Frauen zählen

Die Sichtbarkeit von Frauen – dafür kämpfen wir. Immer wieder heißt es: „Aber in der Buchbranche gibt es doch so viele Frauen? Wo ist das Problem?“ Die Schriftstellerin Nina George hielt unlängst eine Rede zum Thema Wahrnehmung von Frauen in unserer Branche. Wir freuen uns, dass wir sie hier auf unserem Blog veröffentlichen dürfen.

 

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Monika Grütters,

am 11. November 1987, ich war 14, verriet ich meiner Großmutter zwei meiner intimsten Geheimnisse: Ich fälsche meine Tagebücher mit komplett ausgedachten Ereignissen. Und: Ich will Schriftstellerin werden! Sie erwiderte erschüttert: „Aber, Kind! Schriftstellerin?! So findest du doch nie einen Mann!“

Sie zählte mir auf, welche Autorinnen sich umgebracht hatten: Kopf in den Gasofen (Sylvia Plath), Steine in die Taschen (Virginia Woolf), vergiften im Wald (Karin Boye)! Ein liderliches, gefährliches Leben lag vor mir, weil eine Frau, die schreibt, Männer verschreckt, keinen Haushalt führen kann und den Herd nur aufsucht, um sich an der heißen Kochplatte eine Zigarette anzuzünden.

Diese Aussicht kam mir zutiefst verlockend vor.

Foto: Urban Zintel © by Nina George

Foto: Urban Zintel © by Nina George

Ich besorgte mir zwei Jahre später einen Job als Tresenkraft, kaufte mir eine entsetzlich schnarrende Brother-Schreibmaschine und fing an, meine Familie ernsthaft zu beunruhigen. Natürlich hatte ich keinerlei Ahnung, wie das geht: Schriftstellerin werden. Es gab Anfang der 90er Jahre keine Schreibkurse, sondern den Genie-Mythos. Die Muse träufelte Inspiration vorzugsweise in auserwählte männliche Gehirne, die vor allem am erhobenen Zeigefinger zu erkennen sind. Weibliche Vorbilder? Mangelware, außer der Extremvarianten: Ingeborg Bachmann als Jahrhundert-Ausnahme, und Utta Danella, die zwar alle lasen, doch keiner respektierte. Lesen, das war sowieso schon ein exotisches Hobby für Mädchen – aber Schreiben, das war Anmaßung!

Männer schufen Geist, und Frauen, die schufen … tja … Gedöns.

Auch die Literatur selbst verriet mich. Alle, denen was Aufregendes passierte, waren Jungs: Tom Sawyer, 3 Fragezeichen, Old Shatterhand. Sogar Lois Lane war nur so lange tough, wie sich Clark Kent nicht das Hemd von der Brust riss. 90 Prozent der Bücher, Filme, Serien und Comics, mit denen ich aufwuchs, litten schwer an dem Schlumpfinen-Syndrom, wie es die American-Book-Award-Preisträgerin Katha Pollitt bezeichnete: Frauen tauchten nur als singuläres Randphänomen auf, so, wie Schlumpfine in der Männer-WG der Schlümpfe. Von denen trägt jeder einen eigenen Namen, Schlaubi, Poeti oder Trotteli, und besitzt eine starke Eigenschaft. Schlumpfine hat weder einen Vornamen noch Talent. Immerhin: sie sieht scharf aus und gießt die Blumen.

1993 verkaufte ich meinen ersten Text. An eine anspruchsvolle Zeitschrift, die die meisten von Ihnen wegen ihrer Interviews zu schätzen wissen: Penthouse. Mein radikalfeministisches Essay „Mann, sei doch einfach still“ aus der Sicht einer Tresenkraft brachte mir 1000 Deutsche Mark ein – und die Bitte des Chefredakteurs Rudi Hayduk, für ihn zu arbeiten. Von Musen hielt er nichts, sondern vertraute auf Handwerk, Disziplin und Mut. Er sagte: Wir sind hier nur alte Säcke, misch uns auf! Berauscht von diesem Zuspruch sagte ich: Ja, ich will. Ich war 19 und das erste weibliche, schreibende Wesen in der reinen Männer-Redaktion. Vom Schlumpf ohne Eigenschaften zum Schreib­ischlumpf. Dass ausgerechnet der Chef eines Herrenmagazins mein erster Förderer war, verblüfft so manche, die es gern schwarz-weißer hätten in der Frauenfrage.

2013, mit 39 und einer Titanbandscheibe im Genick, landete ich meinen ersten internationalen Bestseller, Das Lavendelzimmer. Ich hatte die zweifelhafte Ehre, von Dennis Scheck in die Tonne geklopft, und die charmante Satisfaktion, von Oprah Winfrey in den Himmel gelobt zu werden.

Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden.

Zwanzig Jahre, in denen es stets Frauen waren, die meine Arbeit veredelten und verkauften; wenn ich einen Roman frei gebe, läuft er durchweg durch weibliche Hände und Gehirne. Frauen sind Agentinnen, sie lektorieren, illustrieren, übersetzen, rücken schiefe Metaphern gerade, betüddeln neu­rotische Schreib­seelen, organisieren Messen, versorgen die Presse. Es sind Frauen, die am Ende am Tresen stehen und meine Bücher verkaufen. Meist an Frauen.

Die Branche ist zu 80 % weiblich – aber die Entscheiderpositionen haben zu 84 % Männer inne. Frauen machen die Arbeit, Männer die Macht.

Ich habe darüber hinaus meine eigene Studie in den letzten zwanzig Jahren betrieben – sie betrifft die Rezeption von Schriftstellerinnen. Die Evaluierung ist einfach: Zählen. Ich zähle Frauen. In Medien, auf Experten-Podien, in Gremien, in Jurys, bei Preisen, als Rednerinnen, in der Waschmittel­werbung. Also, da können wir uns über Unterrepräsentation nun wirklich nicht beschweren.

52 Männer sind Mitglied der „Sektion Literatur“ in der Akademie der Künste. Weibliche Mitglieder gibt es auch: 15. Die AdK wird erstmals von einer Frau geführt – nach kaum 320 Jahren mit Männer­präsidenten. Glückwunsch, wir kommen voran! Der Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Inbegriff von Anerkennung für Geist und Relevanz, ging 55-mal an Männer, neun Mal an Frauen. Der Literaturnobelpreis 14 Mal an eine Frau, 98-mal an Männer.

2015 wurden rund 43 Prozent der belletristischen Hardcover-Originaltitel von Frauen verfasst. Während Frauen bei historischen Romanen oder Krimis übervertreten sind, bringen die Hochliteratur-Verlage auffällig selten Novitäten von Frauen heraus. Die niedrigste Quote lag bei 2 Frauen auf 11 Männer. Je mehr E, desto weniger Innen, je höher die Literatur, desto niedriger der Frauenanteil.

Ein Blick in die Feuilletons sorgt an keinem Tag der Woche für bessere Laune. Während der Leipziger Buchmesse haben in den Feuilletons 26 Prozent Frauen Kritiken geschrieben. Schriftstellerinnen wurden zu 24 Prozent besprochen. Meine Studien aus Literaturbeilagen am Samstag oder Sonntag kommen auf ein wiederkehrendes Verhältnis von zwei Schlumpfinen auf zehn Schlaubis.

Marcel Reich-Ranicki antwortete auf die Frage „Schreiben Männer besser als Frauen?“ in der FAZ: „Homer, Sophokles, Euripides, Horaz, Ovid, Vergil, Dante, Petrarca, Molière, Racine, Shakespeare, Cervantes, Calderón, Voltaire, Goethe, Schiller, Balzac, Stendhal, Flaubert, Puschkin, Dostojewskij, Tolstoi, Proust, Brecht. Sie alle waren Männer. Genügt die Antwort?“

Das war übrigens 2009, nicht 1509.

Ich würde am liebsten zurück schmettern: „Sontag, Sachs, Woolf, de Beauvoir, Sagan, Lessing, Lindgren, Shalev, Allende, Roy, Colette, Austen, Sand, Eliot, von Bingen, de Pizan, Zeh, Franck, Hermann, Hustvedt, Munro, Duve, Ulitzkaya“, aber von irgendwo würde es dumpf zurück schallen: „Frrrrauenliteraturrr!“

Ich würd mal sagen: Liebes Feuilleton, liebe Hochkultur – entschlumpft Euch.

Das System können wir über Nacht nicht ändern; wir benötigen vermutlich zwanzig weitere Jahre. Fangen wir dennoch heute an, die Widerstandskrusten aufzuweichen, in dem wir eines für junge Frauen schaffen: Vorbilder.

Vorbilder in der Realität – und Vorbilder in der Fiktion.

Für Kinder ist das Fiktive wahr. Wenn sie lesen, inhalieren sie Werte – aber auch Gender-Klischees. Lösen wir das Schlumpfinen-Syndrom auf und implementieren weibliche Vorbilder in der Literatur. Frauenfiguren, die was erleben, die die Welt erklären, sie retten, auf den Kopf stellen! Wir brauchen mehr Catness Everdeens, wir brauchen mehr Buffys, wir brauchen Präsidentinnen, Jane Bonds, wir brauchen eine selbstauferlegte Quote für Superheldinnen – und auch eine für fluffige blaue Monster.

Erhöhen wir in allen Kulturwerken den Grundstock von vieldimensionalen Heldinnen für die kommenden Künstlerinnengenerationen. Auf dass sich noch viel, viel mehr Frauen trauen, die Hauptfigur ihres eigenen Lebens zu werden.

Abschließend: Entgegen der Befürchtungen meiner Großmutter habe ich doch einen Mann gefunden. Er ist Schriftsteller.
Seine Hauptfiguren sind allesamt starke Frauen. Er wird mitunter gefragt, warum er, so „als Mann“ denn über Frauen schreibe?

Seine Antwort: „Weil sie da sind.“

 

————-

Diese Rede wurde von Nina George am 28.6.2016 im Bundeskanzleramt gehalten. Ihre Keynote führte die Vorstellung der Studie „Frauen in Kultur und Medien“ des Deutschen Kulturrates ein.

Es gilt das gesprochene Wort.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Ebenfalls nachzulesen im Blog der Bücherfrauen.

Über Nina George:

Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Nina George, geboren 1973 schreibt seit 1992 Romane, Essays, Reportagen, Kurzgeschichten und Kolumnen. Ihr Roman „Das Lavendelzimmer“ stand weit über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wurde in 32 Sprachen übersetzt und eroberte auch international die Bestsellerlisten, so die New York Times Bestsellerliste in den USA, die Bestsellerlisten in England, Australien, Polen, Israel und Italien. Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Jens Jo Kramer, schreibt Nina George unter dem Doppel-Pseudonym Jean Bagnol Provencethriller. Nina George ist Beirätin des PEN-Präsidiums und Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt. Sie lebt in Berlin und der Bretagne. Mehr über Nina George: www.ninageorge.de

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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Eine Antwort zu Frauen zählen

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