Positionen – Doris Gercke

dsc_2887_1694aWarum Herland?

Doris Gercke

Ich begann mein Leben als Schriftstellerin 1987.

Ich wusste nichts über die Arbeit, die mir bevorstand, außer zwei Dingen:

  • dass der Kriminalroman ein hervorragendes Mittel sei, gesellschaftliche Zustände darzustellen und
  • dass ich niemals, solange ich schriebe, über mich selbst schreiben würde.

Von diesen zwei Grundsätzen war der erste meiner  Vergangenheit als politische Aktivistin geschuldet. Er hat mich durch mein, nun schon immerhin fast dreißigjähriges, Schriftstellerinnenleben begleitet und mir bei manchen den Ruf einer unbelehrbaren Kommunistin eingetragen. Ich habe aber immer nur geschrieben, was ich gesehen, gehört und erfahren habe.

In meinem ersten Roman schrieb ich eine Geschichte, die das zerrüttete Verhältnis zwischen Männern und Frauen zum Inhalt hat. Sie beschreibt dieses Verhältnis so brutal, wie es ist, wenn man die Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließt. Durfte ich so schreiben? Ich sah keine andere Möglichkeit und wurde deshalb angegriffen. Später las ich bei Anna Seghers „Es gibt nichts, was man nicht schreiben kann“ und fühlte mich bestätigt.

Was das Vorhaben betrifft, nie über mich selbst schreiben zu wollen, so war es der Lese- Erfahrung geschuldet, die ich mit den in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Frauen geschriebenen Selbsterfahrungsbüchern gemacht hatte. Ich vermute, dass diese Bücher in einer gewissen Phase der Frauenbewegung nötig waren, als Literatur waren sie peinlich und ich wollte nicht zu den Peinlichen gehören.

Ich schrieb schon, dass ich am Anfang nichts über die Arbeit als Schriftstellerin wusste, die mich erwartete. Deshalb wusste ich damals nicht, wie naiv das Vorhaben war, nicht über mich selbst zu schreiben. Ich wusste nicht, dass wir immer über uns selbst schreiben und dass die Kunst eben gerade darin besteht, eine Form zu finden, in der man „unerkannt“ bleibt.

Eine große Hilfe sowohl beim Schreiben der Wirklichkeit als auch dabei, nicht über sich selbst zu schreiben, ist es, den engen Zusammenhang zwischen Inhalt und Form zu achten. („So lieb ist der lebe Gott nun auch wieder nicht, daß er dem, der keinen Inhalt hat, die Form schenkt“, las ich bei Alfred Hrdlicka). Ich hatte Inhalte, und die Form war Arbeit.

Ich sehe die Welt noch immer mit einem „politischen Blick“. Die gesellschaftlichen Widersprüche existieren noch, sie verschwinden weder in der schönsten aller kapitalistischen Welten noch weltweit. Der Widerspruch zwischen der Lebensleistung der Frauen und ihrem gesellschaftlichen Ansehen ist gewaltig. Er ist älter als alle Klassengesellschaften und wird erst aufgelöst werden können,, wenn Klassengesellschaften nicht mehr existieren.

Und bis dahin?

Die Niederlage des Sozialismus weltweit und in unserem Land  hat dazu geführt, dass eine politische aktive Linke kaum noch existiert. Das wird sich irgendwann wieder ändern (kann lange dauern) und meine Lust, mich bis dahin an endlosen, sinnlosen, theoretischen Diskussionen zu beteiligen, ist gleich Null. Ich halte es lieber mit einem Satz von Clara Zetkin: „Ich will da kämpfen, wo das Leben ist“. Das Leben ist nun mal bei den Frauen. Und wenn sie dann noch Schriftstellerinnen sind, die die Welt mit weiblichem Blick erkennen und beschreiben, also Aufklärung im besten Sinn betreiben, dann ist klar: Ich bin bei den Herlanderinnen!

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