Kopftuch, Busen, Beine, Po

Frau mit KopftuchKleidung ist Kommunikation mit Panzerfaktor. Wenn meine Protagonistin Lisa Nerz sich die Lederjacke anzieht und ihre Narben im Gesicht mit dem Kajal nachzieht, dann will sich nach außen abpuffern: Vorsicht, ich will nicht spielen, ich beiße. Wenn sie sich einen Minirock anzieht, dann will sie am Pförtner der Staatsanwaltschaft vorbei. Operativer Mummenschanz mit  Crossdressing.

Jetzt haben Sie aber  eine Tochter, die sich so anzieht, dass Ihnen nur das Wort „nuttig“ einfällt. Und immer wieder gibt es Versuche von Schulleiterinnen, einen Dresscode für junge Frauen einzuführen: nicht bauchfrei, keine Shorts, in meiner Jugend Hotpants genannt. Der Gedanke dahinter, die männlichen Lehrer kriegen Stielaugen. Frauen  reglementieren junge Frauen. Wenn Sie Ihre Tochter entgeistert fragen, was sie sich dabei denkt, sich so aufreizend anzuziehen, kommt wahrscheinlich die Antwort: Ich tue das, weil ich mir so gefalle. Stimmt nicht, sie will den Freundinnen imponieren. Den Jungs nicht. Auch nicht den Lehrern. Um Männer geht es da gar nicht. Ich habe mich mal mit einer Freundin im Frauencafé (Männer verboten) getroffen, und sie erschien gestylt wie nie. Frauen ziehen sich für andere Frauen an, nicht für Männer.  Männer (Jungs) sehen ohnehin keine Klamotten, sondern nur die Elemente darunter, Titten und Po. Frauen sehen dagegen Preis und Boutique. Mode ist ein Wettbewerb unter Frauen. Ein Code der vermittelt, was ich mir leisten kann und will und welche Rolle ich in der Gesellschaft spielen will. Logisch, dass es Rektorinnen sind, die jungem Frauen was verbieten. Keineswegs sind körperbetonende Klamotten eine Einladung an Männer. Dass unsere Jugend sie trägt, ist ein Zeichen weiblichen Selbstbewusstseins, das nicht davon ausgeht, dass Männer die Signale als Locksignale deuten und sich nehmen, was sie für ein Angebot halten. Sehr schön!

Was geschieht, wenn Lisa Nerz vor ihrem Haus der jungen Syrerin Yeliz aus der Wohnung unter ihr begegnet, die Kopftuch und lange Gewänder trägt. Sie beißt sofort zu: „Ermordet dich dein Bruder eigentlich auch, wenn du einen Freund hast?“ Yeliz spricht exzellent Deutsch und erwidert: „Das ist meine Kultur und meine Entscheidung.“ Lisa akzeptiert nicht: „Kleiderordnung, das ist Mittelalter, Stigmatisierung.“ Für sie ist die Sache klar. „Das Kopftuch ist  ein Symbol für die Gefangenschaft der Frau im Patriarchat. Punkt.“  Sie fühle sich aber nicht unterdrückt, antwortet Yeliz. „Ich will das tragen als Zeichen meiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur. Ich bin so frei.“ – „Das glaubst du nur“, bäfft Lisa zurück.

Die Feministin, Anne Wizorek, vertritt en passent eine klare Position dazu: „Insofern ist es auch für feministische Diskussionen wichtig, keine allgemeingütige Schablone anzusetzen, die vielleicht Selbstbestimmung für weiße Frauen beinhaltet, aber dabei Frauen of Color vergisst oder sie sogar mit rassistischen Stereotypen ausgrenzt, wenn z.B. mal wieder kopftuchtragende muslimische Frauen angeblich von diesem Kleidungsstück befreit werden müssten, um wirklich selbstbestimmt zu leben.“ (Weil ein #aufschrei nicht reicht, Fischer, 2014, S. 21.)

Ist unser Unbehagen beim Anblick junger Frauengesichter im Rahmen von Kopftüchern also nur ein Lapsus tiefsitzender Vorurteile angesichts des Ungewohnten. Lisa Nerz würde eine junge Frau mit Kreuz an der Kette um den Hals auch anblaffen: „Was willst du mir damit eigentlich sagen? Dass du gegen Abtreibung bist und für die Mutterolle der Frau? Gegen homosexuelle Lebensentwürfe  und genderqueere Menschen? Dass du für die Herrschaft der Männer bist und Sex Sünde ist, es sei denn, er dient der Zeugung. Ist es das?“ Die junge Frau hebt die Hände und streitet ab. „Ich bin auch nicht für alles, was die Kirche sagt.“ Eigentlich trägt sie das Kreuz eher wie  als Beschwörung des Schicksals, eine Art Dauergebet, als Glücksbringer. „Ist halt meine Kultur.“ Sie zeigt damit dem Umfeld, wo es sie verorten kann.

Lisa würde sie allerdings nicht fragen, ob sie das Kreuz wirklich freiwillig trägt oder von einem Mann dazu gezwungen wurde, ob sie als Kind in den Schwimmunterricht durfte, ob sie damit Fahrradfahren kann oder wegrennen, wenn es nötig wäre. Yeliz aber fragt sie das sehr wohl. „Deine Klamotten sind wie Fesseln, wie Nonnenkleider. Nonnen sind unfrei und müssen gehorchen. Oder wie früher die Stöckelschuhe, die den Sekretärinnen die Standfestigkeit raubten.“ – „Oder wie ein enger Rock oder High Heels oder ein Schlauchkleid?“, fragt Yeliz. Jaja, auch wir haben unsere Momente, in denen wir unsere Bewegungsfreiheit der gesellschaftlichen Frauenrolle opfern. (Männer tun das nie.) Zwingt man uns dazu? Na ja, in gewisser Weise vielleicht schon, falls wir Karriere machen wollen. Allerdings werden wir nicht gesteinigt, wenn wir zum Empfang in flachen Schuhen und Hosen gehen. Den Mummenschanz legen wir auch ab, wenn wir rudern oder Drachen fliegen gehen. „Treibst du Sport?“, fragt Lisa.

Darauf gibt es zwei mögliche Antworten. Einmal: Ja, ich gehe Schwimmen. Zum andern: Sport? Nö. Yeliz ist jung, sie denkt genauso wenig an Sport wie die junge Frau mit dem Kreuz um den Hals. Gesundheit und langes Leben durch Sport, das ist  was für Frauen ab Vierzig.

Also: Wer sind wir, dass wir von Yeliz fordern, sich auszuziehen? Schüttel dein Haar im Wind, spüre die Sonne auf deinem Arm, geh joggen! Für viele junge Menschen ist das Bekenntnis zu einer kulturellen oder weltanschaulichen Identität wichtig. Das gelingt über religiöse Symbole und Gefühle, aber auch über exzessives Abnehmen, als Punk, Gothic oder mit Hotpants. Je mehr die Eltern, Rektorinnen oder Bürger_innen sich darüber aufregen, um so besser. Lisa tut es, für mich war in meiner Jugend auch nötig. Ich-Sagen durch Abgrenzung. Und Klamotten sind die Ich-Grenzen zur Welt. Manchmal benutzen Dutzende junger Frauen die gleichen Grenzen, trotzdem ist es der Versuch zur Individualisierung und Positionierung in der Gesellschaft, in die man sich hinein lebt. Yeliz ist in Deutschland zur Schule gegangen, sie hat vermutlich jede Menge mehr oder weniger subtiler Geringschätzung und Ausgrenzung erfahren. Das Eigene verleugnen ist ja nicht die Lösung. Identität will, besonders in der Jugend, auch mal trotzig an der Welt probiert werden. Eines Tages mögen die Symbole – Kopftücher, Kreuze oder der Gothic-Fummel – an Bedeutung verlieren, ohne dass die Identität leidet. Dann legt man sie ab. Vorausgesetzt, wir treiben Yeliz nicht in Gerichtsverfahren durch alle Instanzen, in denen sie über Jahre hinweg auf ihrem Kopftuch beharren muss.

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Und noch ein Argument bringt Yeliz an. „Schau dich doch nur mal um!“, sagt sie zu Lisa und deutet auf das Plakat an der Straßenbahnhaltestelle. „Ihr seht Frauen doch gar nicht als Menschen, als Personen, nur als Titten und Arsch. Darauf möchte ich mich nicht reduzieren lassen. Das Kopftuch ist auch ein feministisches Zeichen.“ In der Tat sind wir von halbnackten Frauen umgeben. Im tiefsten Winter wirbt eine Ladenkette für Bikinis: Brust raus, Po raus, Lippen schürzen! Aber auch für Autos, Bier oder Grillkohle zeigen Frauen Body, legen die Köpfe schief, lecken sich die Lippen, kokettieren. Der Frauenkörper begegnet uns (auch uns Frauen, gähn!) überall, reduziert auf Brüste, Beine, Po, als Eye-Catcher,  als das Konsumlockmittel schlechthin – und zwar für Männer. (Eigenartig, denn es sind ja meist die Frauen, die einkaufen.) Der Mann kriegt zehn Mal am Tag einen Steifen und verwechselt am Ende seine Nachbarin mit dem Medienbild und glaubt, er sei eingeladen, sich zu nehmen, was er für ein Angebot hält. „Wenn die sich auch so anzieht!“ Wobei nachweislich die Art und Weise, wie sich eine Frau anzieht, keine Rolle bei einer Vergewaltigung spielt. Den Männern reicht das Frauenbild im Kopf für den Kick, Macht auszuüben. Es ist leider durchaus nicht so, dass sich europäische Frauen nicht vor Übergriffen europäischer Männer fürchten müssten.

Selbstverständlich ist „in Sacke und Asche gehen“  oder in Nonnenkleidern oder mit Kopftuch und bodenlangen Mänteln nicht die Lösung, um sich dem allgemeinen Bild „Frau als Sexobjekt“ zu entziehen. Es würde ja auch nichts nützen. Lisa Nerz sagt zu Yeliz: „Wenn mich einer anglotzt, dann steche ich ihm die Augen aus!“ Sie hat Judo gelernt. Yeliz antwortet: „Gewalt ist auch keine Lösung.“

Ich erinnere mich allerdings gut daran, wie erschrocken die Männerwelt in den achtziger Jahren reagierte, als Frauen anfingen, Selbstverteidigung zu lernen. Als ich Judo lernte, änderten sich zwei Dinge: Ich ging mit dem Bewusstsein, „der kann mir nichts!“ durch die Rotlichtstraße Stuttgarts und wurde plötzlich nicht mehr von Männern angesprochen, und der Gesetzgeber sprach für Männer das Verbot aus, in Nuttenvierteln Frauen anzusprechen (weil sie eben auch Schulkinder angesprochen hatten). Mir scheint, dass Frauen, die bereit sind, sich gegen Zumutungen zu wehren (auch und vor allem verbal und politisch) eine Änderung der gesellschaftlichen Werte und Verhaltenstoleranzen erzeugen.

Und, auch in den achtziger Jahren erzählte mir ein Hetero-Mann von seinem Besuch in San Francisco. Er war erschüttert: „Da wirst du angeguckt und taxiert…“ Es war ihm total unangenehm, richtig unheimlich. Siehste mal! Als Sexbeute gesehen zu werden, ist unangenehm. Wie gut, dass es Orte gibt, wo Männer plötzlich erkennen, wie es Frauen geht. Ein Vorteil einer toleranten und freien Gesellschaft, die Menschen mit anderen Konzepten so leben lässt, wie sie es wollen.

Das Recht hat auch Yeliz. Ich meine: Frauen tuen gut daran, einander zuzuhören, statt einander dreinzureden. Es ist nicht fair, Yeliz zu unterstellen, sie unterwerfe sich dem Patriarchat und merke es nicht, müsse also befreit werden. Wir merken nämlich auch oft nicht, wo wir uns herrschenden Regeln anpassen, die wir sprengen müssten, weil sie uns klein halten oder unsere körperliche und geistige Bewegungsfreiheit beschränken.

Etwas ganz anderes aber ist es, wenn Fatima zu Lisa kommt und um Hilfe bittet: „Ich möchte so gerne Sport studieren, aber meine Eltern erlauben mir das nicht. Ich muss das Kopftuch tragen.“ Da wird Lisa handeln, Asyl gewähren, Fatimas Flucht organisieren. Mit anderen Worten: Solidarität mit denen, die sich unterdrückt fühlen und befreien wollen, ist sehr wohl unsere Sache. Da mischen wir uns ein.

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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2 Antworten zu Kopftuch, Busen, Beine, Po

  1. Ilka neufeldt schreibt:

    Auch Männer kennen Kleiderzwänge: Anzug und Krawatte

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    • Christine Lehmann schreibt:

      Aber sicher: Allerdings sind es die Männer, die sich die Regeln geben. Wir Frauen haben beim Dresscode der Männer kaum was zu sagen (außer vielleicht bei der Hochzeit.) Es ist auch so, dass Männer unter Zwängen leben, aber es sind die Regeln, die sich die patriarchalische Gesellschaft selber gibt. Es gibt auch Männer, die da ausbrechen wollen. Auch sie kämpfen vielleicht gegen das Patriarchat, also die Regeln, die die älteren, arrivierten Männer, den jüngeren auferlegen, die in der Gesellschaft etwas werden wollen.

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