Abteilung Frau

12235024_10156211586810371_7865615501434175446_nGanz ehrlich: Tief im Innersten ist ein kleiner Teil von mir über Frauenparkplätze dankbar. Nachts an Autobahnraststätten oder in einsamen Parkhäusern. Und derselbe Teil von mir findet die Vorstellung von Frauenabteilen in Zügen ganz entspannend. Wenn ich nur an den jungen Herrn aus den Niederlanden denke, der letztens zwischen Hannover und Berlin hinter mir saß und mit seiner Freundin stritt, und nachdem ich ihn bat, sie nicht so anzuschreien, wurde ich von ihm beschimpft, bedroht, bespuckt, und mein Handyladekabel hat er auch noch kaputtgetreten. (Die umsitzenden Männer verzogen sich dezent, bis wieder Ruhe eingekehrt war, und vom Zugpersonal war weit und breit niemand zu sehen.) Oder in Frankfurt/Main am Hauptbahnhof, ich setzte mich ins nächstbeste Abteil, es war noch leer, weil der Zug erst in zehn Minuten fuhr, aber dann setzte sich mir ein Mann schräg gegenüber und fing  an, sich einen runterzuholen. Ich ging raus und suchte jemanden vom Zugpersonal, man sagte mir, ich solle mich einfach woanders hinsetzen. Oder einmal im Zug nach München, wo ein Herr mich fragte, ob ich ihn auf die Toilette begleiten wolle. Oder in der Regionalbahn zwischen Gießen und Marburg, als sich die drei jungen Männer zu mir ins Klo drängen wollten. Oder oder oder. Wer mehr Beispiele möchte, schaut mal auf Twitter unter #imzugpassiert nach. Auch die Reaktionen sind, sagen wir, aufschlussreich. Frauenabteile, denkt sich dann dieser Teil in mir, wie schön wäre das. Auch die ganzen aufgezwungenen Vorträge über die voll wichtigen Geschäftsreisen (USA! China! Welt!) würden wegfallen, die merkwürdigen Handytelefonate über voll wichtige Verhandlungen (Millionendeal! Milliardendeal!), und was nicht noch alles. Und ich müsste neben mir sitzenden Männern nicht mehr erklären, dass ihr Sitz dort aufhört, wo ihr Sitz eben aufhört, würden Sie jetzt bitte Ihr Bein wieder zu sich nehmen, vielen Dank.

Natürlich ist das Blödsinn: Frauenabteile. Die potentiellen Opfer werden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, bekommen Räume zugewiesen, die sie besser nicht verlassen, während sich die potentiellen Täter frei bewegen können. Das würde doch zu einer Atmosphäre beitragen, in der grundsätzlich Frauen (schwach und wehrlos) die Opfer und Männer (stark und bedrohlich) die Täter sind. Immer, überall, ob nun was passiert ist oder nicht. Das wäre unfair, allen gegenüber. Und es wäre wie mit dem Minirock: kein Minirock, keine Vergewaltigung – will sagen: keine Frau im Zugabteil verfügbar, kein sexueller Übergriff. Frauen müssen sich einschränken, weil Männer nun mal ihre Triebe nicht kontrollieren können. Äh, ja. Problemlösung sieht anders aus. 

12961524_10156726336355371_2520084669586619109_nAls mich meine Eltern vor über zehn Jahren in Berlin besuchten, war meine Mutter ganz aufgeregt, weil sie irgendwo an einem S-Bahnhof oder in der S-Bahn gelesen hatte, man solle als Frau in der S7 zwischen den Stationen Grunewald und Nikolassee darauf achten, nicht allein mit einem Mann im Abteil zu sitzen, weil die Bahn sieben Minuten ohne Stopp durch den Wald fährt. Bei aller Nachvollziehbarkeit, was gute Ratschläge betrifft: Soll ich wirklich jeden Mann als potentiellen Vergewaltiger betrachten? Wie sieht mein Leben denn dann aus? Ein Leben in ständiger Angst? Was passiert außerdem mit Menschen, die unter Generalverdacht stehen? Wie gehen Menschen dann miteinander um, die einen starr vor Angst, die anderen wütend, weil man sie überall als mögliche Sexualstraftäter ansieht?

Diese Gesellschaft funktioniert nur, wenn wir alle aufeinander achten. Wenn wir uns darum kümmern, einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen, egal welches Geschlecht wer hat. Sexualisierte Gewalt durch Frauen ist viel seltener als von Männern, aber es gibt sie, so wie es auch männliche Opfer von sexualisierter Gewalt gibt, und schon allein deshalb sind Frauenabteile nicht die brillante Lösung.

12417817_10156409863080371_8795888660079560815_nIch hätte mir in den Situationen, in denen ich blöd angemacht wurde, mehr Solidarität, mehr Unterstützung von den anderen Menschen gewünscht, die entweder ebenfalls anwesend waren oder die ich im Anschluss gebeten hatte, mir zu helfen. Kein Frauenabteil, einfach nur Zivilcourage. Die Reaktionen waren aber fast immer: Wegschauen. Ignorieren. Froh sein, wenn die Situation vorbei ist. Solange niemand blutend am Boden liegt, kann ja nichts Schlimmes passiert sein. Und jetzt weitermachen und nicht mehr dran denken … Ich glaube wirklich, dass es viel wichtiger ist, daran zu arbeiten, solche Übergriffe erst gar nicht zuzulassen, sie nicht als Kavaliersdelikte zu verharmlosen. Eine Gesellschaft zu sein, in der sich alle sicher und wohl fühlen können. In der Frauen kein Freiwild sind, in der Frauen nicht doch irgendwie ein bisschen selbst schuld sind, wenn ihnen was passiert, in der Männer nicht als triebgesteuerte Kerle, die halt nicht anders können, gelten. Wir können ja alle mal ein bisschen dran arbeiten.

Natürlich wird es immer Situationen geben, die gefährlich sind, besonders für Frauen, die nun mal deutlich öfter Opfer von sexualisierter Gewalt werden als Männer. Im nordenglischen Durham wohnte ich im Mädchen-College (im Volksmund auch gern Virgin Megastore genannt; die Taxifahrer erzählten uns jedes Mal, dass bei uns entweder Huren oder Heilige wohnten, und wollten dann wissen, zu welcher Kategorie wir gehörten; aber das nur am Rande). Es gab eine ziemlich düstere Wegstrecke am Fluss, vor der man uns warnte. Tatsächlich war es dort auch kurz zuvor zu Übergriffen gekommen. Aber es wurde uns nicht etwa verboten, dort nachts entlang zu gehen. Es wurde davor gewarnt. 12932885_10156726339165371_645394887798337300_nUnd gleichzeitig wurde daran gearbeitet, wie diese Strecke sicherer gemacht werden könnte. Bessere Beleuchtung, mehr Kontrolle durch Polizeistreifen oder Sicherheitspersonal, und so weiter. Es gab zwischenzeitlich Informationsveranstaltungen, wie wir uns am besten gegen Angreifende wehren konnten. Es wurde offen darüber geredet. Mit allen Studierenden, an allen Colleges. Es gab kein victim blaming, und die Taten wurden in keiner Weise relativiert. Alle sollten sich frei bewegen können. Ich sage nicht, dass dort von einem Tag auf den anderen alles gut wurde, aber ich denke, dieser Versuch, mit dem Problem umzugehen, ist der beste Weg: eine Atmosphäre zu schaffen, in der klar ist, dass sexualisierte Gewalt, egal von wem sie ausgeht und gegen wen sie sich richtet, nicht lustig ist, nicht cool, nicht ein Zeichen von Stärke, sondern schlicht inakzeptabel. (Klingt selbstverständlich? Wirklich? Schön wär’s.)

Es gibt Gesellschaften, es gibt Situationen, in denen diese Schutzräume für Frauen wichtig sind, keine Frage. Ich rede hier aber von Deutschland, von Europa 2016.

Der kleine Teil tief in mir drin stammt aus der Zeit, in der ich übergriffigem Verhalten, sexualisierter Gewalt noch sehr viel weniger entgegenzusetzen hatte als heute. Heute bin ich nun mal auch älter und weiß mich besser zu wehren als noch vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Trotzdem gibt es immer wieder Situation, die etwas triggern. Und dann meldet sich eben diese kleine Stimme und sagt: Ach, so ein Frauenabteil … Aber nein. Das ist Unsinn. Ich verstecke mich doch nicht.

(von Zoë Beck)

 

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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8 Antworten zu Abteilung Frau

  1. Vetch schreibt:

    Mir „und 25 anderen Bloggern gefällt das“… Keine Bloggerin dabei, erstaunlich.

    Ich sag schon seit vielen vielen Jahren: Wenn Männer wirklich so triebgesteuert wären, wie zur Entschuldigung behauptet wird, dann müssen sie Ausgangsverbot bekommen. Eingesperrt, an die Leine.
    Nur – ich glaub das nicht. Und wenn ich ein Mann wäre, ich würde mich ärgern über die Behauptung, mein Sextrieb würde mein Verhalten steuern.

    Und ja, das kenn ich auch, dass sich potentielle Hilfe schleunigst verkrümelt. Und wenn ich mich mal gewehrt habe, laut geworden und so, dann war ICH diejenige, die auffällt und sich daneben benimmt.
    Ich bin froh, dass ich älter geworden bin und in Ruhe gelassen werde…

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  2. Stefan Mühlfried schreibt:

    Von den Füßen hauen mich weniger deine geschilderten Vorfälle – Idioten gibt es immer und überall. Bei Frauen sind die Übergriffe (vermute ich) eher sexualisiert, bei Männern eher gewaltbetont („Hast du ein Problem, Alter?“)
    Was mich viel eher schockiert hat, ist die Reaktion der anderen; von Umstehenden, die sich stille verdrückten bis zum Zugpersonal, das dem Problem – und der Konfrontation – ausgewichen ist.
    Ich denke, das ist das eigentliche Problem: Die Menschen sind konfliktscheu geworden. Geworden? Schon immer gewesen? Weiß nicht … Wenn ich mit die Kindererziehung der Generation XBox ansehe, dann denke ich, dass es schlimmer wird.
    Und genau diese Konfliktscheu ist es, die es den Idioten jeder Couleur erlaubt, zu tun, was sie tun wollen: Pöbeln, bedrängen, sich einen runterholen. Weil sie nicht damit rechnen müssen, dass ihnen jemand entgegen (oder zwischen die Beine) tritt.
    Hätte der Zugbegleiter den Kerl in deinem Abteil mit heruntergelassener Hose (der Kerl, nicht der Zugbegleiter) rausgeworfen und so auf dem Bahnsteig stehen gelassen – ob der eine Wiederholung riskiert hätte? Aber so … Frau rausgestürmt, keiner hat geschimpft, nix passiert. Ist doch super gelaufen!
    Und auch deshalb hast du Recht mit den Unsinn der Frauenabteile: Sie lösen den Konflikt nicht, sie weichen ihm aus.

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  3. lalale schreibt:

    Bin da völlig deiner Meinung, wenn du sagst, dass es nicht ok ist wenn sich Betroffene einschränken müssen während Täter volle Bewegungsfreiheit genießen. Auch dass mehr Zivilcourage etwas tolles wäre. Es wäre sehr schön wenn es in unserer Gesellschaft mehr Bemühungen geben würde, dass dem auch irgendwann so ist. Aber was ist bis dahin? Das mit dem victim blaming (setz dich doch ins Frauenabteil) ist für mich keine Begründung. Warum nicht? Weil es dann halt die Kleidung ist. Oder dass man sich nicht genügend gewehrt hat. Oder nicht einfach weggegangen ist. Oder… Oder… Oder… Es wird immer Menschen geben die die Schuld beim Opfer suchen. Völlig egal ob es die Alternative „Frauenabteil“ gibt oder nicht. Zumindest zwei meiner Bekannten würden es sicher begrüßen. Die beiden hatten leider schon mehrfach schlechte Erfahrungen und nutzen öffentliche Verkehrsmittel nur noch wenn sie mit Gruppen unterwegs sind die groß genug sind sie „umzingeln“ zu können.

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  4. Marlene schreibt:

    Hat dies auf Verrücktes Huhn – Neues aus dem wahren Leben rebloggt und kommentierte:
    Wichtige und interessante Denkanstöße zum Thema Frauenabteile und #imZugpassiert: Schützt man die Opfer von Übergriffen wirklich durch abgetrennte Räume oder gibt man ihnen dann nicht erst recht eine Mitschuld, wenn dann doch etwas passiert? Meine Zugfahrten waren bisher alle harmlos gegen die Beispiele, die die Autorin Zoe Beck in diesem Blogpost beschreibt.

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  5. Lydia Herms schreibt:

    Danke für diesen Text, Zoë. Auf meinen vielen Pendelreisen zwischen Halle/Leipzig und Berlin ist mir nie etwas Vergleichbares passiert. Es schmerzt, davon zu lesen. Ich unterschreibe Deinen Wunsch nach Unterstützung, aktiver Hilfe und Anteilnahme in dieses ekelhaften Situationen, mit Blut. Allerdings durchflutet mich auch ein Gefühl von Schuld, wenn ich mich an die Szene in der S7 zwischen Berlin und Potsdam erinnere. Mein Freund, dessen Sohn und ich stehen am Rande eines Fahrradabteils, alle Klappsitze sind besetzt. Mittendrin ein Mann mit Köfferchen, Ende 50, vielleicht älter, offensichtlich betrunken, heiter, so der erste Eindruck. Seine Frau, so vermute ich, hatte ihn in Berlin am Hbf. abgeholt. Sie sitzt neben ihm. Er führt Selbstgespräche, in die er ab und zu Mitreisende einbindet, erzählt Zusammenhangloses, auch Quatsch, wirkt nicht aggressiv. Dann fängt er an zu nerven, pöbelt kichernd, keiner kichert mit. Seine Frau bittet ihn kumpelhaft, doch mal „den Mann da“ in Ruhe zu lassen. Daraufhin wendet er sich ihr zu, streichelt ihre Wange, wird unangenehm intim, flüstert, sie erstarrt. Dann klatscht es. Stille. Ich werde sehr wütend. Habe die Ohrfeige nicht direkt gesehen, aber alles spricht dafür. Ich frage ihn also laut, ob er eben seine Frau geschlagen hätte. Sie schweigt, er kichert, drumrum: Stille. Ich wiederhole wieder sehr laut und deutlich meine Frage. Er antwortet, dass er seine Frau lieben würde, sie sich aber nicht alles erlauben dürfe, und dass mich das gar nichts angehen würde, wenn er sie „nur liebevoll bestraft“. Ich werde superlaut, schreie fast, wenn er das noch einmal wagen würde, hier, würde ich ihn schlagen. Und er solle die Bahn verlassen, sofort. Ich habe total Angst, ich hasse körperliche Gewalt, ich könnte ihn sicher nicht schlagen, käme es drauf an, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen, als zu drohen. Niemand reagiert, nur mein Freund, der neben mir steht, und dem Mann sagt, dass er auch mit ihm verhandeln könne. Wannsee steigen beide aus, Mann und Frau. Er vorn mit Koffer, sie hinterher. Weißt Du was? Ich hab’s tatsächlich bereut. Weil ich mir sicher war, dass er sie zuhause so richtig verkloppen würde, bestrafen für die Unruhe, die sie ausgelöst hatte. Er hatte nur ganz kurz Angst, dass noch mehr laut werden würden. Das sah ich. Aber alle guckten nur. Das stärkte ihn. Und: Frauen wie ihr helfen keine Extraabteile. Er würde sie da gar nicht allein sitzen lassen. Aber vielleicht ist sie irgendwann mutiger, und scheißt auf das, was er erlaubt oder nicht. Wenn sie öfter beschützt und verteidigt wird. Passt das eigentlich hierher? Himmel. Herzliche Grüße, Lydia

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  6. Wunderwaldverlag schreibt:

    Hat dies auf Autorenberatung rebloggt und kommentierte:
    Nicht verstecken, sondern mehr Zivilcourage – jou, das wär’s.

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  7. zoebeck schreibt:

    Hat dies auf Erase and Rewind. rebloggt und kommentierte:

    Zum Thema Frauenabteile und #imzugpassiert:

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