Tja …

„Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“

Marie von Ebner-Eschenbach

Ebnder

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Positionen – Gabriele Haefs

Kaiser Wilhelm und der Frust des Chamäleons

Von Gabriele Haefs

Gabriele Haefs_Miguel Ferraz

Foto: ©Miguel Ferraz

Als Übersetzerin muss ich ja eigentlich ein Chamäleon sein und in die Sprache von anderen schlüpfen, und dabei ganz neutral bleiben, es heißt ja schließlich „das“ Chamäleon. Aber oft denke ich, es könnte „der“ Chamäleon heißen – so männlich geprägt ist die Sprache in gar zu vielen Übersetzungen. Ich glaube nicht einmal, dass es so gewollt ist, aber das Männliche gilt nun einmal als „normal“, und also wird männlich übersetzt und das soll dann „neutral“ sein. So ungefähr habe ich es immer wieder erlebt – und der Frust wird dann besonders groß, wenn ich es zur Sprache bringe und nur auf blöde Blicke stoße. Weiterlesen

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Impressionistisch, punkig und knallhart

61TDOi0mIWL._SX318_BO1,204,203,200_Diese Literaturempfehlung ist zuerst auf CULTurMAG erschienen.

Schwerer, heißer August. Unter der boshaften Eibe, die Tante Elfriedes Anwesen bewacht, bleibt es ebenso feuchtkalt wie in dem alten Kasten von Haus. Einiges ist in Bettina Bolls Leben passiert seit sie in „Die Hex ist tot“ ermittelte, halbtags, versteht sich. Die Kinder ihrer toten Schwester sind gewachsen, Tante Elfriede liegt auf dem Friedhof und der klapprige Taunus macht’s auch nicht mehr lange. Immerhin hat Boll die Chance, ihr Erbe zu Geld zu machen, das der kleinen Familie helfen würde, endlich aus dem schäbigen Plattenbau auszuziehen, ein Erbe mit einem bösen Geist allerdings, der sich nur verzieht, wenn Kinderlachen und Sonnenflecken das Haus durchfluten.

Das Haus. Es ist das erste Bild in diesem Roman – eines, das für Familie stehen kann – strahlt romantisch, flirrt impressionistisch, droht finster mit einem Geheimnis im Keller und entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Krass dagegen geschnitten die nächste Szene: Wir finden uns in einem Bordell am Stadtrand oder vielmehr im Kopf einer der Huren wieder, ganz nah, so als wäre ich du. Jung ist sie, viel zu jung, namenlos oder vielnamig mit verschwommener Identität. Ganz wunderbar dargestellt von der Autorin, die die Folgen früher Gewalterfahrung im brüchigen Selbst des Mädchens zeigt. Weiterlesen

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Verpackte Ebereschen & verschwiegene Gewalt

414UAcXH1QL._SX304_BO1204203200_Roman: Herbjørg Wassmo: Schritt für Schritt

(Diese dringende Literaturempfehlung ist auch bei CULTurMAG erschienen.)

Sie ist siebzehn, als sie ihren Sohn zur Welt bringt. Sie, die Namenlose, will den Sommerflirt, der zu der Schwangerschaft beitrug, nicht heiraten. Aber etwas tun muss sie, einen Beruf finden, damit sie sich und den Jungen durchbringen kann. Weder er noch die Eltern, noch der Dichter, der durch ihre Träume schreitet, haben Namen. Sie haben ausschließlich Funktionen. Vom Dichter ist anzunehmen, dass es sich um Knud Hamsun handelt (er erhielt den Nobelpreis und eine Verurteilung wegen Kollaboration mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs). In der Funktion steckt – frei nach Hannah Arendt – zumindest die Möglichkeit von Grausamkeit, denn extrem gedacht, handeln wir in ihr nicht als denkende Wesen. Im Roman beschreibt die Namenlosigkeit die Fremdheit und Abgespaltenheit von sich selbst und der Welt. Doch nicht alle sind ohne Namen. Raskolnikow nicht und nicht Simone de Beauvoir, die Schriftstellerin Sara nicht und nicht die arme Marie.  Weiterlesen

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Der gute Feminist

Treppe chl.JPGImmer wieder bin ich Männern begegnet, die sich als Feministen bezeichnen. Durchaus mit Stolz und mit der sichtlichen Überzeugung, ethisch auf der richtigen Seite zu stehen.

Doch mir wird’s bei solchen Adaptionen eines feministischen Kampfs um Chancengleichheit durch Männer eher unbehaglich. Warum eigentlich? Erste Frage: Brauchen wir Frauen derartige Charity-Veranstaltungen? Zweite Frage: Welches Interesse hat ein Mann daran, unsere Sache zu befördern, abgesehen davon, dass er Aufmerksamkeit bekommt? Er würde Macht, Erfolg und Einkommen an uns verlieren, wenn er es ernst meint. Dritte Frage: Oder ist es nur eine ritterliche Geste, und damit auch eine uralte männliche Geste?

Egal, ob wir glauben, dass wir den Kampf (beispielsweise von Autorinnen für mehr Anerkennung in den Feuilletons und mehr Literaturpreise) alleine gegen die Männer  kämpfen müssen oder aber nur zusammen mit den Männern gewinnen können, ein Manko steckt im Feministen: Als Mann, der Macht, Erfolgschancen und damit Einkommen abgibt, tut er das freiwillig. Er gewährt uns, den weniger chancenreichen Frauen, einen Bonus. Er kann sich jederzeit entscheiden, es nicht mehr zu tun und sogar gegen uns zu kämpfen, zum Beispiel weil er sauer ist, dass wir nicht dankbar genug sind. Wir aber können uns nicht jederzeit entscheiden, keine Diskriminierung mehr zu erleiden. Weiterlesen

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Doris Gercke: Wie man einen Krimi schreibt (oder auch nicht)

Doris Gercke zog und zieht Bilanz.
Den hier folgenden kleinen Vortrag hielt sie 1995 aus Anlass einer Ausstellung über den Kriminalroman im Literatur-Archiv in Marbach. Es geht darin um die Prinzipien, nach denen sie ihre Arbeit gestaltete.

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Foto: DEFF Westerkamp

Sehr geehrte Damen und Herren,
manchmal, nicht nur von den Veranstaltern hier, und vielleicht, jetzt auch von Ihnen, werde ich gefragt, wie man einen Krimi schreibt.
Ich hab darüber nachgedacht und festgestellt: Ich weiß nicht, wie „man“ einen Krimi schreibt.
Deshalb könnte ich, eine einfache Antwort auf eine einfache Frage, meine Überlegungen hier schon beenden. Auch kurze Antworten, wenn sie denn wahr sind, sollten ja ihr Geld wert sein.
Da ich aber ein paar andere Dinge weiß, die mit dem Thema zusammenhängen und die Sie, vielleicht, interessieren werden, rede ich noch ein bisschen.

So weiß ich zum Beispiel, dank des Katalogs zu dieser Ausstellung, wie ein dummer Mann sich vorstellt, dass eine Frau einen Krimi schreibt.
Da Sie, vielleicht, noch nicht alle diesen Katalog studiert haben, zitiere ich: „Und erst die Frauenkommissarinnen in der neu-deutschen Krimilandschaft! Die sind dann ja richtig der Gipfel an zeitgeistiger Rechtschaffenheit, ökologisch und emanzipationsmäßig (ich bitte Sie, das Wort „emanzipationsmäßig“ besonders zu würdigen, DG) auf der Höhe, immer ein tadelndes Wort für Andersdenkende auf den Lippen, fit in allen Betroffenheitsritualen und natürlich mit Birkenstock flott zu Fahrrad … Paff, selbst hartgesottene Gangster gestehen plötzlich detailverliebt ihre Missetaten. Alles wieder im Lot“. Und weiter unten: „Der Krimi braucht Charaktere mit Tiefenschärfe … was er nicht braucht, sind reaktionäre Bullen (Kommissarinnen eingeschlossen).“ Weiterlesen

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Mit feministischem Realismus im Genre den Blick aufs Zeitgeschehen schärfen

_757FV5V0ACPolitische Kriminal- und Noir-Literatur von Frauen erzählt eine andere Geschichte

von Else Laudan

Auch wenn ich keineswegs glaube, dass gute Bücher im Handumdrehen die Welt verbessern: Die Art, wie in unserer Kultur Wirklichkeit abgebildet wird, macht in der Weltwahrnehmung lesender Menschen einen Unterschied aus. In diesem Sinne hat Literatur Einfluss und Verantwortung. Je mehr Leute ein Buch erreicht, desto mehr kann es bewirken.

Die von politischen Krimiautorinnen gezeigte Wirklichkeit ist voller Handlungsbedarf. _police-29859__340Denn noch in der besten Demokratie, fast weltweit, sind Gier und Gewalt akzeptabel, ist der Maßstab korrekten Verhaltens ökonomischer Erfolg. Die Folgen: Zerstörung, Ausbeutung, Konkurrenz, Korruption, Intoleranz, Krieg, Hunger, Perspektivlosigkeit, Ungleichheit, diverse Formen alltäglicher Gewalt. Obwohl gute Politkrimis eine beeindruckende Tradition darin haben, all das sichtbar zu machen, ist auch im Genre die vorherrschende Erzählperspektive weiß, männlich, mittelständisch oder Elite. Das ist in der Literatur fest tradiert, genau wie in der gängigen Lesart der Menschheitsgeschichte – und daran hat sich nicht genug geändert, caesar-1863693_960_720seit Brecht 1935 schrieb:

Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? (…) Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?

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Die eigene Stimme

Zoë Beck

Die BücherFrauen Berlin organisierten letztens einen Stimm-Coaching-Workshop. Eine kleine Gruppe, ausschließlich Frauen, fand sich für ein Wochenende zusammen und nahm – wie ich hoffe – Wissen, Anregungen und nachhaltige Übungen mit.

Ich hatte zu diesem Workshop angeregt, weil ich am Weltfrauentag im letzten Jahr bei einer Veranstaltung der Speakerinnen viele interessante Frauen kennenlernen durfte. Auf der Bühne sowieso, aber auch abseits der Bühne. Diese Frauen abseits der Bühne erzählten mir von ihren Jobs und ihren Engagements und ihrem Privatleben, sie erzählten unglaublich beeindruckende Dinge, und ich fragte, weil es die Veranstaltung ja nahelegte: „Ihr seid also auch bei den Speakerinnen registriert?“ Die meisten sagten: „Nein. Worüber soll ich denn reden? Ich bin doch keine Expertin.“
Das tat mir weh. Vor allem auch deshalb, weil direkt gegenüber eine andere Veranstaltung zu beobachten war, man konnte sehr gut durch die großen Glasscheiben rüberschauen, auf der sich lauter gut geOLYMPUS DIGITAL CAMERAlaunte, Anzug tragende…

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Lasst uns singen, Schwestern

… am einzigen unsrigen Tag von den 365.

James Oppenheim schrieb den Text zu diesem Lied, das zum Streik der Textilarbeiter*innen am 11. Januar 1912 den Soundtrack bildete. 14 000 Menschen gingen auf die Straßen von Lawrence, Massachusetts, USA, –  gegen Hungerlöhne, Kinderarbeit und  inhumane Arbeitsbedingungen. Die Frauen demonstrierten in vorderster Front.

brot und rosen

Zweifellos ist in den letzten 100 Jahren eine Menge passiert. Und wir Mitteleuropäerinnen führen durch Glück, Kampf und die Folgen der Kolonialisierung ein vergleichsweise privilegiertes Leben. Aber unsere Rechte sind längst nicht durchgesetzt, auch wenn sie in der Verfassung verankert sind. Sie werden angezweifelt und stehen auf schwankendem Grund. Das jedenfalls ist die alltägliche Erfahrung. Ich brauche keiner zu erzählen, was alles nicht geht. Oder doch? Soll ich echt noch mal von den fehlenden Frauen in Führungspositionen, in der Politik, von Gewalt, Herabsetzung, zweifelhafter Arbeitsteilung und von der „Einkommenslücke“ reden? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine Forderung seit … der Industrialisierung. Guckstu hier einen Artikel über „Care-Arbeit“.  Ach …

Heute lasst uns singen und tanzen und trinken! Und im nächsten Jahr machen wir einen Weiberstreik! Nur einen einzigen Tag lang. Wir malen uns die Lippen rot, drücken den Liebsten die Kids in die Arme, schreiben ihnen Zettel, wie Oppas Pflege zu handhaben ist Mundund wie die scheiß Wäsche. Wir gehen nicht ins Büro, Krankenhaus, in die Gärtnereien und Kitas. Keine von uns schreibt einen einzigen klugen Satz. Wir packen Bier und belegte Brote auf Wagen, ziehen durch Städte und Dörfer und gucken uns das Chaos an. Ein bisschen Katastrophenwatching. Denn so ein Weiberstreik bringt mal kurz das Land und das Leben aus der Ordnung. So gründlich wie ein Frühlingsorkan oder wie eine Geburt.

Na, wie klingt das? Macht Ihr mit?

 

 

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8. März. Für Gleichberechtigung und gegen Krieg.

Kurz und knapp: Der Internationale Frauentag, Weltfrauentag oder Frauenkampftag entstand als sozialistische Initiative im Kampf um Gleichberechtigung und Wahlrecht für zetkinFrauen. Clara Zetkin regte 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages an. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde der Frauentag zum Aktionstag gegen den Krieg. Vor hundert Jahren, 1917, streikten am 8. März in Sankt Petersburg Arbeiter-, Soldaten- und Bauernfrauen. 1975 ernannten die Vereinten Nationen den 8. März zum Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden. Ausgerichtet wurde er von einer Gruppe Frauen im UN-Sekretariat, die sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz organisiert hatten und für die Beschäftigung von Frauen in den UN eintraten. Immer mal wieder gibt es von verschiedenen Seiten lautstarke Versuche, den Frauentag abzuschaffen – mal stört der Feminismus an sich, mal die sozialistischen Wurzeln, mal wird behauptet, es sei doch längst alles erreicht. Das sehe ich nicht so. Alles Gute zum internationalen Frauentag!

Mehr über die Geschichte des 8. März u.a. hier: International Women’s Day und hier: 20000frauen

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