Amokläuferinnen gibt es nicht

a 1001 lisa u richard August 13 KopieDer Amoklauf ist ein Problem, das uns Männer aufbürden.

So beschreibt das ausführlich Beate Weber in ihrem Artikel in der Sonntagszeitung. „Wir haben uns derart daran gewöhnt, dass es fast immer Männer sind, die töten- es erscheint kaum erwähnenswert“, schreibt sie. Männer töten gern. Drei Mal so viele begehen Selbstmord wie Frauen, und immer wieder nehmen sie dabei ihre Kinder und Frauen mit. Man nennt es erweiterten Selbstmord, und das ist auch das, was beim Amoklauf geschieht.

Für die Süddeutsche Zeitung hat Hannah Beitzer bereits 2010 ein halbes Dutzend Taten von Amokläuferinnen ausgegraben. Interessant, dass diese Taten, ganz anders als die von Männern, in den Medien nicht hochgespielt und nicht tage- oder wochenlang mit Detailinformationen und Spekulationen gefüttert worden sind. Ich wette, so gut wie niemand erinnert sich an sie. Im selben Jahr stellt  Cinthia Briseño im Spiegel fest: „Es wird geschätzt, dass nur jeder Zwanzigste (Amoklauf) von einer Frau begangen wird. Von den 120 zuletzt registrierten Amokläufen an Schulen weltweit sind 106 von jungen Männern verübt worden.“ Ein Kriminalpsychologe bemerkt in dem Artikel dazu, Frauen hätten eine bessere innere Widerstandsfähigkeit, um mit Enttäuschungen und Kränkungen umzugehen. Männer seien bei Konflikten, Krisen und Beziehungsproblemen verletzlicher und neigten dazu, ihre Aggressionen in Gewalt umzuwandeln. So ähnlich sieht es auch Beate Weber. Ein Gefühl der Ohnmacht werde beim Amoklauf umgewandelt in das Erleben von Allmacht.

Die meisten Morde, wenn nicht überhaupt alle, werden aus dem Bedürfnis heraus begangen, die Umgebung zu kontrollieren. Männer töten Frauen, die sich von ihnen trennen wollen. Sie gönnen ihnen keinen Eigenwillen. Frauen töten ihre Männer, weil sie anders nicht von ihnen loszukommen glauben (seltener). Töten als ein Mittel, die Umwelt zu ordnen, die sich den eigenen Wünschen widersetzt. Dabei nützt auch der Wahnsinn einer Ideologie, die ohnehin grundsätzlich auf Unterwerfung und totale Kontrolle der Welt ausgelegt ist. Oder Rache, das Töten zur Strafe, weil es sonst keiner tut. Immer geht es um „Ich bestimme, wie die Welt zu sein hat, in der ich lebe.“ Um Kontrolle.

Umgekehrt gesagt: Kontrolle tötet. Und zwar immer und überall. Nicht immer biologisch, viel öfter psychologisch. Aber sie beendet Lebendigkeit. Denn das Leben ist dynamisch und eigensinnig. Das Leben vieler Menschen an einem Ort, in einer Stadt, einem Dorf, einer Familie, ist ebenfalls dynamisch, chaotisch, von vielerlei Interessen und Konflikten geprägt. Wer das nicht aushält, reagiert mit Kontroll-Techniken: etwa Streitbereitschaft, die allen die Laune verdirbt, Strafmaßnahmen gegen Freund/innen, Mobbing. Jede Art von negativem Verhalten anderen gegenüber ist ein Versuch, Kontrolle zu gewinnen. Wenn ich im Kolleg/innenkreis immer Streit provoziere, dann weiß ich, wie die sich fühlen: nämlich mies. Auch eine Form der Kontrolle. Viele Eltern halten ihre Kinder mit einem System von Belohnung und Strafe in mehr oder minder leichter Angst und damit unter Kontrolle. Und Männer (seltener Frauen) erprügeln sich die Kontrolle über ihre Familienmitglieder. Eine Neonazi-Gruppe terrorisiert ein Dorf (gerne auch mit Hilfe von Frauen) und seine Umgebung, bewaffnete Gruppen terrorisieren Länder und Landstriche durch barbarisches Verhalten. Mächtige Männer – Diktatoren oder Konzernchefs – kontrollieren die Art und Weise, wie andere sich ihnen gegenüber verhalten, nämlich devot und unkritisch.

Wenn wir uns das Weltgeschehen angucken, dann sieht es so aus, als ob Männer ein größeres Kontrollbedürfnis hätten als Frauen. Das wiederum kann ich mir nicht vorstellen. Womöglich ist es vielmehr so, dass Männer nicht wissen, wie sie Kontrolle anders gewinnen können als mit Gewalt. Jedenfalls ein auffälliger Teil der Männer, denen andere, subtilere und auch anstrengendere Methoden der Kommunikation nicht zur Verfügung stehen.

Unser Kultur unterstützt sie nach besten Kräften dabei. Sie macht sie zu Helden oder Anti-Helden, was dasselbe ist. Medien und Öffentlichkeit scheinen sich einig, dass in der Terrorgefahr etwas Unvermeidliches steckt. Sie reden die Gefahr von Tag zu Tag größer und richten ihren Fokus auf jeden Gewaltakt, der Frauen und Kinder als Geiseln nimmt und/oder tötet. Auch das ist eine Form der Kontrolle: Angst verbreiten. Eine Kontrolle, die die Medien über uns – die normalen Menschen, die wir in der historisch größten Sicherheit leben, die wir in Deutschland je gehabt haben – verhängen. Wer Angst hat, saugt jede Bestätigung der Angst begierig auf und hängt am Fernseher und in Facebook, sobald es Tote gab. Auf einmal sehen wir uns in einer gewalttätigen Welt leben, in die wir uns nicht mehr unbefangen hinaus trauen. Ein guter Coup des Patriarchats. Die einen drohen, die anderen warnen. Beide zusammen schränken unsere Bewegungsfreiheit ein.

In einem scheinen sich die Organisatoren unserer Angst einig: Frauen in Angst sind besser als Frauen, die keine Angst haben und womöglich den Männern ihre Spiele verbieten. (Denn machen wir uns nichts vor: Frauen wollen ja ihre Umgebung genauso kontrollieren wie die Männer.)

Während Amokläufe von Frauen schnell vergessen sind (passt nicht ins Raster unserer Genderordnung), tut die Öffentlichkeit alles, um die monströsen Gewaltakte von Männern in unseren Gedächtnissen zu verankern. Nehmen wir an, dass die Männer, die in Rundfunk- und Fernsehanstalten tätig sind, nie im Leben daran denken würden, irgendwem physisch etwas zuleide zu tun. Sie sind jedoch spürbar fasziniert von diesen Massenmördern (männlich!) und nennen sie „einsame Wölfe“. Der einsame Wolf steht durchaus nicht negativ für Unabhängigkeit und Gefährlichkeit. Er steht  für das heimliche männliche Ideal der Stärke und Unbeugsamkeit. Der einsame Wolf lebt nicht fremdbestimmt, er bestimmt, wie er lebt. Und wer ihn stört, der wird totgebissen. Der einsame Wolf ist ein Kino-Held.

Die große Frage, die sich mir stellt, ist: Was machen wir denn nun? Was macht man gegen die unvorstellbare Barbarei des IS, gegen die absurden Amokläufe mit und ohne schnell zusammengezimmerte islamistische Begründung? Was machen wir gegen die offensichtliche Lust der Männer am Massenmord? Was könnten wir tun?

Zunächst einmal lassen wir uns nicht die Schuld geben. Fragen wie die, ob das Umfeld (sprich die Mutter) nicht hätte erkennen können, dass ihr Sohn sich gerade zum Amokläufer umerzieht, verschieben die Verantwortung wieder auf diejenigen, die keine haben. Wer mal versucht hat, in den Kopf eines 17-Jährigen reinzukommen, weiß, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich gegen Einflüsse, mit denen er sich nicht auseinandersetzen will, zu verschließen, zu lügen, zu schauspielern, nett zu sein und einen Mord zu planen. Und dennoch kommt uns allen hier bestimmt der Gedanke: Wie müsste man jungen Männern beim Großwerden denn helfen, was muss man ihnen bieten, damit sie mehr Frustrationstoleranz aufbauen und sich andere Mittel der Auseinandersetzung und der Selbstbehauptung aneignen, als diese Flucht in Gewalt. Geht das überhaupt, oder wird es immer einen Prozentsatz junger Männer geben, die vom Töten träumen und es auch tun? So wie es von allem Abartigen immer einen bestimmten Prozentsatz unter den Menschen (aber auch in Tiergesellschaften) gibt, weil die Dynamik der Genetik unser Überleben garantiert, etwa für Phasen, wo solche Begabungen nötig sind. Zum Beispiel in Kriegen, die wir überreichlich führen, vielmehr, die die Männer führen als gäbe es nichts anderes, um Konflikte zu lösen. Also jetzt gerade in unserer Zeit.

Manchmal denke ich, es wäre schon viel gewonnen, wenn wir diesen geltungssüchtigen Kontrollfreaks nicht eine derartige mediale Aufmerksamkeit geben würden. Worüber niemand redet, erscheint nicht mehr als Ziel, wenn das Ziel ist, als Amokläufer  gesprächswert zu werden. Was wir nicht interessant finden, das ist nicht interessant. Ein Amokläufer, der sich keine Hoffnung machen kann, mehr als ein paar Mal und nur äußerst nüchtern in tagesaktuellen Nachrichten vorzukommen, würde sein Ziel verfehlen und kann es lassen. Aber das Gegenteil passiert. Die jungen Männer sehen, wie alle Fernsehsender stundenlang fasziniert der kleinsten „Wir wissen es noch nicht“-Meldung hinterher hecheln und Dutzende von Fachleuten ankarren (Terrorexperten sind immer männlich!), die sich mit Täter-Motiven befassen (also mit ihnen, den jungen Männern), und wie Twitter und Facebook in lustigen Falschmeldungen überschlagen, die nur eins zum Ziel haben: Panik verbreiten. Nicht nur, dass wir an diesem Wochenende Nachahmertaten hatten, wir hatten auch Medien, die jede Gewalttat dankbar aufgriffen und in einen Amoklauf mit oder ohne islamistischem Hintergrund (am liebsten natürlich mit) verwandelten. Das mediale Interesse hat vermutlich mit dem Interesse der meisten Menschen nichts zu tun, erzeugt aber eine Wichtigkeit, Präsenz von Gewalt und Angst, die sich wieder in Interesse ummünzt, mit der dazu passende Nachrichten aufgesaugt werden.

Hört das denn nie auf?, diese Frage wird derzeit ständig zitiert. Wir hätten es in der Hand, dass es aufhört. Wir müssten unsere mediale Aufmerksamkeit für abartige Taten drastisch zurückfahren und uns selbst und der Welt zeigen, das wir uns für andere Dinge mehr interessieren: für eine Ende des Walfangs, für ein faires Welthandelsabkommen, für Friedensverhandlungen, für die Neuregelung des Erbrechts, für eine Bildungspolitik, die allen Kindern gleiche Chancen gibt.

Jetzt können wir, die wir das hier lesen, natürlich die Medien nicht beeinflussen. Aber wir können unser eigenes Interesse justieren. Uns nicht irre machen lassen. Uns nicht der virtuellen Welt der Medien anvertrauen. Selber denken, selber fühlen, menschlich bleiben in einer gewaltfreien Kommunikation.

 

 

 

 

 

 

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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