Herlands Unwort der Woche – „natürliche Ordnung“

Kinder Anfang 70eer Kopie.JPGWenn die „natürliche Ordnung“ im politischen Diskurs auftaucht, dann weil sich eine reaktionäre Gruppe, oft zusammen mit der katholischen Kirche, gegen das stellt, was sie „Gender-Ideologie“ nennt. Also gegen die Erforschung dessen, was der Glaube an eine natürliche Ordnung der Geschlechter an Machtgefälle, Diskriminierung und letztlich Gewalt auslöst. Die natürliche Ordnung wird dabei auch gern als gottgegebene Ordnung bezeichnet. Vor allem da gerate ich immer in Verwirrung: Ja was denn nun? Natürlich oder von Gott installiert? Ist Gott das Natürliche oder der Übernatürliche? Und was ist eigentlich eine natürliche Ordnung?

Ich mag Autor_innen nicht, die bei einem Thema ihre Bücher zücken. Aber jetzt mache ich es hier mal selber, weil das seit Jahrzehnten mein Thema ist. Meine Ermittlerin Lisa Nerz habe ich Mitte der 90er Jahre erfunden. Damals gab’s in Krimis Hetero-Ermittler_innen und bereits auch lesbische Ermittlerinnen. Lisa Nerz ist aber nicht nur brav
lesbisch, sondern bisexuell. Bei Rowohlt bin ich mit dem Konzept gescheitert. Vor allem, als ich in „Gaisburger Schlachthof“ (hieß damals anders) ausführlich erklärte, wie sich eine genetische Frau zu einem Mann umbauen ließ, der in meinem Krimi seitdem die Rolle des Mannes mit allerlei sehr männlichen Attributen spielt: Oberstaatsanwalt Dr. Richard Weber. Ein schwieriges Kapitel. Der Lektor lehnte die Ausführlichkeit der Schilderung ab. Ja, wenn ich darstellen würde, wie man einen Mann zur Frau umoperiert … das ginge. Ich vermute, insgeheim und App Lisa Nerz.jpgim Sinne seiner/meiner Leser_innen sah er  die Wandlung einer Frau zum Mann als eine Art Angriff auf die herrschende Ordnung an, als Griff der Dienstmagd nach der Krone. (Ein König kann Bauernkleider anziehen und den Bauern geben, der Bauer aber darf nicht des Königs Kleider anziehen und König sein wollen.) Es war also ein ungehöriges Upgrading. Das im Subkulturellen und Schrillen verortete „Downgrading“ eines Mannes zur Frau war damals (und ist es bis heute) eher akzeptiert. (Wohlgemerkt: Nicht ich meine, es sei ein Up- oder Downgrading, aber ich glaube, dass viele das insgeheim so empfinden.) Ich habe mich im Buch aber durchgesetzt.

Damals habe ich nicht viel über die männliche Identität im weiblichen Körper gewusst. Ich habe beim Schreiben gelernt. Lisa Nerz, die damals noch bisexuell war („sexuell aufgeschlossen“, wie die Kritiken schrieben), hat für sich alsbald in Anspruch genommen, dass sie sich nicht auf eine, wie man damals sagte, Geschlechterrolle festlegen lassen wolle. Sie hat im Herrenanzug genauso authentisch ermittelt wie im Minirock. Sie, die damit kokettiert, keine Identität zu haben, besteht gleichzeitig darauf, das dritte Geschlecht zu sein, sich also nicht zuordnen zu lassen. Äußerlich betreibt sie anlassbezogenen Genderwechsel, und pflegt eine Haudegenrethorik, wenn sie Denkmuster zerschlagen will. Innerlich denkt sie weder wie ein Mann noch wie eine Frau. Im Kopf gibt es kein Geschlecht. Tatsächlich unterscheiden sich ja Frauen und Männer neuronal und charakterlich weniger voneinander als sich Mann und Mann oder Frau und Frau voneinander unterscheiden. (Siehe z.B dieser Artikel ,Spektrum der Wissenschaft) Ein Kritiker hat für Lisa Nerz dann den Begriff „gendermäßig oszillierend“ gefunden. Das Wort „Gender“ gelangte ins Bewusstsein von Lisa Nerz und von mir, und die nächste Frage kam alsbald dazu: „Ist sie queer?“

Für mich war eine Person ohne Genderidentität, wenn auch dem Personalausweis nach dem benachteiligten Geschlecht zugehörig (Hauptsache aber ein Nicht-Mann) die ideale Figur, um in der Fiktion soziale Beziehungen und Machtverhältnisse neu anschauen zu können. Soziale oder patriarchale Schieflagen erkennt man von unten, nicht von oben. Lisa Nerz bricht Kommunikationsmuster und Machtstrukturen auf, weil sie anders reagiert als es sich in heteronormativen Zusammenhängen gehört. Sie hat nämlich eine der Identität nicht, die wir im allgemeinen für die zentrale unseres Lebens halten, nämlich eine Geschlechtsidentität. Im Krimi „Der Allmachtsdackel“ habe ich mich vor der Folie von religiösem (hier protestantischem) Fanatismus mit den Fragen der natürlichen Geschlechterrollen beschäftigt. Und wo ist Natur besser zu sehen als im Tierreich. Dabei habe ich nicht nur festgestellt, dass eine wilde Herde von Rindern keineswegs vom Stier geführt wird, sondern von einer Leitkuh, sondern auch, dass es in der Natur unendlich viele Spielarten von Verhalten der beiden Geschlechter zu einander und zur ihren Nachkommen gibt:  Männer, die gebären (Seepferdchen), Frauen, die sich ohne männliche Beteiligung Klonen (Parthenogenese, Krebse, Geckos), Männer, die die Kinder hüten (Kleinaffen), Frauen, die zu Männern  (Clownfische) werden, Mütter, die ihre Kinder in Pflege geben (Kuckuck) und so weiter. Die Natur hat alles, und jede Variante hat irgendeinen Evolutionsvorteil. Noch immer schauen wir die Natur durch die patriarchale Brille an. Weshalb beispielsweise das Matriarchat der Bonobos erst in den siebziger Jahren gesehen wurde und noch lange nicht verstanden ist.

Bonobos Wilhelma 2015.JPG

Bonobos, Wilhelma

Mein Krimi „Die Affen von Cannstatt“ hat mich diesem Thema näher gebracht. Die Bonobos leben  ganz im Matriarchat. Sie haben sogar Sex miteinander, die Bonobofrauen. Gibt es Stress, machen sie alle mal kurz miteinander Sex, statt sich zu prügeln. Sex dient also auch im Tierreich keineswegs nur der Fortpflanzung. Das Matriarchat der Bonobos basiert darauf, dass die Frauen Freundschaften pflegen und zusammenhalten gegen die Männchen, die doppelt so groß und kräftig sind wie ein einzelnes Bonoboweibchen. Der Evoluitonsvorteil: Matriarchate bringen mehr Kinder durch, weil sie mit den Müttern zuerst fressen dürfen. Bonobos sind eine Unterart der Schimpansen, die wiederum im Patriarchat leben. Bei Schimpansen sind die Männer solidarisch und kooperativ, nicht aber die Frauen. Schimpansenfrauen schließen keine Freundschaften, sie sind vereinzelt und werden so untergebuttert wie in unseren patriarchalischen Gesellschaften die Frauen. Brutal patriarchalisch sind auch Paviane organisiert. Aber die „naturgegebene Ordnung“ ist auch hier nicht fest. Bei den Dscheladas im äthiopischen Hochland herrschen die Frauen. Und es soll in Afrika eine Pavianhorde gegeben haben, der die Männchen verloren gingen. Die Weibchen schufen einen freundlicheren Umgangston und waren netter zueinander. Noch rigoroser ist das Matriarchat der Hyänen. Hier herrschen aggressive  Weibchen, die sich äußerlich in nichts von den Männchen unterschieden. Sie haben sogar einen Scheinpenis. In Zoos werden von den Pflegern immer die armen Männchen bedauert, die von den Weibchen durchs Gehege gejagt werden. Auch die Pflegerinnen der Bonobos mögen diese Weiberherrschaft nicht sonderlich. Ihnen tun die Männer leid, wenn sie von den Frauen gebissen werden und sich dann die Wunden lecken. (Ein Problem der Zoohaltung, die „armen Männchen“ können nicht weit genug flüchten.) Die Familienorganisation im Gorillagehege beschreiben sie dagegen gern: prächtiger großer Silberrücken, seine Lieblingsfrau, kleine Purzel und da hinten die Kränkelnde, die alle mobben. Zoobesucher mögen dieses so sichtbare Patriarchat, sie verstehen es sofort. Die Bisswunden der Schimpansenfrauen finden dagegen keine extra Erwähnung. Und nur am Rande: Auch Ameisenstaaten sind komplett matriarchal organisiert und dabei extrem erfolgreich und wehrhaft.

Was also ist an dem Patriarchat, in dem der Affe Mensch lebt, natürlich? Gott gegeben, meinetwegen, also vom Menschen gemacht, der solche göttlichen Botschaften empfängt.  Aber es soll in prähistorischer Zeit Matriarchate gegeben haben, die überrannt wurden von primitiven, aber kriegerischen Patriarchaten. Beweise  hat unsere Wissenschaft dafür noch nicht gesehen oder akzeptiert. Der Blick auf die soziale Ordnung der Steinzeit dürfte von patriarchalen Denkmustern geprägt sein. Immerhin gibt es noch heute Kulturen, die mehr als zwei Geschlechter kennen. Das Volk der Bugi auf der indonesischen Insel Sulawesi benennt fünf Geschlechter: Frau und Mann, genetische Frau mit männlichen Vorlieben, genetischer Mann mit weiblichen Vorlieben und solche, die weder Mann noch Frau sind oder sich nicht so fühlen. Die haben eigene Kleider und gelten als Mittler zwischen Menschen und Geistern. (Quelle: Stern) Unsere Genderforschung ist erst vor einigen Jahrzehnten darauf gekommen, dass auch unter uns etliche Menschen leben, deren Geschlechtsidentität nicht mit der genetischen Vorgabe übereinstimmt, abgesehen davon, dass es auch mehr genetische Varianten gibt als xy und xx. Und so klar ist zudem nicht, ob das Y-Chromosom der alleingültige Geschlechtsmacher ist und es nach der Verschmelzung von Sperma und Eizelle keine Änderung mehr geben kann. Die Flutung des Embryos mit Hormonen bestimmt nämlich auch noch mit.

Die „natürliche Ordnung der Geschlechter“ ist in der Bugi-Kultur also eine ganz andere als in einer Kultur, die von einer Religion mosaischen Ursprungs beherrscht wird. Unsere Religionen haben Vielfalt und Varianz zugunsten des monotheistischen und patriarchalischen Totalitarismus aus unserem Denken verdammt. Rechtsextreme und  faschistische Partien greifen zur Sicherung ihrer eigenen Macht gern auf Ideen zurück, die Menschen keine Wahl lassen, keinen Eigenwillen, keinen Eigensinn und folglich den Lebensentwürfen auch keine Varianz zugestehen. So lassen sich Menschen am leichtesten kontrollieren, und zwar nach dem patriarchalischen Prinzip über Sex. Der Oberaffe, bestimmt, wer mit wem und wann Sex haben darf. Auch totalitäre/patriarchale Systeme definieren Sexualität als einzig der Fortpflanzung dienend und belegen abweichendes Lustverhalten mit Angst, Bann und Strafe. Vertreter_innen solcher Systeme sprechen das Wort „unnatürlich“ leicht und in völliger Unkenntnis der Kreativität der Natur aus aus, die schlichtweg alles zulässt, was das Leben voranbringt. Und neben der reinen Fortpflanzung sind für eine zukunftsfähige Gesellschaft soziale Faktoren enorm wichtig, die einen langfristigen Evolutionsvorteil bescheren: sich kümmern, teilen, für Gerechtigkeit sorgen, neugierig und mutig sein, Sonderwege gehen, etwas ausprobieren dürfen, eine freundliche Athmosphäre schaffen, einander stärken und unterstützen, Raum für Kultur und Innovation geben. Eines ist hundertprozentig sicher: Nur eine offene und neugierige Gesellschaft macht ihren Fortbestand möglich. Nationalistische, enge, ausgrenzende und einfältige Gesellschaften hingegen sterben im Krieg und reißen oft auch noch Millionen mit, womöglich uns alle.

Eine natürliche Ordnung für die soziale Stellung von Mann und Frau gibt es also nicht. Die Natur ist dynamisch, chaotisch und entwickelt sich über Versuch und Irrtum. Ordnung ist dagegen immer menschengemacht, wird von Menschen installiert und durchgesetzt, mal mehr, mal weniger brutal. Wir haben uns auf eine demokratische Ordnung geeinigt, die dem Einzelnen so viel Entfaltungsraum wie möglich geben soll. Das ist nicht immer einfach, fordert Individuen zu Toleranz heraus und verlangt von Einzelnen oder Gruppen, andere Interessen zuzulassen, Neues zu akzeptieren und sich nicht überall mit eigenen Ideen durchsetzen zu können. Aber das wollen wir, und wir brauchen es auch, wenn die Gesellschaft, in der wir in Frieden und Wohlstand leben, weiterbestehen soll.

Familie 60er Jahre.JPGEs gibt übrigens auch kein „natürliches Familienbild„. Die Familie (eigentlich ein patriarchalischer Begriff, der Besitz bedeutet), die uns heute so ideal erscheint – Vater geht arbeiten, Mutter kümmert sich um Kinder, manchmal helfen die Großeltern -, ist gerade mal 150 Jahre alt. In steinzeitlichen Clans dürften Kinder von der Gemeinschaft erzogen worden sein. Bauernfamilien waren Großfamilien, Mütter und Kinder hatten jeweils ihre Aufgaben und Arbeiten. Das Stadtbürgertum lebte mit Gesinde, Verwandten und mehreren Generationen in einem Haus. Der Adel ließ die Kinder von Ammen und Gouvernanten großziehen. Die Familie, wie wir sie heute für „normal“ halten, entwickelte sich aus einem verarmenden Bürgertum, das sich kein Dienstpersonal mehr leisten konnte, so dass die Mutter alle Arbeiten im Haus – von der Kinderbetreuung bis zur Wäsche und zum Kochen übernehmen musste, zunehmend unterstützt durch Maschinen. Es handelt sich also um eine Reduktion auf das unbedingt Notwendige zur Kinderaufzucht, oder sagen wir das vorletzt Notwendige, denn inzwischen reicht ja ein alleinerziehender Elternteil dafür. Ob eine solche Reduktion auf die Kernfamilie ein Vorteil für die Kinder ist, bezweifle ich. Ihnen wird die Varianz genommen, schrullige Jungfern, tunichtgute Onkel,  verwöhnende Großmütter oder -väter, die gütige Köchin, verrückte Dienstmädchen, draufgängerische Knechte, ein Cousin des Vaters, der das, was der Vater behauptet, relativieren kann, die unverheiratete Schwester der Mutter, die heimlich Romane schreibt, und so weiter. Heute erscheint uns eine möglichst enge, eine einspinnende Bindung der Kinder an die Eltern ideal. Für manche Kinder kann das auch der Horror sein. Wir sehen zugleich, dass viele Heranwachsenden unselbständig bleiben und die Eltern zur Immatrikulation an der Uni mitnehmen.

Also Obacht, wenn uns das Wort „natürlich“ über die Lippen rutscht. Wir verwenden es oft als Norm, die wir anderen aufzwingen wollen. Oder sagen wir: aufdrängen. Denn, was nicht natürlich wäre, ist „unnatürlich“. Und dieses Wort ist ein böses Wort der Abwertung mit verdammendem Bedeutungsfeld.

 

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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