Unsichtbare Frauen über 40 mit Kleidergrößen über 40, oder: Warum wir unsere Gewohnheiten ändern müssen

von Zoë Beck

Natürlich ist es nichts Neues, was in der von Maria Furtwängler beauftragten Studie herausgekommen ist. Am Theater hatte ich vor zwanzig Jahren mit Schauspielerinnen zu tun, die genau das sagten: Gute Rollen gibt es nur für Männer, und ab dreißig wird’s für Frauen düster. Jetzt höre ich es seit über zehn Jahren von den Sprecherinnen im Synchronstudio: Frauenrollen sind dünn gesät, und wenn, sind sie für jung klingende Frauen. Es gibt Produktionen, bei denen auf Diversität geachtet wird („Orange Is The New Black“ ist das bekannteste Beispiel), ohne dass es nach Quoten-Irgendwas aussieht, sogar beim urenglischen „Inspector Barnaby“ hat sich endlich vieles verändert, aber was für die lineare Ausstrahlung im deutschen Fernsehen gedreht wird, scheint nicht dazuzugehören.

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Schildkröte, vermutl. über 40 Jahre alt.

Die Studie liefert nun also Zahlen für das, was ohnehin schon seit Jahrzehnten alle wussten, und gewisse Fernsehjournalisten (männl.) finden diese Zählerei trotzdem irgendwie unbehaglich, es könnte ja der status quo in Gefahr geraten. Kommentatoren (männl. in der Mehrzahl, aber auch nicht wenige weibl.) in den sozialen Medien schreiben gern darüber, der Publikumsgeschmack sei nun mal danach, warum also irgendwas ändern, wenn sich die Menschen nun mal nicht so gern (alte) Frauen ansehen und sich lieber von Männern die Welt erklären lassen.

Privilegien aufgeben tut weh, das macht man nicht gern, die Deutungshoheit lag schließlich immer schon so eindeutig klar beim (weißen) Manne …

In der Studie wurde nicht umsonst auch das Kinderprogramm mit untersucht. Da ist das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Hauptrollen noch größer, was vor allem heißt: Von Kind an wird einem beigebracht, dass Männer das Sagen haben, dass sie Entscheidungen treffen und gewisse Berufe ergreifen und schlicht sichtbarer sind als Frauen.

Was können wir tun, wir konkret als Schriftstellerinnen, bei unserer Arbeit? Frauen besser abbilden. Wenn ich so etwas sage, kommt gleich der Einwand: Aber wenn die Realität doch soundso ist – soll denn Literatur nicht auch Realität abbilden? Ja, darf sie, kann sie, manchmal soll sie es von mir aus auch, und selbst die Abwesenheit von Frauen kann man dann wunderbar thematisieren, wenn man zum Beispiel ganz realitätsgetreu eine Szene mit einem Vorstandstreffen beschreibt. Oder irgendwas mit Organisierter Kriminalität. Oder so. Denise Mina macht es immer sehr schön in ihren Büchern, wenn sie Frauen in ihrem normalen Alltag zeigt: welche Probleme sie haben, wie wenig selbstverständlich gewisse Dinge sind, wie sehr sie beruflich an so einigen Fronten zu kämpfen haben … Sie mag dieses Superfrauendings gar nicht.

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Frauen über 40, die Unsinn mit sich machen lassen. (links Beck, rechts Mina.)

Mina ist feministisch ohne erhobenen Zeigefinger, realistisch ohne Didaktik aber auch ohne Verklärung, und das ist einfach gut.

Die Welt abzubilden, wie sie ist – das ist ein Thema für uns alle. Ebenso wie: Die Welt abzubilden, wie sie sein könnte, im Guten wie im Schlechten. Oder: Die Welt völlig auf den Kopf zu stellen und neu zu erfinden. Wir entwerfen in unseren Geschichten ständig Welten. Wir kommentieren sie, wir politisieren sie, schon vom ersten Moment an, wenn wir ganz automatisch – mein Lieblingsbeispiel – von der Krankenschwester und dem Stationsarzt ausgehen, statt diesen Rollen in unseren Geschichten das jeweils andere Geschlecht zuzuweisen. (Schließlich gibt es sehr viele männliche Pflegekräfte und sehr viele Ärztinnen an den Krankenhäusern – warum aber haben wir es so anders verinnerlicht?)

Der Ruf nach einer Quote in vielen Bereichen wird immer wieder – und das finde ich richtig – damit verteidigt, dass Quoten eine Übergangslösung sind, um die bestehenden Strukturen aufzubrechen, und um die Denkweisen zu ändern. Um Vorbilder zu generieren und Normalität zu schaffen. Damit wir eben nicht nur an Anzugsträger denken, wenn wir über leitende Angestellte in der Buchbranche reden. Es geht tatsächlich vor allem um Gewohnheiten, und wir, als Autorinnen, können ein Stück weit dazu beitragen, Gewohnheiten zu verändern. Wie auch das Fernsehen bei der Produktion von Spielfilmen und Serien, bei der Auswahl von Moderator*innen an Sehgewohnheiten mitarbeitet, sie etabliert, sie verändern kann (bzw. könnte, wenn man es denn wollte). Ich schrieb schon mal darüber, welche Verantwortung wir mit unseren Texten haben, eben weil wir in jedem Text eine Aussage über unsere Weltsicht treffen, bewusst und unbewusst, und diese Aussage dann weitergeben.

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Ganz viele Frauen über 40, die Sachen sagen, öffentlich auf Bühnen.

Mehr Protagonistinnen? Ja. Aber nicht nur. Andere Männerfiguren, eben mit anderen Eigenschaften als üblich, sind auch wichtig. Vor allem die Nebenfiguren dürfen wir nicht vergessen. Da sind wir vielleicht noch mehr mit unserer Aufmerksamkeit, unserer Kreativität, unserer Verantwortung gefragt, weil wir aufpassen müssen, nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen. Nein, es soll nicht alles gegen den Strich gebürstet werden, aber es hilft doch, wenn wir, jede einzelne von uns, ob nun als Autorin oder Leserin oder Fernsehzuschauerin, sensibel auf das Thema der Rollenzuteilung schaut.

Ich jedenfalls mache es seit Jahren, das verdirbt einem manchmal auch eine Geschichte, die man ohne diese Aufmerksamkeitslenkung vermutlich genossen hätte, aber – nun. Passiert. Dafür ist die Freude umso größer, begegnet man einer gut durchdachten, überraschenden, auf Diversität angelegten und dabei unangestrengt wirkenden Rollenverteilung. Eine Freundin sagte mir letztens, sie habe den Eindruck, die BBC besetze absichtlich viele Eigenproduktionen gegen den Hollywood-Strich – und das dies der Grund sei, warum viele Leute diese Produktionen so sehr liebten. „Happy Valley“ zum Beispiel. Frauen über vierzig, und ihre Körpermaße entsprechen erfreulich der wirklichen echten Norm. Toll. Mehr davon.

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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4 Antworten zu Unsichtbare Frauen über 40 mit Kleidergrößen über 40, oder: Warum wir unsere Gewohnheiten ändern müssen

  1. Brakebusch schreibt:

    Wie es heißt, legt der Herausgeber der TV Spielfim die Covergirls auf der Titelseite stets selbst fest. Es sind ausnahmslos Blutungen, ätherische Frauen mit normierten, unbeschriebenen Gesichtern. Diversität Fehlanzeige. Ein älterer Herr drückt uns allen also seine eindimensionalen Vorstellungen von Schönheit auf. Da kann keine Rede sein von Massengeschmack. Die älteren Herren in Schlüsselpositionen und mit finanzieller Macht sorgen für bestimmte Weiblichkeitsbilder. Wir sollten also mal davon ausgehen, dass die nicht naturgegeben sind….

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  2. Sofasophia schreibt:

    Danke für diesen tollenText!

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  3. zoebeck schreibt:

    Hat dies auf Zoë Beck rebloggt.

    Gefällt 1 Person

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