Mein Unbehagen beim Büchermachen

Glass-Shore_Art2Von Gabriele Haefs

Das Problem mit diesem Unbehagen ist, dass ich es für den Moment noch nicht richtig in Worte fassen kann. Es ist nur da und es ist sehr präsent. Der Auslöser war ein eigentlich sehr gutes Buch mit Erzählungen von Autorinnen aus Nordirland – also der geographischen Region: die Autorinnen kommen auch aus den Counties, die heute zur Republik Irland gehören. Die Erzählungen entstanden zwischen 1840 und 2010, alle wurden auf Englisch geschrieben, und die Autorinnen sind manchmal sehr pro-irische Unabhängigkeit, manchmal sehr pro-britisch, bei einigen ist keine Meinung in dieser Frage zu bemerken, alle vertreten feministische Standpunkte, auch wenn sie nicht immer zu den Frauenbewegungen ihrer Zeit Stellung beziehen.

17.7.Die Geschichte „Eugenia“ von Sarah Grand (1854 – 1943) ist eine Art Kriminalgeschichte mit Rahmenhandlung. Die Kriminalgeschichte ist hinreißend. Eine Braut fordert den Bräutigam dazu heraus, bei herannahender Flut am Strand entlangzureiten, um zu sehen, wer schneller ist, das Wasser oder sie beide. Die Braut kommt durchnässt zu Hause an, der Bräutigam ertrinkt. Tragischer Unfall oder eine List der Frau, die den unerwünschten  und von ihrer Familie ausgesuchten Mann loswerden will? Die Autorin hat eine traditionell klingende  Ballade ersonnen, in der immer wieder die Zeile vorkommt „o wild, o wild, ah, well-a -day, does the bridegoom note that the bride is gay?“, die dann auch in der Rahmenhandlung auftaucht (und der Leserin noch Tage später im Kopf herumspukt). In der Rahmenhandlung wiederholt die Heldin das Manöver, sie und der Verehrer kommen zwar heil zu Hause an, aber er hat sich als Feigling blamiert. Er ist auch kein Mann nach dem Herzen einer selbstbewussten Frau von 1850. Wahnsinnig stolz auf seinen adligen Namen, hat all sein Geld vertan und will nun reich heiraten. Sie aber liebt ihren Nachbarn, der ist arm, aber ehrlich und fleißig, und Geld hat sie ja selbst. Doch weil er nicht in den Ruf geraten will, dass es ihm aufs Geld ankommt, geht er ihr aus dem Weg, und also muss sie ihm selbst einen Heiratsantrag machen. Damit ist also alles gut.

Aber in dieser Geschichte hat eine Stelle mich wirklich unangenehm berührt:

„With such women for the mothers of men, the English-speaking races should rule the world.“

Damit ist die tatkräftige Eugenia  gemeint, und es sollte sicher ein Kompliment sein, aber dennoch – wäre es denn schlechter, wenn sie Töchter bekäme? Und wieso ist ihre Selbständigkeit ein Argument für den britischen Imperialismus? Nun stammt die Geschichte von 1894,  und wir können Sarah Grand nicht mehr fragen, was sie sich bei diesem Satz gedacht hat. In einer Literaturgeschichte finde ich die Information, dass sie das Britische Empire ganz wunderbar fand und die Ansicht vertrat, es könnte nur von Bestand sein, wenn Frauen lernten, sich gesunde Männer (also solche, die keine Syphilis oder andere vererbbare Geschlechtskrankheiten hatten) zu suchen, eben, um gesunden Nachwuchs für die Kolonien in die Welt zu setzen. Erschreckend genug, aber viel wichtiger finde ich die Frage: Was hat sich die Herausgeberin gedacht? In ihren ausführlichen Kommentaren zur Auswahl und zu Leben und Stil der Autorinnen findet sich nichts dazu, also wird ihr der Satz wohl nicht übel aufgestoßen sein.

Da es nicht so einfach ist, zu einer mir persönlich total unbekannten Herausgeberin Kontakt aufzunehmen, frage ich irische Freundinnen. Die Reaktion ist immer die gleiche: „Was für ein blöder Sexismus!“ Damit ist der erste Teil des Satzes gemeint, und natürlich haben sie recht. Aber der zweite, der mit dem Imperialismus, fällt keiner auf, und wenn ich nachhake, heißt es, ach so, daran hat die Herausgeberin sicher nicht gedacht. Alles sehr unbefriedigend, weil mir der Satz solches Unbehagen bereitet. Klar, mir steckt die deutsche Geschichte in den Knochen und bei solchen Behauptungen schrillen zum Glück alle Alarmglocken. Doch die Herausgeberin der nordirischen Sammlung, die in ihr Buch Erzählungen aufnimmt, in denen der britische Imperialismus und dessen Auswirkungen auf Irland kritisiert werden, stolpert nicht über diesen Satz. Warum nicht, das ist die erste Frage. Und die nächste, die sich sozusagen von selbst ergibt,  und das Unbehagen wird noch größer, ist: Was übersehe ich, wenn ich Bücher zusammenstelle, auf welchem Auge bin ich blind? Ich habe keine Ahnung, natürlich nicht, sonst würde ich ja hoffentlich keine Unsäglichkeiten durchgehen lassen, ohne sie zu kommentieren, aber wenn ich doch blind dafür bin? Welche Möglichkeiten der Selbstkorrektur kann es dabei geben? Was machen andere, wenn sie Texte für Bücher aussuchen, wie geht ihr mit solchen Fragen um? Ich bin, wie ihr seht, ganz am Anfang mit meinen Überlegungen und Sorgen. Was meint ihr? Will jemand darüber diskutieren oder Erfahrungen austauschen?

Ich habe gerade ein Buch mit skandinavischen Weihnachtsgeschichten zusammengestellt, und da kann doch nicht viel passieren, sage ich mir beruhigend. Wirklich nicht? Kann ich da sicher sein? Das Unbehagen wächst.

Das Buch: The Glass Shore. Short Stories by Women Writers from the North of Ireland. Edited by Sinéad Gleeson, 2016, New Island Books, Dublin

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3 Antworten zu Mein Unbehagen beim Büchermachen

  1. ingeluett schreibt:

    O wie gut ich dieses Unbehagen verstehe, gerade wenn es um verantwortungsbewusstes Herausgeben geht!
    Es ist schon beim Lesen nicht einfach, heute schwer Erträgliches einfach unter der Rubrik „Mit Blick auf die Entstehungszeit zu lesen und aus ihr zu verstehen“ zu subsumieren. Auch im Werk von Charlotte Perkins Gilman (Autorin von „Herland“) gibt es solche Stellen: Spätestens bei ihrem Lösungsansatz, die jüdische Identität durch komplette Assimilation zu einem Vergangenheitsproblem werden zu lassen (in „With Her in Ourland“, dem Folgeband von „Herland“), kann ich mich vor lauter Alarmglocken nicht mehr auf das Lesen konzentrieren.
    Wäre ich also Herausgeberin, würde ich – hoffentlich – das Unsägliche weder unsagbar noch unsichtbar machen, vulgo: Keine „gereinigte Volksausgabe“, sondern Stellung beziehen. Im Vor-/Nachwort unbedingt. Wenn möglich, auch noch direkt in situ mit Fußnote. Oder wenigstens, wenn es ihn gibt, im biographischen Teil.

    Und zum Abschluss noch ein bisschen vorauseilendes Abbremsen einer eventuellen Apologie des naiven Überlesens: Gewiss, „the English-speaking races“ ließe sich auch trefflich dahingehend wohlmeinend missverstehen, die Autorin hätte auch Persons of Colour mit-meinen können, so diese denn Englisch sprächen. Das wäre allerdings eine reichlich aufwändige Gedankenkonstruktion, diese Einstellung auf Sarah Grand projizieren zu wollen.

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