Positionen – Christine Lehmann

Christine LehmannMein existenzielles Experiment

Christine Lehmann

Mit siebzehn habe ich (Ende der Siebziger) meiner Mutter erklärt, die Emanzipation der Frauen sei geschafft, wir könnten alles erreichen. Mit zwanzig traf ich auf die feministische Literaturwissenschaft. Ein Professor behauptete, Fontane habe Effi Briest mit ihren Nöten realistisch dargestellt und stutzte. Ihr Mann, Instetten, bekommt zwei Kapitel, um die Gründe für sein Handeln darzustellen, Effi wird nur von Ängsten gejagt und sagt nie Ich. Das war Anlass für meine Dissertation über die Frage, warum Frauen im bürgerlichen Frauenroman am Schluss immer sterben. Der Grund: Wenn sie außerehelichen Sex haben (ob verführt oder vergewaltigt, ist egal), dann sterben sie. Wenn nicht, dann nicht. Eine patriarchale Ästhetik, die den Eigensinn von Frauen mit dem Tod bestraft. Und die bis heute nach diesem Muster wirkt, auch und gerade bis tief in Krimis hinein, in denen es ja immer um existenzielle Fragen geht … die existenziellen Fragen der Männer, der männlichen Kultur. Frauen begegnen uns als Opfer (unvorstellbarer und voyeuristisch dargestellter sexualisierter Gewalt), als kalte Mörderin, als Verräterin des Mannes, des männlichen Ermittlers. Und lesende Frauen nicken dazu und halten das für Wahrheit. Frauen sind immer noch fast ausschließlich als Hure oder Mörderin denkbar, als Opfer oder Wahnsinnige. Während die Männer, die in der Fiktion auftreten, stets die „Menschheit“ widerspiegeln, jedenfalls den Teil der differenzierten Menschheit, den die Männer bilden. Dagegen habe ich meine Ermittlerin Lisa Nerz gesetzt – gendermäßig oszillierend -, anfangs, ohne zu wissen, was für eine Figur das ist und welche Möglichkeiten der Weltbetrachtung eine Figur mir und meinen Leser*innen bietet, die keine Geschlechtsidentität haben will, die alle Genderrollen spielt, die das für gewiss und unumstößlich Gehaltene in Machtstrukturen und Macht-Rhetorik umstößt. Lisa Nerz ist gut aufgehoben bei Ariadne, aber immer auch ein wenig allein geblieben im Getümmel des Literaturbetriebs. Anfangs dachte ich, ich müsste nur gut schreiben und gute Geschichten erzählen, um richtig Erfolg zu haben. Heute weiß ich, ich brauche auch ein Netzwerk dazu, das den patriarchalen Normen der Ästhetik andere, eigene selbstbewusst entgegensetzt: Herland.

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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