Sprich nicht drüber

36240_10150354206180371_5676022_nWenn es um sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt geht, lautet immer noch oft genug der Ratschlag im Familien- und Freundeskreis: Sprich nicht drüber. Mach dich nicht öffentlich zum Opfer. Mach dich nicht angreifbar. Die Gründe sind klar – häufig sind die Vorfälle nur sehr schwer zu beweisen, und immer setzt ganz schnell das victim blaming ein, wenige Dinge sind verlässlicher auf dieser Welt. Warum sich also all dem aussetzen, wenn sowieso nichts bei rauskommt? Warum sich beschimpfen lassen, verbal aufs Neue vergewaltigen lassen, mit Dreck bewerfen lassen? Augen zu und durch.

Sieht man sich an, wie Donald Trump und seine Anhänger*innen auf die Vorwürfe reagieren, der Präsidentschaftskandidat hätte sich Frauen unsittlich genähert, stößt man immer wieder auf die Behauptung: Das muss ausgedacht sein, sonst hätten die Frauen doch sofort etwas gesagt. Dies wiederum führte auf Twitter zu #WhyWomenDontReport, und wie jeder Hashtag wurde auch dieser von der Gegenseite gekapert und führte zu ekelhaften Unterstellungen, Anschuldigungen, Gegenbehauptungen. Vor einigen Jahren gab es unter #ichhabnichtangezeigt tausende erschütternde Berichte von Menschen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Immer wieder gibt es Aktionen, die zeigen sollen, warum Opfer nicht über das, was mit ihnen geschehen ist, sprechen können/wollen/dürfen. Und dann folgt: victim blaming, ebenso wie der Vorwurf, kalkuliert die Unwahrheit zu sagen. Und ach, die Beleidigungen. Das hättest du wohl gern. Oder: Du bist doch viel zu hässlich. Oder: Sei froh, dass mal jemand ranwollte. Das sind noch die harmloseren Varianten.

Mit der sich hartnäckig haltenden Mär, einem anständigen Menschen geschehe nun einmal nichts Böses, geht die ebenso hartnäckige Mär Hand in Hand, der Täter, die Täterin hätte so etwas doch gar nicht nötig. Trumps eigene Aussage, er könne sich als Berühmtheit durchaus alles bei Frauen erlauben, ist der letztgenannten Mär eng verwandt: Menschen in Machtpositionen glauben, sie bekämen alles, was sie wollen – das ist die interne Sichtweise. Von außen betrachtet haben diese Menschen es gar nicht nötig, Gewalt anzuwenden oder etwas gegen den Willen anderer zu tun, weil sie eben in einer Machtposition sind – einer Position also, in der scheinbar alles verfügbar ist.

Machtposition bedeutet auch, dass der Satz fällt: Wem wird man wohl eher glauben, mir – dem Machtmenschen mit Einfluss und Ansehen – oder dir – dem Opfer, das keine Beweise hat, und das garantiert beschuldigt wird, die Situation herbeigeführt zu haben?

Trumps „Stammtischgeschwätz“, wie er es selbst nannte („locker room banter“), heißt im Grunde: Ich halte Frauen für Objekte, die man für die eigenen sexuellen Gelüste jederzeit ungefragt benutzen darf, besonders, wenn man so berühmt ist wie ich. Selbst wenn jemand so etwas nur denkt und nicht sexuell übergriffig wird, wie verhält sich dieser Mann im Alltag Frauen gegenüber? Er nimmt sie wohl kaum ernst. Er gibt ihnen wohl kaum die Chancen, die er Männern gibt. Er wird sie wohl kaum in bestimmten Positionen akzeptieren.

Zu sehen, wie viele Frauen sich auch auf Trumps Seite schlagen, ist unheimlich und beängstigend. Ich frage mich, wie es um deren Selbstachtung steht, welches Selbstbild sie haben. Welches Frauenbild, welches Menschenbild. In welcher Gesellschaft sie eigentlich zu leben glauben oder leben wollen. Denken sie: Nur unanständigen Mädchen wird Gewalt angetan? Denken sie: Jungs sind nun mal Jungs? Denken sie: Sexualisierte Gewalt widerfährt wenn überhaupt dann nur Frauen? Denken sie: Wenn einem schon so etwas geschieht, dann besser nicht drüber reden, das Leben geht weiter?

Wahrscheinlich denken sie so.

Wie sollen Menschen in einer solchen Atmosphäre – die ja nichts Neues ist, sie war nie anders – den Mut aufbringen, über das zu reden, was ihnen angetan wurde?

Sprich nicht drüber, bekommen sie gesagt. Weil man sie schützen will. Oder weil man ihnen nicht glaubt. Oder weil man findet, sie hätten es vermutlich irgendwie verdient. Warum auch immer. Sprich nicht drüber. Reden wir nicht mehr davon. Die Welt ist nun mal so.

Wirklich?

Dann müssen wir das ändern.

Sprechen wir drüber.

(Zoë Beck)

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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8 Antworten zu Sprich nicht drüber

  1. freiedenkerin schreibt:

    Vor einer Woche wurde ich während eines Wachdienstes auf dem Messegelände München von einem männlichen Mitglied einer Putzfirma sexuell belästigt. Er griff mir zweimal an die Brüste, und einmal an die Kehrseite. Da ich als Kind von meinem Großvater sexuell missbraucht worden bin, war ich nach diesem Erlebnis vor Schockstarre wie gelähmt, völlig vor den Kopf gestoßen, überhaupt nicht mehr dazu in der Lage, einen klaren und logischen Gedanken zu fassen. Drei Tage später ließ der Schock ein wenig nach, so setzte ich mich per Mail mit der Leitung des Messezentrums in Verbindung, schilderte den Vorfall und beschrieb den Putzmann eindeutig, von dem ich lediglich den Vornamen wusste. Seitens der Messeleitung erfolgte bis dato überhaupt keine Reaktion. Seitens der Schutz- und Sicherheitsfirma, in der ich beschäftigt bin, und an die man wohl meine Mail weitergeleitet hatte, wurde ich am Dienstag von einem männlichen Sachbearbeiter angerufen, der mich befragte, warum ich mich nicht sofort an den Dienstleiter gewandt und Anzeige erstattet hätte. Er erklärte mir auch, dass es nun aufgrund meiner „falschen“ und „verspäteten“ Reaktion leider nicht mehr möglich wäre, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen, und gab mir am Ende des Telefonats den „gut gemeinten Rat“, mich „beim nächsten Mal“ doch bitte anders zu verhalten…

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  2. dame.von.welt schreibt:

    *Zu sehen, wie viele Frauen sich auch auf Trumps Seite schlagen, ist unheimlich und beängstigend. Ich frage mich, wie es um deren Selbstachtung steht, welches Selbstbild sie haben. Welches Frauenbild, welches Menschenbild. In welcher Gesellschaft sie eigentlich zu leben glauben oder leben wollen.*

    Das ist Frauen-Voodoo und dient der Aufrichtung der Selbstachtung, der Erschaffung und Bestätigung eines Selbstbildes von der „anständigen Frau“ und dem vermeintlichen Selbstschutz.

    Denn:
    1. sowas kann mir NIE passieren.
    2. das passiert nur Frauen, die den Honigtopf vor die Tür stellen.
    3. die hätten sich ja wehren/weglaufen/Hilfe holen können
    4. nachdem sie nichts davon getan haben, wollten sie es in Wirklichkeit
    5. sowas kann mir NIE passieren
    6. es ist unfair, einen Mann so in den Dreck zu ziehen/zu lügen/Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen
    7. ich komme mit allen Männern bestens klar, die sind nun mal so
    8. sowas kann mir NIE passieren
    9. ich bin ja nicht wie diese Frauen
    10. sowas kann mir NIE passieren

    Das ist – geringfügig modifiziert – auch auf sexualisierte Gewalt gegen Kinder anwendbar.

    Gefällt 1 Person

  3. xayriel schreibt:

    Hat dies auf 9erblog rebloggt.

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  4. Marion schreibt:

    Ich verfolge gerade einen Fall in meiner Heimatstadt, in der eine Angestellte einer Reingungsfirma dem Geschäftsführer einer städtischen Gesellschaft vorwirft, sie mehrfach belästigt zu haben und schließlich versucht zu haben, sie in einem abgeschlossenen Büroraum zum Oralsex zu zwingen. Es wurden eindeutig Speichelspuren von ihm am Körper der Frau gefunden, dennoch war ich sehr überrascht zu lesen, dass sie gestern in erster Instanz Recht bekommen hat. Natürlich geht er in Berufung.
    Gerade gestern habe ich ein Buch reingelesen, dass hier sehr viel in der Schule gelesen wird. Es geht um ein Mädchen, dass im Chat einen Jungen kennenlernt, sich verliebt und ihn treffen will. Es stellt sich heraus, dass der Junge in Wirklichkeit ein Mann ist, der sie sexuell bedrängt. Es kommt anscheinend (ich hab es nicht komplett gelesen) zu keinen körperlichen Übergriffen, aber immerhin zu einer sehr eindeutigen Bedrohungssitutation. Auf den letzten Seiten erklärt das Mädchen, nicht zur Polizei gehen zu wollen, denn schließlich sei ja nichts passiert, man nehme sie ohnehin nicht ernst und sie wolle auch nicht, dass ihre Eltern davon erfahren. Ich versuche seit gestern abend ein „nicht euer scheiß Ernst!“ in gesetztere Worte zu bringen und eine Mail an den Verlag zu formulieren.
    Also ja: Sprechen wir darüber!

    Gefällt 2 Personen

    • zoebeck schreibt:

      natürlich würde ich jetzt gern wissen, um welches buch es geht … aber – ja, ich finde es richtig, dem verlag zu schreiben und das zu diskutieren. ich weiß noch, wie sehr mir bücher in dem alter den horizont erweitert haben und mich beeindrucken konnten. das ist sehr wichtig.

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      • Marion schreibt:

        Das hätte ich natürlich auch mal dazuschreiben können… Es ist „Im Chat war er noch so süß“. Es erscheint im Verlag an der Ruhr und ist auch wirklich als Schullektüre konzipiert, also nicht einfach ‚irgendein Buch‘. Ein Mädchen verliebt sich im Chat in einen Jungen, der am Anfang natürlich total nett ist, sie dann aber in ein abgelegenes Haus entführt, wo er sie an einen älteren Mann verkaufen will. Sie erkennt die Situation im letzten Moment und kann gerade noch fliehen.
        Anzeige will sie wie gesagt nicht erstatten und auch nicht mit ihren Eltern sprechen, die gerade in Urlaub sind und von all dem nichts mitbekommen. Und das finde ich wirklich völlig unmöglich, weil dieses Verhalten überhaupt nicht hinterfragt wird oder jemand auf eine Alternative wie eine Beratungsstelle o.ä. hinweist. Niemand kann sie zur Polizei zwingen, aber sie bräuchte ja auch nun irgendeine Form von Beistand und Betreuung. Ihre gleichaltrigen Freunde können das sicher nicht leisten.
        Bleibt nur zu hoffen, dass das im Unterricht entsprechend aufgegriffen wird weil das nun wirklich die völlig falschen Dinge vermittelt.

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  5. zoebeck schreibt:

    Hat dies auf Erase and Rewind. rebloggt.

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