Anderen sagen, wie sie sich fühlen sollen.

Alltag: Eine junge Frau, die in einem männlich dominierten Umfeld arbeitet, weist ihre Kollegen auf eine sexistische Äußerung hin. Die finden das nicht schlimm, sie haben ja nur einen „Frauen sind soundso“-Spruch gemacht, soll sie sich mal nicht so aufregen.

Sie postet es in ihrem Social Media-Umfeld, und auch da geschieht, was in solchen Fällen zuverlässig immer geschieht: Man sagt ihr sie möge sich bitte nicht so aufregen, sei doch alles ganz harmlos.

„Sei nicht so hysterisch.“

„Sieh doch nicht immer alles so verbissen.“

„Entspann dich mal, mit sowas tust du dir keinen Gefallen.“

Wir sind nicht mehr weit von „Lächel doch mal, dann bist du viel hübscher“.

Auch von Frauen kommt oft genug so etwas wie „Also MIR macht das ja nichts aus“ oder „ICH bin schlagfertig genug, um darauf zu reagieren“ oder „Mit Männern komm ich gut klar, und die auch mit mir“ oder oder.

Wunderbar für jede einzelne, die klarkommt. Herzlichen Glückwunsch. Aber es ist ein bisschen so, wie wenn jemand sagt: „Ich bin noch nie ausgeraubt worden, deshalb gibt es kein Problem mit Raub.“ Und nicht nur das – im Grunde wird der Frau gesagt, dass sie diejenige mit dem Problem ist. Sie will nicht akzeptieren, wenn andere beleidigend sind, also stimmt etwas nicht mit ihr.

Das Prinzip ist das Gleiche, wenn es um Menschen anderer Nationalitäten, Hautfarben, Religionen, sexuellen Identitäten usw. usw. geht. Genau dieselben Muster. Genau dieselben Reaktionen.

Wie schade, dass vielen offenbar die Empathie fehlt, oder der Wille, sich vorzustellen, dass manche Menschen sich schlecht behandelt fühlen, dass diese schlechte Behandlung systemisch bedingt ist (und da hilft es wenig, dass es jemand „nicht so gemeint“ hat, es entlarvt vielmehr das eigentliche Problem), dass es über ein „sich fühlen“ hinausgeht, weil messbar eine schlechtere Behandlung daraus erwächst, und dass wir alle, auch wenn wir uns nicht direkt betroffen fühlen, wenigstens anerkennen sollten: Da gibt es ein Problem, immer noch.

Was mich wirklich am meisten stört, sind tatsächlich die verständnislosen Reaktionen. Niemand kommt auf die Idee, die Frau zu fragen, wie es ihr geht, oder mit ihr gemeinsam zu überlegen, wie sie mit der Situation umgehen soll (mal abgesehen von den Hinweisen, sie möge sich nicht so anstellen). Es wird stundenlang diskutiert, ob sich ihre Kollegen sexistisch äußern dürfen oder nicht. Ob die Äußerung überhaupt sexistisch war.

Für sie war die Äußerung sexistisch. Sie fühlte sich unwohl. Sie hat thematisiert, dass sie sich damit unwohl fühlt. Ich halte das für genau den richtigen Weg. Anders kann man sein Umfeld nicht sensibilisieren. Unbedachte dumme Sprüche sind genau das: dumm. Passiert uns allen. Wenn wir bereit sind, mehr auf das zu achten, was wir sagen und schreiben, passiert es uns immer seltener. Dann ändert sich auch unser Umgang mit unserem Umfeld. Mehr Rücksichtnahme, weniger Ichichich. Mehr Sensibilität für Privilegien, die wir haben und andere vielleicht nicht. Und ich wette, davon kommt auch etwas zurück.

Es fängt doch auf der sprachlichen Ebene an, ob wir Respekt und Verständnis für andere ausdrücken.

Handlungsbedarf ist bei denen, die diese Sprüche machen. Oder toll finden. Oder einfach nicht schlimm finden. Was ist so schwierig daran, zwei Minuten innezuhalten und schlicht zu akzeptieren, dass sich jemand anderes unwohl fühlt? Was verlieren diejenigen denn, wenn sie diese Dinge nicht mehr so formulieren, sondern, nun ja, rücksichtsvoller, respektvoller? Ich muss an das denken, was Neil Gaiman schon vor Jahren einmal postete:

I was reading a book (about interjections, oddly enough) yesterday which included the phrase “In these days of political correctness…” talking about no longer making jokes that denigrated people for their culture or for the colour of their skin. And I thought, “That’s not actually anything to do with ‘political correctness’. That’s just treating other people with respect.”

Which made me oddly happy. I started imagining a world in which we replaced the phrase “politically correct” wherever we could with “treating other people with respect”, and it made me smile.

You should try it. It’s peculiarly enlightening.

I know what you’re thinking now. You’re thinking “Oh my god, that’s treating other people with respect gone mad!”

Genau darum geht es nämlich. Niemand muss sich einschränken. Oder gibt es Menschen, die sagen: „Ich sterbe, wenn ich nichts Beleidigendes, Herabwürdigendes, Bösartiges mehr sagen darf“?

Gibt es die?

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(Beitrag von Zoë Beck)

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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