Vier Künstlerinnen seit den Karolingern

Als ich mir das neue Kunstbuch meines Sohnes ansah, entdeckte ich, dass es seit den Karolingern in unserem Kulturraum offenbar nur vier wichtige bildende Künstlerinnen gegeben hat – im Gegensatz zu 186 Künstlern. Zeit für eine Korrektur an der Schule.

st Phalle

Oben: Unter der Abbildung des Strawinsky-Brunnes, den Niki de St. Phalle zusammen mit Jean Tingueley schuf, ist ihr Name noch genannt, doch dann verliert sich in dem Lehrbuch „Perspektiven der Kunst“ von Winfried Nerdinger (Hrg.) jede Spur von ihr.

Offener Brief

An Direktion, Lehrer*innen und Gremien des Helmholtz-Gymnasiums Zweibrücken

Protest gegen Kunstlehrbuch „Perspektiven der Kunst“ im Oberstufenunterricht, offener Brief

sehr geehrte Damen und Herren,

als Mutter von zwei Schülern ihrer Schule protestiere ich gegen die Verwendung des Buches „Perspektiven der Kunst“ von Winfried Nerdinger (Oldenbourg) in Kunstunterricht an ihrer Oberstufe.

Ich halte das Buch für skandalös ungeeignet, jungen Menschen einen Überblick über die Kunstgeschichte in unserem Kulturraum zu geben. Dieses Buch erhebt den Anspruch, Stand der Wissenschaft und Abbild der gesellschaftlichen Gegebenheiten zu sein. Genau darum müssten auch Werke von Frauen aufgeführt sein. Die sind aber nicht drin. Von schätzungsweise sechzig in Einzelkapiteln vorgestellten Kunstschaffenden ist nur eine – die letzte, Cindy Sherman, eine Frau. Bei den Kurzbiografien habe ich mir die Mühe gemacht, genau nachzuzählen: Da stehen 186 Männer 4 Frauen gegenüber: Maina-Miriam Munski, Käthe Kollwitz, Wera Ignatjewna Muchina und Cindy Sherman. Das sollen laut Ihrem Lehrbuch alle wichtigen bildenden Künstlerinnen seit den Karolingern sein.

Besonders bezeichnend ist hier das Beispiel des in Fotografie gezeigten Strawinsky-Brunnens: Der ist eine gemeinsame Arbeit von Niki de St. Phalle und Jean Tingueley, aber nur Tingueley taucht in der Biografienliste auf. Ärgerlich auch, dass die megalomanen neoklassizistischen Arcades du Lac des Ricardo Bofill mit Bild und er selbst mit Biografie erwähnt sind, während das stilbildende Werk und die Person der bedeutenden klassizistischen Malerin Angelika Kauffmann schlicht ignoriert werden.

Insgesamt müssten spätestens (wenn man Hildegard von Bingen und andere, namenlose Nonnen nicht mitzählt) ab den Kapiteln über die Renaissance Frauen zu finden sein, zum Beispiel die wunderbare Sfonisba Anguissola, eine begnadete und angesehene Portraitistin aus der Renaissance, dann Marietta Robusti, deren Werke für Tintorettos gehalten wurden, Artemisia Gentileschi (Barock), Judith Leyster, deren Werke für die von Franz Hals gehalten wurden, außerdem Maria Sybilla Merian, und Anna Dorothea Therbusch, um nur einige große Künstlerinnen aus der frühen Neuzeit zu nennen. Ganz besonders fehlen mir außerdem Berthe Morisot, Paula Modersohn-Becker, Camille Claudel (Über Auguste Rodin gibt es ein ganzes Kapitel!), Frida Kahlo und etliche Künstlerinnen aus dem späteren zwanzigsten Jahrhundert, vor allem auch die großartige Architektin Zaha Hadid.

Das von Ihnen verwendete Buch ist unzeitgemäß, inhaltlich verzerrt und frauenfeindlich. Ihren Schüler*innen wird damit das Bild vermittelt, dass Kunst etwas ist, das nur von Männern gemacht wird und nur unter Männern überhaupt Wirkung und Nachhall erfahren kann. Kein Wunder, dass ich ständig beim Abendessen Diskussionen mit meinen Söhnen habe, die es lustig finden, mich mit der Behauptung zu provozieren, dass Frauen noch nie gemalt, geforscht, gebaut oder sonst etwas Wichtiges gemacht hätten. Wenn die das in der Schule gesagt kriegen.

Das ist auch der Anlass für meinen Brief: Ich habe mir erfreut das schöne neue Kunstbuch meines Sohnes angesehen, zu meiner Enttäuschung keine meiner Heldinnen darin gefunden und mein Missfallen darüber vor meinen Söhnen ausgedrückt. Die haben mich denn ganz freundlich gefragt, ob Frauen denn wirklich schon wichtige Kunst gemacht hätten („Nenn‘ uns eine einzige!“). Wenn ich bei einer solchen Frage auf die Informationen aus Ihrem „allgemeingültigen“ Lehrwerk angewiesen wäre, müsste ich allen Ernstes verneinen. Und wenn ich doch den Versuch unternähme, große kunstschaffende Frauen als Beispiele anzuführen, dann hätten deren Namen – die neben den Männernamen in den Köpfen Ihrer Schüler*innen verankert gehören! – dank der frauenverachtenden Praxis der selektiven Lehre so wenig Wiedererkennungswert, dass sie vermutlich von vielen Schüler*innen kaum ernst genommen würden. Aus diesem Gründen fühle ich mich als Künstlerin von Ihnen diskriminiert. Sie bringen meinen Kindern und allen in Ihrer Obhut befindlichen Jugendlichen bei, dass es Frauen in der Kunst nicht gibt.

Als Lektüre über Frauen in der Kunst empfehle ich „Das unterdrückte Talent“ von Germaine Greer, einen ganz guten Überblick bietet auch der Wikipedia-Artikel „Frauen in der Kunst“. Leider kenne ich zu wenige Schulkunstbücher, um eines empfehlen zu können, das Frauen in angemessener Weise berücksichtigt, und ich halte es auch für sehr gut möglich, dass es ein solches Buch gar nicht gibt. Trotzdem möchte ich aus den genannten Gründen nicht, dass Sie diese übel verzerrte Darstellung der Kunstgeschichte Jugendlichen an die Hand geben.

In diesem Zusammenhang könnte ich mir außerdem vorstellen, dass die Lektüreauswahl in Ihrem Oberstufenunterricht das literarische Schaffen von Frauen vernachlässigt. In Baden-Württemberg ist das zumindest so. Gerade zu den sogenannten Klassikern der Literatur zählen ja wieder fast nur Werke von Männern, mit denen dann auch noch inhaltlich trostlos veraltete und ärgerliche Frauenbilder weitergegeben werden. Auch da sollten wir vielleicht aus unseren jeweiligen Perspektiven noch einmal kritisch prüfen.

Dies ist ein offener Brief, den ich im online-Forum von herland (www.herlandnews.com oder bei facebook, dort auch alle Infos über die Gruppe) und gegebenenfalls in weiteren maßgeblichen Foren und auf meiner Homepage veröffentlichen werde.

Danke und mit besten Grüßen,

Monika Geier

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