seiner Kastration. Auf anästhesiologische Fachkompetenz  hatte der Operateur verzichtet, obwohl es die 1976 schon gegeben haben soll. Eine Schelmin, die hier megalomane Selbstüberschätzungen mit Todesfolge an den unterschiedlichen Enden der Gesellschaft vergleichen wollte.)

Um Anerkennung und Ruhm geht es auch Fritz Honka, genannt Fiete, wenngleich ihm klar ist, dass er gegen Hitler oder Stalin ruhmmäßig nicht anstinken kann, Jack the Ripper eignet sich eher zur Identifikationsfigur. Als sich Honka an der Glorie seines Tötens berauscht, ist er, der später, 1976, zu 15 Jahren Haft wegen Mordes und Totschlags verurteilt wird, längst moralbefreit vom psychischen und physischen Verfall durch seine Trunksucht gezeichnet. Viel an moralischen Standards hatte er sowieso nicht mitbekommen – ein Kriegskind, das Vernachlässigung und exzessiver Gewalt ausgesetzt war, die sichtbare Residuen nach sich zogen – die deformierte Nase, das schielende Auge, der hinkende Gang. Demütigung und neue Gewalt begleiten sein Leben. Nicht verwunderlich also, dass ein Mensch mit einem inkonsitenten, fragilen Selbst die Flucht in die Sucht antritt und seiner Impulse nicht Herr wird. Weiterlesen

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Literaturpreis feiert Geschichte eines Frauenmörders

Herland chl.JPGDer Wilhelm-Raabe-Literaturpreis von Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig geht nicht nur schon wieder an einem Mann, sondern feiert dieses Jahr auch noch den hasserfüllten Blick eines Frauenmörders auf Frauen. Nur drei Mal haben seit 2000 Frauen die Auszeichnung bekommen, die immerhin mit 30.000 Euro  dotiert ist, aber schon neun mal männliche Autoren.  Herland wünscht der Jury des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises – und allen anderen Jurys der diesjährigen Literaturpreisrunde – deshalb für die Zukunft einen glücklicheren Blick für die gute Literatur, die von Frauen geschrieben wird

Heuer findet die Jury  leider den Roman „Der goldene Handschuh“ besonders toll. Heinz Strunk schreibt über den Hamburger Serienmörders Honka. Es geht  um Alkoholexzesse, Sex, soziale Verwahrlosung und Gewaltverbrechen. Und er schreibt auch nicht eigentlich über diesen Mörder, sondern überwiegend aus dessen Perspektive.  Honka ermordete reihenweise Prostituierte. Als erste eine Friseurin und Gelegenheitsnutte, die nicht mit ihm schlafen wollte. Sein nächstes Opfer war eine Prostituierte, deren Aktivität er als lustlos empfand.  Und so ging es weiter. Ich erspare uns die Hasstirade auf Frauen, der sich in den Verbrechen offenbart. Weiterlesen

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