Position von Uta Maria Heim

Uta-Maria Heim1Auszug aus: Toskanisches Blut

Geschichten erzählen von dem, wie wir die Welt sehen, so geht das auch bei Herland. (Der Kriminalroman von Uta Maria Heim erscheint voraussichtlich im Herbst 2019 bei Gmeiner.) 

Salvatore saß mit Diego in Simones Küche. Er stand auf und holte einen mit Büchern bedruckten Papphocker. Reinhild setzte sich über Eck. „Ich möchte in Florenz was Sinnvolles machen. Da ist doch morgen diese Demo …“

„Keine Demonstration, nur eine Kundgebung.“

„… wegen dem Mädchenmord in Apulien.“

Salvatore nickte. „Angelina. Hast du das mitbekommen?“

„Ja. Sie wurde von ihrem Freund erstochen. Giulia hat mir erzählt, ihr seid wie viele Homosexuelle auch in der Anti-Femizid-Bewegung aktiv.“

„Genau, Simone und ich unterstützen die Kampagne gegen Femminicidio, die gerade in Florenz am Erstarken ist.“

„Ich nicht“, sagte Diego. „Und im Gegensatz zu euch habe ich immer noch nicht vollends begriffen, was es damit auf sich hat.“

„Ich erkläre es dir. Ganz einfach.“ Reinhild holte tief Luft. „Das ist eine weltweite gesellschaftliche Bewegung. Die Gruppierungen sind international vernetzt und versuchen, Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen – vor allem im Hinblick auf Beziehungstaten. Und schwerpunktmäßig auch dort, wo es keinen Migrationshintergrund gibt. Denn wenn Frauen islamischer Herkunft misshandelt, missbraucht, mit Säure übergossen, gesteinigt oder auf andere Weise getötet werden, wird das von den Medien wahrgenommen. Allen anderen Frauen wird diese Aufmerksamkeit nicht zuteil. Hunderte von Frauen werden jährlich in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Bei den wenigsten hat das einen religiösen Hintergrund.“

Diego schwieg. Sein Gesichtsausdruck wirkte neutral, fast leer. Das Thema schien ihn nichts anzugehen. Möglicherweise langweilte es ihn sogar.

„In Italien ist das nicht anders.“ Salvatore grinste. „Wenn man jetzt mal unterstellt, dass der Katholizismus kein Glaubensmotiv beinhaltet. Wusste ich gar nicht, dass du dich in dieser Richtung auch engagierst. Hätte ich dir irgendwie gar nicht zugetraut.“

„Ich hab schon ganz andere Sachen gemacht“, sagte Reinhild. „Ich habe für den Dschihad gekämpft. Ich habe geglaubt, die Frauen dort seien emanzipiert, weil sie sich verschleiern und Maschinengewehre tragen. Das war aber ein Fehler.“

„Dann kannst du schießen?“, fragte Diego amüsiert.

„Ja, natürlich. Ich hatte allerdings ein Sturmgewehr. Schwäbische Präzisionsarbeit. Kompletter Murks. Es traf nie. Es schoss immer daneben.“

Am Sonntag schneite es. Flaumige Flocken fielen vom Himmel und blieben überall liegen, auf den Dächern der Palazzi, auf den Bäumen, den Autos, den Müllcontainern und auf dem Pflaster. Die Kuppel des Doms sah aus wie mit Puderzucker bestäubt, und Michelangelos „David“, der oben auf der Piazza della Signoria stand und entrückt auf die Stadt hinabsah, trug eine weiße Kapuzenjacke. Sie bedeckte nicht nur Kopf und Schultern der bekanntesten Skulptur der Welt, sondern verhüllte auch Nase und Geschlechtsteil.

Mittags um zwölf ging es los. Auf der Piazza drängten sich die Massen. Um den „David“ herum hatten sich Tausende von Menschen versammelt. Hunderte Male wurde er begeistert fotografiert – wobei es keinen scherte, dass die monumentale Statue nur eine Kopie war, und dass sich das Original schon seit 150 Jahren in der Galleria dell’ Accademia befand. Die Demonstranten hatten Plakate, Transparente und Megaphone dabei. Es wurden Sprüche skandiert und Reden gehalten. Eine Rockband spielte Livemusik. Ein Mädchen rezitierte ein Gedicht. Drei Persönlichkeiten des politischen Lebens stritten sich lautstark über Mikro.

Simone war noch zu schwach gewesen, um aufzustehen, aber Salvatore hatte ihm einen Pfefferminztee gekocht und ihn dann für ein paar Stunden alleingelassen. Mit Reinhild zusammen war er zu der Kundgebung gegangen, und nun standen sie direkt neben „Davids“ Sockel, mitten in einem Pulk von auswärtigen Feminismustouristinnen. Sie waren blond und tranken Glühwein aus Thermoskannen.

„Ich verstehe leider nicht viel“, brüllte Reinhild in den brandenden Beifall, als die drei Pappnasen endlich abtraten. „Dazu reicht mein Italienisch bei Weitem nicht.“

„Das war nur Wichtigtuerei“, erklärte Salvatore.

Plötzlich kam Unruhe auf. Aber der Tumult legte sich schnell wieder. Mit angehaltenem Atem verfolgte die Protestgemeinde das Happening. Ein barbusiges Cowgirl mit Kletterausrüstung und Rucksack verschaffte sich schreiend Platz. Die Femen-Aktivistin schwang ein Lasso, das sie um Davids Fessel schlang. Am Seil kletterte sie zur Skulptur hinauf. Oben stellte sie sich neben die fünf Meter hohe Statue und sicherte sich mit einem Karabinerhaken. Dann schlang sie das Lasso um Davids Hals. Als sie auf der Höhe seiner Lenden schwebte, befreite sie sein Geschlecht von der Schneeschicht. Es sah aus, als wollte sie ihn sexuell befriedigen. Sie rief: „Pero oh! Dai cazzooo!“

„Cazzo?“, fragte Reinhild.

„Das ist ein Wortspiel. Cazzo bedeutet Scheiße oder fuck, heißt aber auch Schwanz. Und das schon seit der Renaissance! Pero, also Birne, heißt auch Schwanz.“

Abermals brüllte die Aktivistin: „Perooo ohh! Dai cazzooo!“ Sie stöhnte wild und winkte dem Publikum zu.

„Sie feuert ihn an. Sie sagt, mach schon, komm“, übersetzte Salvatore.

„Dai cazzooo!“ Die Aktivistin küsste die Kopie von Davids Penis. Dann holte sie eine Steinsäge aus ihrem Rucksack.

„Was macht sie?“, fragte Reinhild.

„Sie schneidet David den Schwanz ab.“

Es gab ein langgezogenes stechendes Geräusch. Dann war es vorbei. Das Cowgirl ließ die Steinsäge fallen. Triumphierend hielt sie mit beiden Händen ein großes Stück Marmor hoch. Ein Raunen ging durch die Menge, ein langgezogenes „Ooooooh“.

„Und die Eier“, ergänzte Reinhild. „Schwanz und Eier. Sie hat ihm auch die Eier abgeschnitten.“

Plötzlich baumelte die Aktivistin reglos am Seil. Sie ließ die Trophäe fallen. Der schwere Marmorbrocken sprang auf den Sockel und krachte neben Reinhild auf den Boden. Sie konnte gerade noch ausweichen und zur Seite springen. Reinhild bückte sich, hob ihn auf, steckte ihn in ihre Umhängetasche, rempelte die Umstehenden an und rannte davon.

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