Doris Gercke: Wie man einen Krimi schreibt (oder auch nicht)

Doris Gercke zog und zieht Bilanz.
Den hier folgenden kleinen Vortrag hielt sie 1995 aus Anlass einer Ausstellung über den Kriminalroman im Literatur-Archiv in Marbach. Es geht darin um die Prinzipien, nach denen sie ihre Arbeit gestaltete.

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Foto: DEFF Westerkamp

Sehr geehrte Damen und Herren,
manchmal, nicht nur von den Veranstaltern hier, und vielleicht, jetzt auch von Ihnen, werde ich gefragt, wie man einen Krimi schreibt.
Ich hab darüber nachgedacht und festgestellt: Ich weiß nicht, wie „man“ einen Krimi schreibt.
Deshalb könnte ich, eine einfache Antwort auf eine einfache Frage, meine Überlegungen hier schon beenden. Auch kurze Antworten, wenn sie denn wahr sind, sollten ja ihr Geld wert sein.
Da ich aber ein paar andere Dinge weiß, die mit dem Thema zusammenhängen und die Sie, vielleicht, interessieren werden, rede ich noch ein bisschen.

So weiß ich zum Beispiel, dank des Katalogs zu dieser Ausstellung, wie ein dummer Mann sich vorstellt, dass eine Frau einen Krimi schreibt.
Da Sie, vielleicht, noch nicht alle diesen Katalog studiert haben, zitiere ich: „Und erst die Frauenkommissarinnen in der neu-deutschen Krimilandschaft! Die sind dann ja richtig der Gipfel an zeitgeistiger Rechtschaffenheit, ökologisch und emanzipationsmäßig (ich bitte Sie, das Wort „emanzipationsmäßig“ besonders zu würdigen, DG) auf der Höhe, immer ein tadelndes Wort für Andersdenkende auf den Lippen, fit in allen Betroffenheitsritualen und natürlich mit Birkenstock flott zu Fahrrad … Paff, selbst hartgesottene Gangster gestehen plötzlich detailverliebt ihre Missetaten. Alles wieder im Lot“. Und weiter unten: „Der Krimi braucht Charaktere mit Tiefenschärfe … was er nicht braucht, sind reaktionäre Bullen (Kommissarinnen eingeschlossen).“

Ich möchte hinzufügen: Was er ganz sicher erst recht nicht braucht, sind dumme Männer, die von Dingen reden, die sie nicht kennen. Oder denen der Neid die Sinne benebelt und die in diesem Zustand zu dummen Aussagen neigen. Was im Übrigen überall und nicht selten und nicht erst seit heute vorkommt und eigentlich nur im Zusammenhang mit einer ernst zu nehmenden Ausstellung verwundert.

So weit das Unwichtige. Nun zum Thema:

Ich weiß nicht, wie man einen Krimi schreibt, aber ich weiß, welche Grundsätze ich habe, wenn ich einen Krimi schreibe. Ich zähle Sie Ihnen auf und Sie werden feststellen, dass ich den Krimi als eine Form der Literatur betrachte, die herzustellen sich in ihren wesentlichen Arbeitsprinzipien nicht von anderen Kunst- und Literaturformen unterscheidet.

1. Es geht mir beim schreiben um den Versuch der Annäherung an die Wahrheit und damit verbunden, um die Zertrümmerung von Illusionen.

2. Es geht mir darum, die Rezipientin, den Rezipienten ernst zu nehmen.

3. Es geht mir um das Abarbeiten von Privilegien, der privilegierten Lebensweise als Autorin.

4. Es geht darum, einen Standpunkt zu haben und nicht in Beliebigkeit zu verfallen.

5. Der Rest, er ist nicht klein, aber es ist der Rest: Es geht darum, das Handwerk des
Schreibens so gut wie es mir möglich ist zu beherrschen.

Ich möchte Ihnen zu diesen Überlegungen einige Erläuterungen geben:

Die Wahrheit ist natürlich durchaus ein schillernder Begriff. Für Schriftstellerinnen, für mich, konzentriert er sich in einem Satz von Ruth Berghaus: „Ich kann nicht unter dem bleiben, was ich weiß.“
(hier las ich die ersten Seiten des Weinschröter-Romans).

Ich zitiere jetzt Heiner Müller: „Jedem Autor passieren Texte, gegen die sich die Feder sträubt; wer ihr nachgibt, um der Kollision mit dem Publikum auszuweichen, ist, wie schon Friedrich Schlegel bemerkt hat, ein Hundsfott, opfert dem Erfolg die Wirkung, verurteilt seinen Text zum Tod durch Beifall.“

Ich versuche, meine Bücher auf diese Art zu schreiben. Wenn mir das gelingt, (und es gelingt längst nicht so oft, wie ich es gern hätte), hoffe ich, damit gleichzeitig Illusionen zu zertrümmern, die über den Zustand der Welt bestehen. Hierher, in diesen Zusammenhang, gehört auch meine Erkenntnis, dass beim Schreiben Übertreibung nicht möglich ist. Die Wahrheit ist immer schrecklicher als die Phantasie.

Die Rezipientin, den Rezipienten ernst nehmen: Es kommt vor, es ist wahrscheinlich „normal“, dass es mitunter schwer ist, die Wahrheit zu ertragen. Wir alle suchen dann nach Möglichkeiten, ihr zu entgehen. Auch meinen Leserinnen und Lesern geht das mitunter so. Dann sind sie erleichtert, wenn sie in den Büchern Zeilen finden, bei denen sie sich zurücklegen, träumen, genießen, mit der Heldin ein schönes Leben führen können (beliebt ist in diesem Zusammenhang „Liebe“).
Ich versuche, seit ich das weiß, bewusst, entsprechende Passagen aus meinen Texten zu entfernen.
Heiner Müller (den ich noch einmal zitiere) sagt: „Ich habe nicht das Talent, ein abgearbeitetes Publikum mit Harmonien aufzumöbeln, von denen es nur träumen kann.“
Ich möchte für mich hinzufügen: Ich möchte dieses Talent auch gar nicht haben. Es verführte mich, vielleicht, zum Lügen, unter Umständen natürlich auch zum Geldverdienen; wogegen ja eigentlich nichts zu sagen wäre, außer, dass es schwer ist, sich nicht kaufen zu lassen.

Das Abarbeiten des Privilegs, als Autorin arbeiten und leben zu können: Sie, die Sie sich mit Literatur beschäftigen und mit denen, die Literatur herstellen, werden ein Phänomen kennen, dass sich bei allen ernst zu nehmenden Literaturproduzenten feststellen lässt:
Autoren haben Schuldgefühle. Sie produzieren auch aus einem Gefühl von Schuld. Diese Gefühle sind sicher unterschiedlich stark ausgeprägt, bei Peter Weiß anders motiviert als bei Graham Greene. Aber es ist eben da, dieses Schuldgefühl.
Inzwischen weiß ich, dass zumindest zwei Komponenten an seiner Entstehung beteiligt sind.
Im Leben jedes Menschen (jedenfalls in unserer christlich geprägten Kultur) gibt es etwas, wofür er sich schuldig fühlt. Das ist die persönliche Seite der Sache, über die ich spreche. Bei Peter Weiß ist es, vielleicht, die Tatsache (Schuldgefühle sind komplizierte Lebensbegleiter), dass er nicht zu den Millionen Juden gehörte, die die Deutschen zwischen 1933 und 1945 umgebracht haben.
Ich werde Sie nicht mit meinen persönlichen Schuldgefühlen langweilen.
Aber es gibt eine zweite Seite, die allen Autoren eigen ist: Das ist ihre privilegierte Lebensweise, dieses:
– ich weiß etwas über euch, das ihr nicht wisst,
– ich kann dieses Wissen gebrauchen,
– ich kann von diesem Wissen leben, gut oder schlecht,
– ich habe die am wenigsten entfremdete Arbeit,
– mein Leben gehört mir (abgesehen vom Verlag, von irgendwelchen Produzenten und
von Marktbedingungen, denen wir alle unterworfen sind).

Meine Arbeit gefällt mir sehr. Und die persönliche und die allgemeine Seite des Schuldgefühls zusammengenommen bedingen, dass ich gezwungen bin, regelmäßig, ernsthaft und gründlich zu arbeiten.
Das Privileg, jeden Morgen an meinen Schreibtisch gehen zu können und nicht in eine stinkende U-Bahn, nicht zu wahnsinnigen Autofahrern auf überfüllte Straßen zu müssen, will abgearbeitet werden und bringt geregelte Arbeitszeiten hervor, die angefüllt sind mit Lesen/ Studieren/ Recherchieren/ Schreiben.
Dazu gestatten Sie mir, John Berger zu zitieren: „Der Schriftsteller sollte über seinen Gegenstand so gut informiert sein, wie es ihm möglich ist. Heute, wo stündlich Tausende von Menschen infolge politischer Entscheidungen sterben, kann niemand ohne politische Wachheit, ohne politische Prinzipien auch nur die geringste Glaubwürdigkeit beanspruchen. Schriftsteller, die beides nicht haben, produzieren utopischen Kehricht.“

Diese Worte leiten hin zum Grundsatz Nummer 4:

Es geht darum, einen Standpunkt zu haben. Beliebigkeit ist tödlich.
Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Mein Standpunkt ist links. Verlockend, wenn man bedenkt, dass Rechts noch nie (oder nur außerordentlich selten) Kunst gemacht worden ist.

In einer Zeit, in der es
1. links nicht mehr gibt, und
2. keiner mehr so genau weiß, was das eigentlich war,
scheint mir eine solche Äußerung nicht mehr erlaubt.

Ich sage statt dessen: Mein Standpunkt ist unten.
(Nehmen Sie diese Beschreibung, bitte, als vorübergehende Hilflosigkeit aufgrund objektiv ungünstiger Bedingungen).
Unten – das heißt: bei den Frauen, das heißt bei den Toten (Kommunisten, Juden, Frauen, Dichtern, Kindern, Mordopfern – wer immer umgebracht wurde und wird im Namen irgendeines ökonomisch-politischen Machtstrebens).
Das heißt: Bei den Ausgesperrten, Weggeworfenen, Totgeborenen, bei denen ohne Chance, von denen dieses Land, eines der reichsten der Erde, im Begriff ist, Millionen zu produzieren.
Dass im Übrigen der Kriminalroman nicht zufällig das Genre ist, das mir für diesen Standpunkt geeignet erschien, wird in diesem Zusammenhang, vielleicht, einleuchten.

Der Rest ist Handwerk. (Es gibt übrigens zum Thema Handwerk eine wunderbare Äußerung von Alfred Hrdlicka, nämlich: „So lieb ist der liebe Gott nun auch wieder nicht, dass er dem die Form schenkt, der keinen Inhalt hat.“)

Zum Handwerk gehören Regeln, die man sehr gut bei Patricia Highsmith oder bei Raymond Chandler nachlesen kann.
Ich persönlich ergänze diese Regeln noch ein wenig durch Sätze, die ich mir hin und wieder vorsage, damit ich sie nicht vergesse. Sätze von Anton Tschechow, zum Beispiel: „Naturbeschreibungen müssen … sehr kurz sein und den Charakter des a propos besitzen. Gemeinplätze der Art: Die untergehende Sonne, die sich in den Wellen des dunkelnden Meeres badete, verströmte purpurnes Gold, soll man bleiben lassen.“
Oder: „Am besten meidet man die Beschreibung des Seelenzustands des Helden. Man muss sich bemühen, dass er aus den Handlungen verständlich wird.“
Oder Puschkin: „Genauigkeit und Kürze sind die vornehmsten Eigenschaften der Prosa“.
Oder, noch einmal Tschechow: „Die Leute gehen nicht zum Nordpol. Sie gehen ins Büro und streiten mit ihrer Frau und essen Suppe.“
Oder Alexander Block: „Es muss noch härter, unansehnlicher, schmerzhafter sein.“

Auf Leben und Tod – so hieß mein Thema.

Vielleicht verstehen Sie diese Worte jetzt nicht mehr nur als Anspielung auf den Titel eines meiner Bücher. Sie betreffen das, was folgt, wenn ich meine Grundsätze missachte:
– wenn ich der Wahrheit beim Schreiben ausweiche,
– wenn ich meine Leserinnen und Leser nicht ernst nehme,
– wenn ich nicht versuche, für meine mir unverschuldet  zugefallene, priviligierte
Lebensweise etwas zurückzugeben,
– wenn ich beliebig und ohne Standpunkt arbeite,
– wenn ich mein Handwerkszeug vernachlässige,

das eben wäre für meine Arbeit tödlich.

 

Doris Gercke

 

 

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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