Rechtspopulismus ist frauenfeindlich. Und Frauen machen mit.  

AutobahnDu darfst nicht so schnell Auto fahren wie du willst, betrunken schon gar nicht.  Du darfst dir keine Frau nehmen, du musst vorher fragen. Wenn sie Nein sagt, musst du das respektieren. Du darfst auch deine Ehefrau nicht zum Sex zwingen. Du sollst im Haushalt mitarbeiten und Pflichten bei der Kinderbetreuung übernehmen. Du sollst deine Frau unterstützen, wenn sie die Chance hat, Karriere zu machen. Außerdem solltest du mit deiner Freundin auch mal reden, ihr zuhören, sie verstehen. Du sollst friedlich sein und fähig zu Kompromissen.

Das sind Errungenschaften von dreißig Jahren Feminismus und Gender-Diskussionen. Und das wollen die rechtsextremen Parteien nun wieder abschaffen. Nicht ohne Grund werden sie besonders gern von Männern gewählt, die sich selbst in ihrem Leben unsicher fühlen und sich maßlos darüber ärgern, dass sie nicht selbstherrlich leben dürfen. Es sind vielfach Männer mit geringer Übung in Demokratie, nicht vertraut damit, Kompromisse auszuhandeln und sich einer Mehrheitsentscheidung zu beugen. Sie glauben, was sie selbst für richtig halten, muss sofort passieren. Und Politik müsse sofort  umsetzen, was sie haben wollen: rigoros und ohne Rücksicht auf andere Interessen. Diese Männer leben in einer Welt von Freund und Feind und würden Feinde am liebsten vernichten, töten.

Der Rechtspopulismus ist der Backlash gegen den Feminismus, gegen unsere Zivilisation, die Krieg und Diskriminierung ablehnt, die allen Menschen gleiche Rechte geben und natürlich auch gleiche Pflichten auferlegen möchte. Seit Jahrzehnten hören wir parallel dazu, dass der Feminismus Männer in ihrem Selbstverständnis verunsichert habe. Dass männlichen Kindern der Vater fehle für ihr männliches Selbstbild. Es gibt aber auch viele Männer, die damit klarkommen und es genießen, in einer gleichberechtigten Beziehung zu leben, die ja auch sie entlastet von Männlichkeitsgehabe. Es gibt aber offenbar auch viele Männer, die ihre Verunsicherung und Unlust zur Verständigung in Hass umwandeln und ausleben. Hass auf Frauen, Hass auf Schwächere, Hass auf Fremde, eben Hass auf das Andere (auf nicht weiße Männer und alle Frauen).

Interessanterweise gibt es auch viele Frauen, die in dieser Hassbewegung ihre Rolle finden. In Frankreich wird die Nationale Front von einer Frau angeführt, auch in Deutschland haben wir ein sehr populäres Frauengesicht an der Spitze der AfD. Und derzeit steht eine Frau in München vor Gericht, die ihre Rolle im Trio des rechtsterroristischen NSU gefunden hat, dem zehn fremdenfeindliche Morde zur Last gelegt werden. Im Kern extrem patriarchalische und damit frauenfeindliche Ideologien bringen immer auch Frauen hervor, die in ihnen Führungsrollen übernehmen. Es gibt offenbar viele Frauen, die Frauen hassen. Und die sich nach einer überschaubaren Ordnung sehnen, sie sie selbst kontrollieren können (die also nicht sie kontrolliert): Sicherheit auf Straßen, Sicherheit vor Einbrüchen, Sicherheit vor Gewalt, Sicherheit in einer Gruppe Gleicher und Gleichgesinnter, also Sicherheit der wirtschaftlichen Perspektive, des Besitzes, der sozialen Stellung, der Selbstherrlichkeit und Kontrolle.

Gewalttätige Männer sind ja an sich Kontrollfreaks. Wer Angst auslöst, also Terror ausübt, weiß immer, wie der/die andere sich fühlt. Er ist Herr über die Angst der anderen. Solche Männer wollen auch ihre Frauen kontrollieren. Damit das gelingt, töten sie sie auch. Ein beliebtes Krimithema: Männer töteten ihre Frauen oder Freundinnen, weil die sich von ihnen trennen wollte, um sie also unter Kontrolle zu behalten. Frauen töteten ihren Mann oder Freund, weil sie glauben, sich anders von ihm nicht befreien zu können. Solche Männer finden sich auch gern zusammen zu Gruppen, die in die Schlacht gegen andere Männer ziehen, fremde Fußballclubs, politische Gegner, Flüchtlinge und so weiter. In solchen Gruppen können sich auch Frauen wohl fühlen, weil sie dann umgeben sind von gewaltbereiten Männern, die sie vor dem Fremden, dem Anderen, dem Beunruhigenden und Lebendigen schützen. Frauen können in solchen Gruppen deshalb auch eine fordernde und anstachelnde Rolle übernehmen, eine Führungsrolle. Sie können sogar fordern, dass alle Frauen sich auf die Rolle von Müttern vieler Kinder beschränken, ohne selbst Kinder zu haben. Schließlich ist ja Hauptinhalt rechtspopulistischer Parteien, dass sie die Regeln machen — und zwar totalitär —, nicht die anderen.

Ihnen zu Hilfe kommt dabei eine gewisse Ratlosigkeit der auf Frieden eingestellten Zivilgesellschaft angesichts von Gewalt innerhalb dieser Gesellschaft. Uns haben Anfang des Jahres kollektiv die Gewalttätigkeiten und sexuellen Übergriffe in Köln in der Silvesternacht verunsichert. Die Flüchtlinge, für deren Akzeptanz wir geworben haben, haben sich nicht an unsere Rollenvorstellung von Ohnmacht und Unterlegenheit gehalten, sondern, wie es schien, Frauen überfallen und vergewaltigt. Ganz egal, ob es sich in Köln so verhalten hat oder nicht und welche Gründe es für diese Eskalation der Gewalt gab, es hat mit Sicherheit sehr viele ins Mark verunsichert, die bis dahin überzeugter Teil der Willkommenskultur waren. Menschen verhalten sich nicht stets gemäß der Rolle, in der wir sie sehen. Sie lassen sich nicht immer und überall kontrollieren. Sie tun nicht, was wir von ihnen erwarten und schon gar nicht nur das, was wir ihnen zugestehen. Sie wollen über sich selbst bestimmen, und leider begehen einige dabei auch Verbrechen.  Ein großer Teil unsere Zivilgesellschaft hat diese enorme Verunsicherung (verbunden mit Wut und Erbitterung) ausgehalten. Doch ist der Teil gewachsen, der Angst bekommen hat und sich nach einer Begrenzung des Zuzugs von Fremden sehnt, vor allem von jungen Männern aus anderen Ländern. Als ob ihnen von ihren Nachbarn, Vätern, Onkeln oder einer Volksfestbekanntschaft nicht genau dieselbe Gewalt drohen würde.

Und so hat ein ganz fataler Irrtum Einzug in unser teils unbewusstes, teils aber von den Rechtspopulisten bewusst ausgenutztes Fühlen und Denken Einzug gehalten. Wir sehen, dass viele Geflohene aus patriarchalischen Gesellschaften kommen. Dabei übersehen wir, dass wir auch hier in einer patriarchalischen Gesellschaft leben, die jederzeit Gewalt gegen Frauen ignorieren (in Köln haben Polizisten nicht hingeschaut, Gerichte urteilen immer noch nur selten zugunsten vergewaltigter Frauen gegen die Männer) oder ausüben kann. Innerhalb dieser Männerherrschaft haben wir einen neuen Gegner definiert: den muslimischen Mann. Und damit sind wir zurückgefallen in ein ganz einfaches urpatriachalisches Denkprinzip, das sich rechtspopulistische Parteien sehr erfolgreich zunutze machen. Es lautet:

Fremde Horden vergewaltigen unsere Frauen. Davor müssen wir uns schützen. Und wer schützt uns? Unsere Männer, die eigene Gruppe also. Doch wenn du vor fremden Männern geschützt werden willst, dann musst du dich auch der klassischen Frauenrolle unterwerfen, zuhause bleiben, Kinder groß ziehen. Wenn nicht, dann gibt’s Senge. Denn draußen herrscht Krieg. Davor schützt dich dein Mann. Aber er schützt dich nur dann vor der Gewalt anderer Männer, wenn du dich ihm unterwirfst. Tust du das nicht, bist du Freiwild für alle Männer, vornehmlich aber fremde aus fremden Kulturen.

Aus diesem Denkgebäude gibt es einen Ausweg. Er lautet: Ja, leider leben wir nicht in hundertprozentiger Sicherheit. Leider gibt es Menschen, die unsere Selbstbestimmung nicht achten. Leider müssen wir Frauen uns selbst zu schützen versuchen. Feindbilder und Gewalt machen die Welt allerdings nicht sicherer, sondern nur gewalttätiger und für den Einzelnen und die Einzelne gefährlicher. Wir kommen nicht darum herum, anzuerkennen, dass wir miteinander leben und jeden Tag um ein friedliches Miteinander ringen und alle miteinander auf einander aufpassen müssen (Männer auf Frauen, Frauen auf Männer, Frauen auf Frauen und Männer auf Männer). Und zwar müssen wir mit uns selbst ringen und mit allen, die uns feindselige und hasserfüllte Parolen aufdrängen wollen. Ringen, sage ich, weil Ringen ein Kampf nach strengen Regeln ist, bei dem niemand verletzt oder gar getötet werden soll. Das Leben ist kompliziert. Und das ist gut so. Das macht seinen Reiz aus und eröffnet uns unsere Chancen auf ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung.

Und welche Frau möchte sich denn wirklich von diesen Sicherheits- und Ordnungsfanatikern einsperren lassen? Ich nicht.

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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2 Antworten zu Rechtspopulismus ist frauenfeindlich. Und Frauen machen mit.  

  1. kathriene schreibt:

    Rebloggt auf https://backsbeern.wordpress.com/
    Vielen Dank für diesen Beitrag.

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  2. dienyx schreibt:

    Hat dies auf Nyx rebloggt und kommentierte:
    Ich wünschte mir wäre es gelungen das so schön aufzudröseln und in Worte zu fassen. Vielen Dank dafür.

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