Opfer & Bilder

wolke

Bilder, Bilder, Bilder

von Anne Goldmann

Bild eins: Ein schmuddeliger gefliester Raum, Schmutzwäsche auf dem Boden, ein knallroter zusammengequetschter Plastikbecher auf dem Bett. Die junge Frau (rotes Top, roter Lippenstift, roter glänzender Becher bilden eine Linie) liegt auf dem Rücken, Blick in die Kamera. Dicht über sie gebeugt zwei Männer – im Begriff, ihre Hosentüren zu öffnen. Es ist klar, was sie gleich tun werden.

Bild zwei. Ein Umkleideraum. Zwei Männer in Sportklamotten. Der eine drückt den anderen nieder, hat ihm die Hose heruntergezogen und presst seinen Unterleib gegen dessen entblößten Hintern. Das Opfer versucht ihn wegzudrücken. Blickt in die Kamera.

Bild drei: Eine apathisch wirkende Frau. Blick in die Kamera. Ein Mann hat sie am Genick gepackt und drückt ihren Kopf auf die Waschtischplatte nieder, während er mit der anderen Hand ihre Hose hinunterzerrt. Sie versucht, seinen Arm wegzudrücken. Es ist keinerlei Körperspannung wahrnehmbar – als gehöre die Hand nicht zu ihr.

Das sind drei aus einer Serie von neun Fotos der jungen Fotografin Yana Mazurkevich – ein Projekt mit der Plattform Current Solutions, die Opfer („survivors“) sexueller Gewalt zu Wort kommen lässt. Die Szenen sind nachgestellt. Jedes der Bilder soll zeigen, wie alltäglich sexuelle Übergriffe sind. Und, dass jede*r betroffen sein kann, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung und Herkunft. Die Bildunterschriften weisen darauf hin:

It happens.
It happens without a reason.
It happens with anyone.
It happens at any time.
It happens unwillingly.
It happens anywhere.
It happens suddenly.
It happens to anyone.
It happens unexpectedly.

Anlass für das Projekt war die vorzeitige Haftentlassung von Brock Turner am 3. September dieses Jahres. Der Mann, Student der an der amerikanischen Elite-Universität Stanford, war wegen Vergewaltigung einer bewusstlosen Frau auf dem Uni-Campus zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt worden und kam bereits nach drei Monaten wieder frei. Die Umstände der Tat, der Verlauf der Verhandlung und das über die Maßen milde Urteil lösten Empörung und ein gewaltiges mediales Echo aus.

Yana Mazurkevich will nun mit dieser Fotoserie dazu beitragen, „die Diskussion um sexuelle Übergriffe weiterzuführen“. Sie forderte in einem Interview auf: „Schaut hin und hört auf, es zu ignorieren, denn es passiert direkt vor euren Augen.”

Damit hat sie recht. In Österreich etwa wurden laut der 2011 veröffentlichten „Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern“ des Österreichischen Instituts Familienforschung drei Viertel der Frauen (74,2 %) und ein Viertel der Männer (27,2 %) im Erwachsenenalter schon einmal sexuell belästigt. Als bedrohlich wurden die Übergriffe von 29,7 % der Frauen bzw. 5,6 % der Männer erlebt. Über sexuelle Gewalt berichten 29,5 % der Frauen und 8,8 % der Männer. Die Zahlen für Deutschland zeichnen ein ähnlich düsteres Bild.

Ich freue mich also über jede*n, der oder die sich für Menschen, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind und/oder waren, stark macht. Es sind viele, und sie haben jegliche Unterstützung dringend nötig. Es ist wichtig, gegen Mythen und Vorurteile wie die hier aufgelisteten anzugehen und jeglichem Versuch einer Täter-Opfer-Umkehr (Victim blaming) entschieden entgegenzutreten. Die Verantwortung ist und bleibt beim Täter oder der Täterin.

Gut gemeint

Dennoch finde ich die Bilder gelinde gesagt – diskussionswürdig. Eines der Fotos soll Brock Turners Opfer nach dem Übergriff darstellen. Die Frau liegt auf dem Boden. Mit hochgeschobenem Kleid, heruntergezogenem Slip. Neben ihr ein weißer BH. Kies, Gras, Müll, eine zerquetschte Dose.

Bilder wie dieses kenne ich zur Genüge. Aus Krimiserien. Filmen. Die Werbung setzt sie ebenso ein wie TV-Magazine, Videoclips und verschiedene Printmedien. Das Foto, das ich eingangs beschreibe, könnte aus einem Porno stammen. Wir haben uns daran gewöhnt wie an die explizite Schilderung von Gewalt in Büchern, das Draufbleiben der Kamera – weit über die Schmerzgrenze hinaus. (Vgl. Charlotte Otter hier auf Herland)

Wir haben uns daran gewöhnt.

Nur so ist es (für mich) zu erklären, warum jemand eins zu eins jene Szene nachstellt, in der ein Mensch entblößt, gedemütigt, gequält und sexuell misshandelt wird. Die er oder sie sich abschrubben möchte, wegwaschen, aus der Erinnerung tilgen. Ja, ich sehe den Blick, der meinen sucht. Und, ja – ich erkenne das „freezing“, die Starre, den Schockzustand, in den viele im Augenblick des Übergriffs verfallen. Ich sehe die Abwehr, die Apathie. Man muss nicht Sozialarbeiter*in und kein*e Schriftsteller*in sein, um sich die Situation vorstellen zu können. Jeder Mensch mit einem Hauch von Einfühlungsvermögen kann das. Eine Abbildung der Gewaltszene ist nicht erforderlich.

Ich stelle mir vor, wie jemand in dieser Art und Weise sexuelle Übergriffe auf Kinder festhält: Das Kinderzimmer, die verstreuten oder ordentlich im Regal stehenden Spielsachen, die Gewalt. Den Blick des kleinen Mädchen oder Buben. – Es gibt einen Grund, warum niemand derartige Bilder publiziert.

Wir, die wir mit dem Anspruch schreiben, die Realität abzubilden (im Kleinen das große Ganze zu zeigen, die Hintergründe auszuleuchten), uns nicht mit dem Offensichtlichen zufrieden zu geben, wissen, dass die Bilder, die wir zeichnen, das Potential haben, etwas in Bewegung zu bringen – oder den Status quo zu zementieren. Dementsprechend achtsam gehen wir mit Sprache um. Wir prüfen jeden Satz, feilen an Formulierungen und trachten danach, das Laute, Plakative ebenso zu vermeiden wie das Ungefähre. Meine Protagonist*innen werden vom Leben gebeutelt, werden geliebt und verletzt – behalten aber immer ihre Würde.

waffeÜbrigens: Es „passiert“ nicht. So, wie Kriege nicht „ausbrechen“ wie ein Hurrikan, ein Vulkan, eine Naturgewalt. Ein Mensch tut einem anderen Gewalt an. Bewusst und gewollt. Dieser Umstand – und das, was dahinter steht – braucht völlig andere Bilder. Diese zu entwickeln und künstlerisch  umzusetzen, dem Mainstream etwas Eigenes, Radikales, Aufrüttelndes gegenüberzustellen, wäre eine Aufgabe, der zu stellen es sich wirklich lohnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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