Ich möchte Lesley Nneka Arimah huldigen.

Besprechung von Else Laudan

Diese Autorin hat mich umgehauen. Sie hat mich gepackt, durchgeschüttelt, zum Lachen gebracht, mir Tränen in die Augen getrieben und mich in Staunen versetzt. Ihr Buch heißt: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt.

Wie hat diese Schriftstellerin es bloß angestellt, mich dermaßen zu verblüffen? Sie hat mir konzentrierte Dosen hellsichtiger Desillusionierung verpasst, die ein Nachflimmern traumhafter Bilder und Episoden erzeugen. Nicht jeder Traum ist schön. Keiner nett.

Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt ist ein Kurzgeschichtenband, und Kurzgeschichten sind an sich sehr selten meins. Ich bin eine Romanleserin, in erster Linie eine Leserin von guten politischen Kriminalromanen, und Shortstorys finde ich fast immer unbefriedigend. Es gibt jedoch Ausnahmen. Manche sind so hammermäßig auf dem Punkt, dass ich mich verneigen will. Manche sind wundervoll abgründig. Manche haben diesen gewissen Biss in der Pointe. Manche fassen trotz ihrer Kürze eine Welt in Worte, oder ein Phänomen. Manche malen einfach ein Bild, das im Kopf hängenbleibt. Die Geschichten von Lesley Nneka Arimah sind und tun dies alles auf einmal. Übersetzt sind sie von Zoë Beck.

Jede einzelne der zwölf Storys in diesem Band hat mich umgehauen. Zwei davon haben mich gleich zweimal überwältigt, die eine, weil ich nach nicht mal der Hälfte so unter Strom stand vor Erregung über diese Art des Erzählens, dass ich sie weglegen musste – ich war einfach randvoll mit Beeindrucktsein, mehr ging nicht rein – und erst am nächsten Tag weiterlas. Die andere, weil ich sie sofort noch ein zweites Mal lesen musste, da ich es nicht fassen konnte. Letzteres ist die titelgebende Story Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt, sehr düster und ein bisschen SF und furchtbar raffiniert, und Stanisław Lem hätte vor Freude einen Kopfstand gemacht. Vielleicht hätte er aber auch geweint. Ich hab geweint.

Lesley Nneka Arimah fängt mich wie einen Schmetterling mit einem zarten Netz, es ist nur aus Worten, aber es gibt kein Entrinnen. Sie fängt mich und zeigt mir Wahrheiten, literarisch glühende skalpellscharfe Splitter aus knallharter Wahrheit. Ein bisschen magischer Realismus, ein bisschen Noir, was Humoreskes, was Märchenhaftes, mal ein Hauch von Grusel zwischen Shelley und Lovecraft, aber solche Vergleiche erübrigen sich schnell, es ist nichts von alledem und alles zugleich.

Arimah01Manche der Storys sind jung, ungestüm, mitreißend, rebellisch, alles klar – bis eine Pointe unbemerkt von hinten kommt und dir eins überzieht und du beschämt bis auf den Grund siehst. Einige Geschichten erschaffen eine Abfolge unendlich faszinierender Bilder im Kopf, du richtest dich im Staunen ein und genießt, bis die Realität sandsturmgleich darüber herfällt, futsch und weg. Manche Storys sind regelrecht böse. Nicht Roald-Dahl-böse, wo man gepflegt ein bisschen den eigenen schlechten Charakter ausagiert, indem man über makabre Gags unter der Gürtellinie grinst. Nein, weit ausgefuchster, denn in der Evilness einer Geschichte wie ›Fallobst‹ findest du keinen Platz für Häme, nicht mal als Zaungast, denn beim Lesen wird dir klar, dass es so – ja, genau so – wirklich ist auf der Welt und du es eigentlich am liebsten gar nicht wissen möchtest, aber es ist auch wiederum so unwiderstehlich geschrieben, dass du nicht aufhören kannst. Du siehst eine schreckliche Pointe auf dich zukommen, und dennoch hoffst du, dass die Möhre (vielleicht geht es ja diesmal gut aus?) dich da heil hindurchzieht und du womöglich sogar einmal an ihr naschen darfst. Und dann kommt die Pointe, und du merkst, dass du immer noch im Wolkenkuckucksheim warst, verzärtelt wie du nun mal bist.

Und das ganz verrückte daran ist, dass diese Geschichten nicht runterziehen. Lesley Nneka Arimah hat Storys geschrieben, die dich herausfordern, dich aufmischen. Die – so ging es mir zumindest – dich zu Tränen aufwühlen und gleichzeitig seltsam beglücken. Diese Geschichten hauen mich um – weil ich nicht wusste, dass es möglich ist, so zu schreiben. Überhaupt so hinzusehen. Und mir das Hinsehen so nahezubringen: schonungslos, inspirierend, umwerfend.

Das müssen alle lesen.

Lesley Nneka Arimah: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt. Storys. Übersetzt von Zoë Beck. Originaltitel: What It Means When a Man Falls from the Sky. CulturBooks Verlag 2019. Hardcover mit Lesebändchen. 200 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3-95988-105-0

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Über Else Laudan

Ich bin Else, seit 1988 als hartnäckige Feministin und Ariadne-Lektorin/Verlegerin unterwegs in der Kultur rund um den Krimi. Schlechte Schreibe, Leser/innenverarschung und die meisten sozialen Verhältnisse auf diesem Planeten finde ich kriminell. Natürlich diskutiere ich mit Begeisterung unser Projekt Ariadne: Bücher, Geschichte, Idee, Autorinnen, Label und Anspruch, alles. Krimis an sich faszinieren mich, und ich kommentiere alles gern.
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