Homophobie ist das falsche Wort

Spinne.JPGPhobien gibt es reichlich: Spinnenphobie, Agoraphobie, Klaustrophobie, Homophobie, Xenophobie und so weiter. Phobie ist Griechisch und heißt Furcht.

Phobien kann recht leicht heilen. Und zwar durch Konfrontation. Wir lernen, dass wir dem Angstauslöser nicht mehr aus dem Weg gehen müssen. Panik tötet ja nicht. Sie ist nur unangenehm. In der Konfrontationstherapie erträgt man seine Angst und erlebt, wie sie nachlässt und man sich gewöhnt. Die Angst verschwindet, der Mensch gewinnt Selbstvertrauen zurück. Er hat sich von einer Angst befreit. Das macht glücklich.

Einen Grund, seine Phobie nicht behandeln zu lassen, gibt es nicht. Wer die Heilung genauso meidet wie Fahrstühle oder Flugzeuge, hat vermutlich einen guten Grund, eine Phobie zu pflegen, die sie oder ihn daran hindert, bestimmte Möglichkeiten zu nützen, die sich ihr/ihm bieten. Es soll ja auch eine Furcht vor der Freiheit geben.

Falls die Abneigung gegen Lesben und Schwule, Fremde, Ausländer_innen oder Muslime tatsächlich nur eine Phobie ist, wäre sie also leicht heilbar. Tatsächlich beobachten wir das Phänomen, dass in Landesteilen oder Stadtteilen mir nur sehr geringem Anteil an Fremdartigen, die Fremdenfeindlichkeit besonders groß ist. Gerne erzählen Frauen in die Kamera, sie hätten Angst vor Vergewaltigungen, Überfällen, Einbrüchen und überhaupt. Eine Angst vor dem Unbekannten also. Sind die Geflüchteten dann da, bilden sich Freundeskreise, und die Angst fällt in sich zusammen, man schließt Freundschaft.

Ist also Fremdenfeindlichkeit tatsächlich nur eine Phobie oder etwas ganz anderes, beispielsweise, wie es das deutsche Wort sagt: eine Feindschaft? Und wie verhält es sich mit Homophobie? Die Linguistin Elisabeth Wehling meint dazu:

SWR Fahrstuhl 2„Wir nutzen das Konzept Phobie recht häufig, und zwar auch im nicht klinischen Sinne. Ich kenne wenigstens ein Dutzend Menschen, die fernab jeder Diagnose an Klaustrophobie, Sozialphobie oder Spinnenphobie leiden. … Das trägt zu unserer Einschätzung bei, die Ursachen und das Gefühl einer Phobie irgendwie nachvollziehen zu können. Ob man es Phobie oder einfach nur Furcht nennt – Spinnen sind schon irgendwie eklig, kleine Räume sind beengend, größere Gruppen lösen in jedem, der kein Social Butterfly ist, ein wenig Stress aus … Und der Islam? … Der durch den Begriff islamophobisch erweckte Frame erzählt demnach folgende Geschichte: Muslime jagen panische Angst ein, man zieht sich zurück und meidet sie. Sie selbst spüren keine Auswirkungen der phobischen Reaktion, außer vielleicht, die des Gemieden-Werdens. Punkt. Nichts weiter.“ (Politisches Framing, 2016, S.157 f.)

Mit anderen Worten, wenn wir für die Ablehnung bestimmter Gruppen sexueller Orientierung das Anhängsel „phobie“ verwenden, dann verharmlosen wir. Wir tun so, als wäre es irgendwie schon allgemein nachvollziehbar, dass man vor Lesben und Schwulen Angst haben müsse, weil sie ja irgendwie schon eklig seien. Und wir tun so, als hätte das für sie keine Folgen. (Der Spinne oder der Menschenmenge tut es ja nicht weh, wenn ein Mensch vor ihr Angst hat und die Begegnung meidet.) Als würden also Lesben oder Schwule nicht mehr oder minder subtil diskriminiert und schon gar nicht offen verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Wir (Medien und öffentlicher Sprachgebrauch) haben uns da also wieder einmal einen Begriff ausgesucht, der die Akteur_innen verharmlost und die Konsequenzen verschleiert. Wir gehen doch recht glimpflich mit denen um, die andere Lebensentwürfe verdammen, verurteilen und verfolgen. Ein Teil tut das, weil der für sie Verständnis hat, so ganz tief drinnen. Ein anderer Teil aber tut es unabsichtlich, oder vielleicht auch deshalb, weil wir die Gegner_innen sexueller Selbstbestimmung nicht so hart angehen wollen (wir haben ja schon genügend gesellschaftliche Fronten). Beim Thema Fremdenfeindlichkeit reden Politiker_innen ganz zum Frame passend davon, man müsse die Ängste in der Bevölkerung ernst nehmen. Als ob es sich tatsächlich um eine Angst handele, die man durch Konfrontation beseitigen könne. (Dann muss aber auch die Konfrontation her. Dann kann es nicht heißen: die Flüchtlinge dürfen nicht mehr kommen.)

Übertragen wir das nun mal auf Homophobie. Nach wie vor herrscht unter denen, die alles ablehnen, was nicht heteronormativer Sex zu Fortpflanzung ist, die Auffassung, Homosexualität sei eine Krankheit, die ansteckend ist, weshalb Kinder im Schulunterricht auf keinen Fall etwas davon hören dürften. (In Stuttgart bringen Genger_innen des Bildungsplans immer wieder Tausende auf die Straße und behaupten zu glauben, ihre Kinder würden in den Schulen zu Homos erzogen. Ob sie es wirklich glauben?) In Russland werden Schwule zu Gefängnis verurteilt, die vor Kindern positiv (also neutral) über Homosexualität reden. Warum eigentlich? Warum gibt es Leute, die den Sex anderer bestimmen und kontrollieren wollen.

Gerade Gesellschaften mit autoritären bis diktatorischen Staatsformen verfolgen Homosexuelle (meistens stehen die Männer im Fokus, von Frauen ist da fast nie die Rede) besonders wütend. Politische Gruppierungen oder Parteien mit starker Sehnsucht nach autoritären, sicherheits- und polizeibetonten, ausgrenzenden und einschränkenden Regierungsformen fordern Verfolgung von Homosexuellen. Die Ablehnung von Fremden, Zugereisten, Andersgläubigen (gerne auch sozial Schwachen oder Superreichen) schließt immer eine offizielle und lautstarke Ablehnung Sexueller Freiheit ein, insbesondere der gleichgeschlechtlichen. Wobei mir scheint, die Sexkontrolle ist die Basis des Konzepts. Wer das sexuelle Verhalten einer Gruppe oder einer ganzen Bevölkerung kontrolliert, kontrolliert die Feste und Feiern, die Orgien und die revolutionäre Subkultur. Er hat die uneingeschränkte partriarchale Macht. Diesen Potentaten kommt es ja auf nichts anderes an, als darauf, die eigene Macht zu sichern. Vom Erdmännchen bis zur Schimpansenhorde gilt: Das dominante Paar oder der dominante Rudelführer bestimmt, wer sich mit wem paart, welche Gene weitergegeben werden und welche nicht. Das galt auch für die Beduinengruppe zuzeiten von Moses, auf deren patriarchale Traditionen auch das Christentum zurückgeht. Der Patriarch bestimmt, wer sich mit wem kreuzen darf und muss, um den Fortbestand der Sippe zu garantieren.

In Zeiten der globalen Überbevölkerung ein totaler Anachronismus. Wir brauchen nicht mehr Kinder, sondern mehr Nahrung und Wasser. Allerdings bezogen auf sich verkleinernder Völker wie der Bevölkerung der Bundesrepublik wiederum nicht. Das Tier in uns setzt auf Vermehrung des Gleichen, des Selbst, des Wir. Wer da nicht mitmacht, wird verdammt: Lesben und Schwule etwa. Wer von außen eindringt auch: Fremde. Die fürchtet man, so irrational und phobisch, wie wir halt eben sein können. Aber man fürchtet sie eben nicht nur, man verfolgt sie auch, und am liebsten würde man sie vernichten. Manchmal tun welche das auch. Schließlich beißen Löwenmännchen auch die Jungen des Vorgängers tot. Da geht es nicht um Angst. Sondern um Sicherung der Macht. Punkt.

Wir haben jetzt den Tag der Homophobie hinter uns und Ende Juli ist Christopher-Steet-Day. Je mehr wir Demokrat_innen darauf pochen, dass Lesben und Schwule genauso wenig verfolgt werden dürfen wie jeder Mensch sonst auf der Welt, desto öfter werden wir das Wort „Homophobie“ hören und auch selbst verwenden. Ein Wort, dass sich unterschwellig gemein macht mit einer – offenbar nur zu verständlichen – Angst vor sexuellen Revolutionen oder auch nur Freiheiten, die sich andere herausnehmen, man selbst aber nicht. Ein Wort, das diejenigen, die auf ihre Angst pochen, entschuldigt. Für Islamophobie oder Xenophobie haben wir ja deutsche Wörter: Islamfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass.

Ich finde, es wird Zeit, dass die LSBTTIQ-Gemeinde sich zu einem Begriff ermutigt, der nicht mehr verharmlost, sondern benennt. Zum Beispiel: Homo-Hass, oder wenigstens Homo-Feindlichkeit.

 

 

 

 

 

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Homophobie ist das falsche Wort

  1. Pingback: die ennomane » Links der Woche

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s