Vom gelben Stern über Südafrika bis zu Mimis Schnapskirschen

prosa

Geschichte ohne Sicherheitsabstand

von Else Laudan

Du kannst mit guten Romanen durch die Zeit reisen und um die Welt. Beim Lesen macht dein Geist die Bilder, anders als bei Filmen, und verstärkt das Gefühl, dabeigewesen zu sein. So kann ein Abschnitt der Geschichte, der vor der Lektüre aus abstrakter Kenntnis und Unkenntnis zusammengesetzt war, nach der Lektüre radikal belebt sein, als wärst du beteiligt gewesen, als hätte die geschilderte Zeit etwas Erinnerbares in dir hinterlassen, so wie selbst gelebte Geschichte Spuren in dir hinterlässt und was mit dir macht.

An meiner letzten Schule war Der gelbe Stern gelber-sternxPflichtlektüre, wir sahen mit 15 im Filmraum die Bilder von KZs, sprachlos, bedrückt, entsetzt oder wütend. Das Grauen war schwarzweiß. Schwarzweiß die Bilder, die im Gedächtnis hafteten als Chiffre für ungeheuerliches Unrecht, verbrecherische Politik, ekelerregende Hybris, perverse genozide Gewalt. Ich erfuhr Einiges darüber und fand es auch notwendig, zu wissen. Dass die gesamte Zeit 1933–1945 in meiner Vorstellung schwarzweiß war, fiel mir nicht auf. Bis es sich änderte.

Sie wurde unverhofft mehrfarbig, als ich Marge Piercys Roman Gone to Soldiers · Menschen im Krieg las. Die fiktionalisierten, aber historisch authentischen Erlebnisse der Romanpersonen, mit denen ich mitfieberte, setzten sich in meinen Kopf mit den Farben eigenen Erlebens, nicht im Schwarzweiß der Dokus. Das veränderte was in meinem Imaginären. Es kam zu einer schwindelerregenden Umwandlung von abgelegten Bildern und Informationen. Schwarzweiß transponierte sich ohne mein bewusstes Zutun in Echtfarben und kam so ein Stück näher. Es verließ die sichere Kategorie „das war damals, in der fernen Schwarzweißzeit“, rückte mir auf die Pelle, GTSging mich mehr an. Das war auch erschreckend, weil Distanz, na ja, schon auch emotional abschirmt. Aber vor allem war es verblüffend, einweihend, ein Schritt über eine bis dato unbemerkte Grenze und damit auch eine Befreiung. Eine Entfesselung des Vorstellungsvermögens und jener Antenne, die mir klarmacht, dass es um diese Welt geht, in der ich täglich wahrnehme, fühle, agiere.

Seitdem achte ich auf solche Effekte von Literatur. Sie sind nicht immer von so visueller Wucht. Der Wechsel einer historischen Epoche von schwarzweiß zu farbig ist ein krasser Fall und hat natürlich viel damit zu tun, dass all die Dokus und Fotos und Wochenschauen schwarzweiß waren. (Heute werden sie ja von den Fernseh-Geschichtsverkäufern gern mal nachträglich bunt eingefärbt, jedenfalls die lustige Panzerfahrt durchs Gelände – die Leichenberge und die skelettdürren KZ-Überlebenden eher nicht so.) Aber das Prinzip ist übertragbar: Aus Daten und Informationen wird was Persönlicheres, wenn die Erzählung menschlich packt. Das Fiktionale rückt dichter an die eigene Imaginations-, Gefühls- und Erfahrungswelt heran als die sachliche Info, bringt Geschichte mehr in die Nähe eigenen Erlebens. Diese Magie gerade realistischer Literatur ist eine große Stärke. Besonders wenn es um Orte oder Zeiten geht, für die ich kein Gefühl habe, die sich mir bislang nicht erlebnishaft erschlossen haben, mir „nichts sagen“, weil mein Abstand zu groß, meine selbst erfahrene Wirklichkeit zu weit davon entfernt ist.

Die Kriminalromane von Malla Nunn (Tal des Schweigens und Zeit der Finsternis) 179560992schenken meiner Vorstellungskraft den flirrenden Sommer im Veld von Natal, Südafrika 1952, ich sehe die Farbe der Schatten, die Form der Berge und Hütten, rieche die Aloen, höre den herrischen Unterton des Baas und die feinen Zwischentöne in den Dialogen, die von Hierarchien, auseinanderklaffenden Normalitäten und mühsamer, aber aktiver Positionierung in einer pervers rassistischen Unrechtsgesellschaft erzählen. Ich schmecke Kardamom im Funeral Rice und spüre die versteckte ohnmächtige Wut von Detective Sergeant Cooper, den helle Haut und dekoriert bewährte Nützlichkeit vor dem offiziellen Untermenschenstatus bewahren, erlebe aus seiner Sicht eine 1217_Nunn_Zeit-der-Finsternis-192x300Mordermittlung in der Frühphase der Apartheid, bevölkerte Geschichte. Die packende Erzählung bringt ein so großes Sensorium mit, dass das Gelesene beinahe an eigene Erfahrung grenzt, die Distanz schwindet durch die Kraft des Imaginären, eine ferne und fremde Welt dringt in meine Gewärtigkeit ein, in mein Repertoire an Welt im Kopf. Bereichernd.

Und dann gibt es Orte und Zeiten, für die ich ebenso wenig Gefühl habe wie für das Südafrika der 1950er, obwohl sie gar nicht so weit entfernt sind. Irgendwie ist der Abstand zu groß, ist meine selbst erfahrene Wirklichkeit zu weit weg, auch wenn mich kein Kontinent davon trennt.

Wie die Neunziger in, wie hieß das damals jubelnd, den neuen Bundesländern. Ich erinnere Bits und Pieces aus dem Fernsehen, den Medien, aus politischen Statements und kritischen Artikeln, es ging um Widersprüchliches, schwer Einzuordnendes, so wie Frauenvollzeitberufstätigkeit, gelebt als Bürde, weshalb der Backlash im Gewand der Gnade Einzug hielt, um Treuhand und Veruntreuung, ums Ende garantierter Kitaplätze, um die Heiligsprechung der Privatisierung alles Staatlichen. Ich erlebte am Rande meiner Wahrnehmung die Westkonservativen johlend im Rausch der Gleichsetzungen, Stasi=Gestapo, DDR=NS. Dann Neonazipogrome in sblhHoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen* – man sorgte sich, was war da los im wilden Osten, aber meine Kämpfe fanden woanders statt in dieser Zeit im saturierten Hamburg, die Frauenbewegung war gerade auseinandergelaufen, die Linke zerbröselt, alternative kulturelle Räume verschwanden von der Bildfläche, Feminismus wurde wieder anrüchig und die einst friedensbewegten Grünen machten Krieg, während die Neoliberalen laut und dreist in Siegerposen schwelgten und kaum noch wer  muckte. Da war der neue deutsche Osten irgendwie farblos. Ein blinder Fleck?

Eine erste Bresche schlug der Krimi Grenzfall in meine Wahrnehmung.  grenzfallDokumentarfilmerin Merle Kröger tobt sich beim Romaneschreiben im Erlebnishaften aus, fiktionalisiert brisanten Recherchestoff mit Empathie und Spielfilm-Rasanz, erzählt multiperspektivisch, atemlos direkt, mit maximalem Identifikationsfaktor. Grenzfall zieht kreuz und quer durch Europa 2012, rollt von Berlin aus einen wahren Fall neu auf, springt 20 Jahre rückwärts nach Mecklenburg-Vorpommern, bis ein Mosaik konkreter Lebensläufe entsteht, das wahrnehmbar den Horizont verrückt, weitet, dehnt, andere Existenzen fühlbar macht als die gewohnten. Unmöglich, dieses Buch ohne Verlust von Vorurteilen zu lesen. Wie von selbst geht der Blick über den Tellerrand. Der blinde Fleck kriegt Risse.

Und jetzt Manja Präkels. Ihr Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß katapultiert mich von der distanzierten Außensicht mittenrein ins Brandenburg der Vorwende-, Wende- und Nachwendezeit – was auch wehtut. Sie erzählt unter die Haut dringend vom Leben in dieser Geschichte als Heranwachsende. Du steckst drin beim Lesen. Manja Präkels schreibt fließend, gehaltvoll, wohltuend klischeefrei und direkt, du erlebst Szenen einer Alltagskultur, an deren nachträglicher Annullierung in folgenden Dekaden gründlich gearbeitet werden wird.

Ich erinnere mich an den Geruch der Kreide, mit der sie das Spielfeld markierten. An den Geschmack von Sprudel und Bratwurst.

Mimi, die mit Oliver Schnapskirschen aß, hüpft erst mal in fast filigranen Schlaglichtern durch ihre Kindheit, die mir Vertrautes aufblitzen lässt. Mit acht sah ich Samstags Professor Flimmrichs Kinderfilme, verschlang Jugendromane aus dem Verlag neues Leben. Auch davon swingt unterschwellig was in diesem Roman. Das Vertraute wird weder überhöht noch überheblich preisgegeben, bloß erzählt, lebendig, gut, anspielungsreich. Mit einem Hauch schwermütigen Entwachsenseins und mit Humor, der nie die Menschen denunziert.

landEs ginge darum, sich in die Lage der werktätigen Massen versetzen zu können, erklärte der Lehrer in weihevollem Ton. Ich saß an einem automatischen Schraubendreher am Ende des Fließbandes. (…)
Nach der ersten Schicht waren wir uns einig: Die Werktätigen würden schon bald an Langeweile sterben
.

Doch es ist letztlich kein Spaß. Illusionen platzen, wie sie es immer tun. In dieser so unprätentiösen Erzählung erlebst du, wie der Zerfall des Ostblocks langsam im Alltag einsickert, toll geschrieben, ohne Zeigefinger. Aber noch ist es nicht so weit. Nur Nachbars Zombiefilme lassen ahnen, was vielleicht das Alte ablösen könnte.

Eine neue Welle der Gemeinheit kroch über Straßen und Plätze in das Neubaugebiet, erreichte bald unser Klassenzimmer. 

Eher lakonisch vermerkt Mimi, wie sich die Schulhofluft ändert, dicker wird. Noch eine Schulfahrt nach Polen, Bestürzung über das dort viel grauere Grau. Dann schwappt eine echt skurrile Woge über alles hinweg. Mauerfall, Westmode, Kohl und D-Mark, wobei man die Party irgendwie verpasst hat. Butterfahrt nach Hamburg. Ein Russischlehrer erhängt sich. Leise grassiert wieder Abstumpfung, Snapseedwährend Einzelne lauten Auftrieb bekommen. Bis Skinheads Schulhofstars werden und ein bösartiger faschistoider Ton um sich greift, dem niemand was entgegenzusetzen hat.

Manja Präkels’ Roman beleuchtet eine im Schatten versteckte Zeit, verwandelt einen diffusen, in sicherem Abstand gehaltenen Phantomschmerz in spürbaren Schock.
Vorne, als Kind, hieß es:

Den Faschismus, den hatte das Sowjetvolk ein für alle Mal besiegt. Und mit ihm alle Nazis, bis auf ein paar, die bald sterben würden. Drüben, im Westen.

Das kannst du beim Lesen fühlen, wie auch die Ungewappnetheit und das folgende spröder erzählte, aufwühlende Ringen um einen Weg, der nicht in Blindheit oder in den Hass führt. Gelingt es? Lest selbst, es lohnt sich.

Nach der Lektüre klafft schmerzhaft die offene Frage, wie wir je Gesellschaft gemeinsam machen könnten, wir alle.  vehicle

Und trotzdem hinterlässt dieser starke Roman Wärme und Licht. Die Wärme einer Chronistin mit offenem Visier, die es schafft, im Erzählen bei den Menschen zu bleiben. Und das Licht, das die erlebte Geschichte dem wirren Morast propagandistischer Tünche entreißt und ihr ins Gesicht guckt.
Da fängt das Lernen an.

 

Die erwähnten Bücher:

  • Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
    (Verbrecher Verlag 2017, ISBN 978-3-95732-272-2)
  • Merle Kröger: Grenzfall (ISBN 978-3-86754-210-4)
  • Malla Nunn: Tal des Schweigens (ISBN 978-3-86754-207-4),
    Zeit der Finsternis
    (ISBN 978-3-86754-217-3)
  • Marge Piercy: Gone to Soldiers · Menschen im Krieg (ISBN 978-3-86754-400-9)
  • Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern. Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945 (Bildband. ISBN 978-3-86754-102-2)

Anmerkung:
*  Rostock-Lichtenhagen 1992 – dazu gibt es hier einen Eintrag, der die Ereignisse sachlich referiert und das politische Geschehen aufschlussreich kontextualisiert:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Rostock-Lichtenhagen

 

 

Über Else Laudan

Ich bin Else, seit 1988 als hartnäckige Feministin und Ariadne-Lektorin/Verlegerin unterwegs in der Kultur rund um den Krimi. Schlechte Schreibe, Leser/innenverarschung und die meisten sozialen Verhältnisse auf diesem Planeten finde ich kriminell. Natürlich diskutiere ich mit Begeisterung unser Projekt Ariadne: Bücher, Geschichte, Idee, Autorinnen, Label und Anspruch, alles. Krimis an sich faszinieren mich, und ich kommentiere alles gern.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Geschichten, Gesellschaft, Literaturempfehlung, Rezension abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s