Es ist eine merkwürdige Erfahrung

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Foto: Wikipedia/Ot

Heute hat Carolin Emcke in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels empfangen. In ihrer Rede beschäftigt sie sich mit dem „dazugehören“ und der Ausgrenzung. „Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung“, stellt sie fest. „Ähnlichkeit ist keine Voraussetzung für Grundrechte.“  Sie erzählt: 

„Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität. Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art wie wir lieben für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre. Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeutete ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen. So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit. Es ist eine merkwürdige Erfahrung: Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal „geduldet“ und auf gar keinen Fall „respektiert“ werden?Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Hier die ganze Rede.

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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2 Antworten zu Es ist eine merkwürdige Erfahrung

  1. Pingback: Ein Preis für Autorinnen – der LiBeraturpreis | Herland

  2. zoebeck schreibt:

    da denke ich: es gibt nichts, was man gegen diese rede sagen kann, oder gegen diese preisträgerin, und schwupp – wird gemeckert und gejammert und gebasht. margarete stokowski hat das mal zusammengetragen: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/carolin-emcke-der-anti-dylan-kolumne-a-1118124.html

    Gefällt mir

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