Frauen im Film

Frauen im Film. Kein neues Thema, schon gar nicht seit dem Bechdel-Test. Den gibt es übrigens seit 1985, und nicht viel hat sich seither geändert. Weibliche Hauptrolle? Frauenfilm (Liebe, Kitsch, Beziehungsscheiß) für Frauen. Männliche Hauptrolle? Ach, das schauen sich doch alle gern an.

Warum fange ich heute wieder damit an? Weil es so lange Thema sein muss, bis sich wirklich etwas geändert hat. Zu wenig Frauen vor der Kamera hat natürlich auch Auswirkungen auf den Bereich der Filmsynchronisation, in dem ich ebenfalls arbeite. Die deutschen Sprecherinnen klagen über fehlende Rollen, vor allem, wenn sie ein gewisses (Stimm-)Alter überschritten haben. Ältere Frauen, wer will die schon sehen. Dank neuer Serienproduktionen für Netflix & Co. hat sich ein bisschen was verbessert. Weibliche Hauptfiguren bei “Star Wars”. (Oh, wisst ihr noch, wie sie damals Captain Janeway bei “Raumschiff Voyager” als große Sache gefeiert haben?) Serien wie “Jessica Jones”. Aber es ist noch ein weiter Weg, immer noch, und nur, weil es „Orange Is The New Black“ gibt, eine Serie, die an diversity kaum mehr zu überbieten ist, heißt es nicht, dass sich die vornehmlich männlichen Film- und Fernsehproduzenten dieser Welt in Ruhe zurücklehnen können. Der Auftrag ist erst dann erfüllt, wenn diversity in Sachen Gender und Ethnien und Alter und Körpergewicht und sozialer Herkunft usw. normal ist, und nichts, was angestrengt geplant und ausgerechnet werden muss (“Oh, uns fehlt noch ein Schwarzer!”, “Vielleicht schreiben wir noch eine dicke Frau rein? So als comic relief?”, “Haben wir den ehrlichen Arbeiter drin?”).

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Männer machen Sachen mit Technik (Symbolbild; (c) Mario Sixtus)

Zurück zu den Frauen, diesmal hinter der Kamera. Der Bayerische Filmpreis teilte in diesem Jahr den Regiepreis und vergab ihn an fünf Regisseurinnen. Im ersten Moment Freude darüber, dass fünf Frauen mit ihren Projekten sichtbarer werden. Bei kurzem Nachdenken die Sorge, dass es in den kommenden Jahren heißen könnte: Ihr Frauen wart doch gerade erst big time dran, jetzt müssen die Männer auch mal wieder ihre Preise bekommen. Es gibt bei den Filmregisseurinnen den Zusammenschluss Pro Quote Regie, auch da geht es um die üblichen Dinge: Werden Regisseurinnen genauso bezahlt wie ihre männlichen Kollegen? Warum bekommen sie sehr viel seltener Projekte mit großen Budgets, dafür aber gern schlecht bezahlte Aufträge? Und so weiter. Überall dieselben Fragen.

Ich sehe im Bereich der Synchronregie auch mehr Männer- als Frauennamen in den Abspännen oder auf den Dispos in den Studios. Es ist 2017, ich bin über 40, und ich werde trotzdem schon mal von (älteren) Sprechern mit „Mädchen“ angesprochen. Ich mag es, wenn im Studio alle entspannt sind und Freude an der Arbeit haben. Aber es gibt so Momente, da hört bei mir die Freude auf. Überflüssig zu erwähnen, dass es auch (ältere) Sprecherinnen gibt, die komisch schauen, wenn eine Frau in der Regie sitzt. Es ist nicht die Regel, aber es kommt vor, und ich hoffe inständig, dass es ein Generationending ist und in ein paar Jahren schlicht kein Thema mehr.

In den vielen Jahren, in denen ich vornehmlich mit Cartoons zu tun hatte, fiel mir der

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Frauen machen Sachen mit Schönheit (Symbolbild; (c) Mario Sixtus)

Backlash besonders auf. Da gab es Produktionen für Mädchen und Produktionen für Jungs, die waren ganz klar so gekennzeichnet. Weil mich die Produktionen für Mädchen (sehr rosa, sehr quietschig, sehr dümmlich) so wahnsinnig entsetzten, wurde ich für die Produktionen für Jungs eingeteilt. (Wo zwar sehr wenige Mädchen vorkamen, aber die konnten meistens mindestens so viel wie die Jungs, waren genauso tough und clever, oft auch etwas einschüchternd. Okay, auch wieder so ein Klischee, aber wenigstens keine weinenden Prinzessinnen, die gerettet werden mussten. Wenn die mal vorkamen, galten sie meist als nervende Negativfiguren.) Je nachdem, aus welchem Haus eine Cartoonproduktion heute kommt, ändert sich auch das Frauenbild, und das lässt hoffen. Langsam.

Bei Dokumentationen zum Beispiel wird sich auch – langsam – mehr Mühe gegeben, selbst bei vermeintlich typischen Männerthemen (Wissenschaft, Technik) Frauen vor die Kamera zu holen. Und Menschen mit anderen Hautfarben als weiß.

Ich achte mit jedem Jahr, das ich älter werde, verstärkt darauf. Noch vor zwanzig Jahren hätte ich gedacht, dass alles prima ist/wird und es egal ist, woher man kommt (sowohl soziologisch als auch geographisch gesprochen) und welches biologische Geschlecht einen erwischt hat. Jetzt bin ich sehr empfindlich, wenn die Hälfte der Menschheit nicht mal zu einem Drittel oder wenigstens Viertel berücksichtigt wird, und es tut mir sehr weh, wenn ich zum Beispiel Dokumentationen sehe, bei denen (ohne Not!) nur Männer in die Kamera sprechen. Ich halte es für ein gutes Zeichen, da nicht abzustumpfen, sondern eher sensibler zu werden. Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen darauf achten. Wenn sie lesen oder Filme schauen oder in eine Ausstellung gehen, wenn sie selbst eine Geschichte schreiben oder einen Kongress planen oder Aufträge zu vergeben haben … Einfach mal drauf achten, auf die eigenen Vorurteile, einfach mal mehr diversity zulassen. Und – nein, jetzt bitte nicht die Geschichte von „Ich habe es einmal versucht, den Posten mit einer Frau zu besetzen, aber die war blöd!“ Haben Sie nach einem blöden Mann etwa gesagt: „Mir kommt da kein Mann mehr ins Haus?“ Nein? Eben. Frauen sind ja auch unterschiedlich. Da gibt es solche und solche. Ehrlich.

Es ist doch so: Wenn sich Männer erstmal dran gewöhnt haben, dass Filme mit Frauen in den Hauptrollen nicht zwingend „Frauenfilme“ sein müssen, läuft die Sache.

(Zoë Beck)

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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2 Antworten zu Frauen im Film

  1. zoebeck schreibt:

    Hat dies auf Zoë Beck rebloggt.

    Gefällt mir

  2. svanlente schreibt:

    Hat dies auf experilente rebloggt und kommentierte:
    Es gibt noch viel zu tun…
    „Der Auftrag ist erst dann erfüllt, wenn diversity in Sachen Gender und Ethnien und Alter und Körpergewicht und sozialer Herkunft usw. normal ist, und nichts, was angestrengt geplant und ausgerechnet werden muss. […] Ich halte es für ein gutes Zeichen, da nicht abzustumpfen, sondern eher sensibler zu werden.“
    Sehe ich auch so – lesenswerter Beitrag von Zoë Beck auf Herlandnews

    Gefällt 1 Person

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