Position – Die Mauer muss fallen

katja_ret-200x300Von Katja Bohnet

Du kannst als Schriftstellerin nur Feministin sein. Die Frauen, die es noch nicht sind, werden dazu. Noch nie habe ich Frauenfeindlichkeit so subtil wie im Literaturbetrieb erlebt. Es ist diese salonfähige, höfliche Misogynie. Mir hat, seitdem ich schreibe, nie ein Mann an die Brust gegrapscht oder sexuelle Gefälligkeiten eingefordert. Nie. Aber Männer erklären dir nett die Welt. Männer zeigen dir höflich, wo dein Platz ist. Männer loben dich, halten dir die Türe auf, aber sie lesen deine Romane nicht. Männer benutzen für deine Arbeit schwache Worte und Verben, für die Arbeit ihrer Buddys nicht. Viele Männer sind schlecht vorbereitet, wenn sie mit dir zusammen arbeiten. Manche Männer ignorieren dich auf eine höchst charmante Art.
Natürlich sind nicht ALLE Männer so. Aber die überwiegende Mehrheit, zu viele allemal.
Diese bunt und fröhlich angemalte Mauer, die dort steht, weil sie schon so lange dort ist, diese Mauer muss fallen.
Kaum zu glauben, wie lange sich diese dezente Frauenfeindlichkeit schon hält.
Romane von Männern werden vorgestellt und besprochen.
Schriftstellerinnen schauen zu.
Männer empfehlen Männer.
Schriftstellerinnen sehen zu.
Männer werden als Professoren, Redner und Dozenten eingestellt.
Im Publikum sitzen mehrheitlich Frauen und hören zu.
Männer schreiben über Männer.
Frauen kaufen und lesen ihre Texte.
Männer besetzen leitende Positionen.
Frauen arbeiten zu.
Männer moderieren Sendungen und laden Männer dazu ein.
Frauen sehen zu.
Auf Männer hört die Welt.
Frauen hören zu.

korsett1Mit Korsett und komplizierter Stickarbeit

Männer solidarisieren sich, erwähnen sich gegenseitig, spielen sich die Bälle zu und trinken abends gemeinsam an der Bar. Dort schanzt man sich Jobs, Preise und Gefälligkeiten zu. Das Alter spielt keine Rolle. Die jungen Hipster verhalten sich wie die alten Hasen. Höflich, wohl wissend, dass zu einem Männerclub nur Männer Zutritt haben.
An der Universität glaubte ich, dass wir uns in feministischer Filmkritik, in den Gender Studies in Anglistik, mit der Vergangenheit beschäftigen würden. Einer Vergangenheit, die für Frauen in Korsett und Reifrock, ohne Wahlrecht, ausgestattet mit einer komplizierten Stickarbeit, traurig war. Im Vergleich dazu sah unsere Zukunft rosig aus. Wir würden uns mit Frauenfeindlichkeit nicht mehr abfinden müssen. Alles nur eine Frage der Zeit, die entscheidenden Schlachten waren von anderen Frauen bereits geschlagen worden, die Entwicklung schien linear. Wir waren selbstbewusst und stolz, gut ausgebildet, Frauen schlossen oft als Beste ab. Es konnte nur besser werden.
Weit gefehlt!

strauß2Zufall und System

2018. Alle kennen die Zahlen. Frauen fehlen zu oft in der Rechnung, Mann plus Mann kann nur Mann ergeben, aber keinen interessiert’s.
Seit Jahren liegen Zahlen vor. Männer sagen: Legt uns doch erst mal Zahlen vor!
Frauen verfassen kritische Texte. Männer fragen: Wie war das noch mal im Mittelteil?
Frauen sprechen Probleme an. Männer sagen: Oh bitte, die Diskussion ist doch ein alter Hut!
Das ist verdammt tragisch, aber leider wahr. Durch beharrliches Leugnen verschwindet diese Ungerechtigkeit jedoch nicht. Vogel Strauß Taktik: Wenn Männer den Kopf im Sand stecken, sehen sie einfach kein Problem.
Frauen werden konkret. Männer entdecken die Abstraktion: Wir müssen das große Ganze sehen. Damit sich bloß keiner mit der Realität und Einzelfällen beschäftigen muss.
Frauen wollen über Frauen sprechen. Männer fragen: Und was ist mit UNS? Hauptsache, jede Diskussion dreht sich früher oder später wieder um sie.
Männer sagen: Wir suchen Romane nicht nach dem Geschlecht aus.
Kann man ja behaupten. Als wäre das ein Diktum, keine latente oder offene Verweigerungshaltung, diese „Reh-im-Scheinwerferlicht-hafte“ Naivität. Als gäbe es keinen männlich geprägten Blick. Als wäre der gewohnte Griff zu Literatur von Männern purer Zufall.
Und so grüßen das Murmeltier, Friedrich Nietzsche und die ewige Wiederkehr. Kritik, Jury, Sprecher, Preisträger: Männer. Seit Jahren konsequent zufällig.
Ab wie viel hunderttausend Zufällen gelten Zufälle eigentlich als System?

spiegelIdentitätstiftung durch Spiegelblick

Natürlich kann ich keine Bestenliste, keine Sonderbeilage im Feuilleton, keine TV-Sendung, keine Zeitung, keinen Blog, keine Empfehlungen von Buchhändlern, keine „Die zehn besten Bücher dieses Sommers“, keine Nominiertenlisten mehr betrachten, ohne als erstes die frappierende Absenz von Schriftstellerinnen und Journalistinnen festzustellen. Warum mir das auffällt? Weil ich selbst eine Frau bin und als solche einfach fehle. Warum Männer das nicht bemerken? „Ich sehe mich, also bin ich.“ Weil sie sich überall wiederfinden, spiegeln — Lacan lässt grüßen — in übermächtiger, selbstbestätigender, grotesk hoher Zahl.

scrabbleEintrittskarte in die Männerwelt

Ich möchte aber nicht mehr nur über Ziffern sprechen, als wäre das die einzige Sprache, Währung, die Frauen gegenüber Männern rechtmäßig benutzen dürfen. Zahlen, Mathematik, die Eintrittskarte in die Männerwelt.

Ich will Buchstaben, Worte, Sätze. Ich will Veränderung. Ich will sie jetzt. Ich will Quoten, die einzigen Zahlen, die noch Gutes verheißen. Ich will, dass mehr Schriftstellerinnen ihre Rechte einfordern. Ich will, dass Literatur von Frauen begeistert vorgestellt wird. Ohne Wenn und Aber. Nicht wie etwas Kleines, Graues, das kaum alleine atmen kann. Ich will, dass mehr Männer die Sache der Frauen zur Chefsache machen. Weil sie es gut und gerecht finden, nicht, weil jemand (womöglich eine Redakteurin) sie dazu gezwungen hat. Weil es unser gemeinsames Schicksal betrifft. Ich will, dass Frauen mehr Raum einnehmen. Weil meine Mutter schon darauf warten musste und ich nicht mehr darauf warten mag.

Es reicht mir nicht mehr, dass sieben von zwanzig Rezensionen Romane von Schriftstellerinnen erörtern oder eine Shortlist neben vier Männern zwei Frauen nennt. Dass Jurys immer noch nicht paritätisch besetzt werden. Etwas besser ist nicht gut genug. Welcher Mann würde sich mit fünf von zwölf Punkten zufrieden geben? Diese Zustände sind lächerlich, ignorant. Sie beleidigen mich persönlich und meine Intelligenz.

augeAnachronismus und Weltherrschaft

Unglaublich, was Männern mit diesem blinden Fleck entgeht. Warum Gleichberechtigung nicht als Gewinn angesehen wird, warum latent die Angst vor dem Verlust von Privilegien umgeht. Warum Machtumverteilung nicht als Chance gesehen wird. Frauen wollen nicht die Weltherrschaft an sich reißen. Obwohl es an der Zeit wäre, schon zum x-ten Mal. Sie verlangen nur ihren fairen Anteil an Arbeit, Anerkennung, Gerechtigkeit und Sichtbarkeit. Nicht mehr und nicht weniger. Alle können dabei nur gewinnen.

Warum? Weil Frauen verdammt gut sind. Weil sie meiner Erfahrung nach im Job überlegter handeln und oft besser vorbereitet sind. Weil sie auch emotionale Intelligenz mitbringen. Weil sie häufig weitsichtiger, toleranter und weniger damit beschäftigt sind, allen zu zeigen, wer den Längsten hat.

Ich könnte laut schreien bei dem Wissen, das mich seit Jahren quält, dass ich meiner Tochter eine Welt überlasse, in der sie bei gleicher Qualifizierung, bei gleichem Engagement, weniger Chancen als meine Söhne hat. Wo ist diese gerechte Welt, die mir schon von meinen Eltern versprochen war? Frauen aus dieser Realität galant rauszurechnen, rauszuschreiben, konsequent und systematisch rauszuhalten ist unfair und anachronistisch. Es ist eine nicht wieder gut zu machende Ungerechtigkeit. Es ist empörend. Es sollte seit so unendlich vielen Jahren überhaupt kein Thema mehr sein.

Also wähle ich das „Team Frau“. Was spricht dagegen? Überhaupt nichts. Was spricht für HerLand? Alles spricht dafür.
1 + 1 = 2. Als Ergebnis muss ich Feministin sein.

HL

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4 Antworten zu Position – Die Mauer muss fallen

  1. Pingback: Story: Katja Bohnet: Das vierte Zimmer - CulturMag

  2. Liebe Katja Bohnet,
    ich wollte nur betonen, dass die soziale Rolle der Frau in früheren Jahrhunderten eher bescheiden war. Im öffentlichen Raum waren wohl nur die Prostituierten als die größte Frauengruppe präsent. Erst vor ungefähr hundert Jahren änderte sich das, und in der Wissenschaft und Kunst wurden die Frauen langsam wahrgenommen und anerkannt. Natürlich gab es schon immer wundervolle Schriftstellerinnen, aber die Zahl der Töchter aus gutem Hause, die sich diesen Luxus gönnen konnten, war eben begrenzt.
    Es stimmt zu mindestens für die männlichen Blogger, deren Blogs ich beobachte, nicht, dass sie mit Wenn und Abers über die Krimis von Frauen schreiben. Ich erinnere mich an viele Elogen z.B. Manotti, Cody, Buchholz, Beck. Es ist mir auch nicht (negativ) aufgefallen, dass männliche Literaturkritiker anders bewerten. Aber ich werde mal darauf achten. Die Rolle der Literaturkritik wird wohl in den nächsten Jahren sowieso abnehmen. Es wird sich nur noch ein kleiner Kreis von Enthusiasten daran orientieren. Vielleicht ist sie noch für die Buchhändler wichtig, wenn sie mal ein besonderes Buch empfehlen wollen. Nominiertenlisten soll man deshalb auch nicht überbewerten. Bei allem Respekt vor den AutorInnen.
    Herzlich H. Hidden

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  3. Liebe Katja Bohnet,
    ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu. Aber es kann nicht sein, dass in der Selbstbeschränkung die neue Freiheit liegen soll. Ich habe auch schon festgestellt, dass ich in früheren Zeiten mehr Büchern von Männer als von Frauen gelesen habe. Sicher lag es daran, dass in einer männergeprägten Welt die von Männern geschriebenen Bücher häufiger den Weg in die Weltliteratur fanden. Aber ganz sicher lag es auch an der Qualität. Heute ist die Bücherwelt eine andere, vielfältigere. Ich lese gern Bücher von Männern, einfach weil sich darin das andere Geschlecht äußert und ich über deren Denken und Fühlen etwas erfahren will. Ja, Ich suche diesen „männlich geprägten Blick“. Das Andere stellt sich immer als reizvoll dar. Ich habe auch häufig den Eindruck, dass mir das Denken, Fühlen sowieso, von Autorinnen näher ist, dass ich mich bei ihnen zu oft selber wiederfinde. Soll das der einzige Zweck von Literatur sein? Auch nicht konform gehe ich mit Ihrer Aufforderung, ( Zitat: Ich will, dass Literatur von Frauen begeistert vorgestellt wird. Ohne Wenn und Aber.) Ich halte nach wie vor Kritik für ein Kulturgut der zivilisierten Welt. Auseinandersetzung mit einem Buch ist in den meisten Fällen eine Aneignung im besonderen Maße. Ohne Kritik in den vielfältigsten Formen würde sich die Menschheit nicht weiterentwickeln. Und da Sie nicht die erste AutorIn sind, die diese Meinung vertritt, bin ich schon sehr verunsichert, ob ich überhaupt noch Rezensionen über Krimis von Autorinnen schreiben soll, deren Bücher ich nicht kritiklos hinnehmen will. Überhaupt wäre es dann damit getan, die Bücher in den Blogs nur noch hochzuhalten und kauft, kauft, kauft zu schreien.
    Ich bin immer dafür, Frauennetzwerke zu schaffen, um die strukturelle Gewalt einer Männergesellschaft aufzubrechen. Aber nicht um jeden Preis.
    Henny Hidden

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    • antigonet schreibt:

      Liebe Henny Hidden,
      was meinen Sie mit: „Ganz sicher lag es auch an der Qualität. Heute ist die Bücherwelt eine andere, vielfältigere“? Etwa: Früher konnten Frauen nicht schreiben, aber mittlerweile haben Sie es gelernt? Das bestreite ich im Namen all der wunderbaren Schriftstellerinnen, die es schon immer gab.

      Viele RedakteurInnen stellen in ihren Sendungen und Zeitungen hauptsächlich Bücher vor, die sie empfehlen. Sie möchten Ihre Zeit und Ihren Platz nicht Romanen widmen, die sie nicht begeistern. Wenn (was statistisch gesehen im Vergleich zu männlichen Autoren nicht häufig passiert) besonders gute Literatur von Frauen vorgestellt wird, geschieht das oft mit einem „Aber“. Bsp.: Herausragend erzählt, aber noch in der Umsetzung noch etwas unfertig. Tolle Figuren, aber die Liebesgeschichte: unnötig. Interessante Geschichte, aber löchriger Plot. Gelungen, aber erst mal sehen, ob sie das Niveau halten kann.“ Als müsse man sich zum Loben zwingen. Über Literatur von Männern wird häufiger uneingeschränkt begeistert geschrieben. Machen Sie doch einfach mal ein paar Stichproben bei den Blogs und Feuilletons! Nichts gegen die von Ihnen gewünschte Freiheit und Ausgewogenheit der Kritiker, aber bitte für beide Geschlechter fair.

      Frauennetzwerke: uneingeschränkte Zustimmung.
      Katja Bohnet

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