Das junge Mädchen und der Engel

Engel auf der Post.JPG

Schnipsel zu „Widerstand der Männersprache“ 

Junge Mädchen sind in der Literatur und in der Alltagssprache so zwischen 14 und 19 Jahre alt. Wenn es aber junge Mädchen gibt, wie alt ist dann ein Mädchen? Es muss ein Kind sein, sonst fehlte uns eine Bezeichnung für ein weibliches Kind. Kind ist man so bis 13 oder 14 Jahre, spätestens dann ist man im Sprachgebrauch Teenager_in oder Heranwachsende_r. Ab 18 ist man bei uns volljährig, geschäftsfähig und erwachsen (außer im Strafrecht). Ein Mädchen kann frau dann immer noch sein.

Ein junges Mädchen ist also älter als ein Mädchen. Ups, was ist da passiert?

Klar, Sprache schwelgt in Paradoxien und Ungenauigkeiten, die dennoch jede_r versteht. Junge Jungs oder junge Buben gibt es allerdings nicht. Die Jungs sind bereits junge Männer, wenn Frauen noch junge Mädchen sind. Und sie sind bereits Männer, wenn junge Mädchen zu jungen Frauen herangediehen sind. Das legt den Verdacht nahe, dass wir es hier mit patriarchalischer Sprache zu tun haben, die darauf anzielt, das andere Geschlecht, also Frauen, so lange wie möglich im Frame der Unmündigkeit zu halten. Kinder, also Mädchen, sind unmündig, nicht geschäftstüchtig, von elterlicher Erlaubnis abhängig, werden erzogen, überwacht und gegebenenfalls bestraft.

Ich schreibe immer „junge Frau“, auch wenn mir oft als erstes das „junge Mädchen“ einfällt. Und sofort geschieht etwas mit der Figur, die ich damit bezeichne. Sie wird zu einer Person, die sich ihrer geschlechtlichen Identität und Rolle in der Gesellschaft bewusst ist. Das Mädchen ist  ein  Neutrum, ein Ding, dem der männliche Blick den Zauber von Unbewusstheit, Unausgegorenheit, halb Unschuld, halb Grausamkeit zuschreibt, etwa so wie es im Gedicht von Ringelnatz „Alter Mann spricht junges Mädchen an“ zum Ausdruck kommt.

Der sprechende und schreibende Mann hält sich die junge Frau damit als Kind zur Verfügung. Etwas, was Jungs nicht hinnehmen müssen. Ein Junge ist immer ein Junge, egal wie alt. Irgendwann wird er zum jungen Mann. Und interessanterweise haben wir für den Jungen auch noch Alternativen zu Verfügung: Junge, Bub, Knabe (neutral) und Bengel, Bursche, Lausbub, Stift etc. als in gewisser Weise hochachtungsvolle Bezeichnungen für Jungs, die ungebärdig sind und Streiche machen, sich also ihre Rolle in der Gesellschaft suchen.

Beim Mädchen gibt es keine solche Varianz, es sei denn eine verächtliche. Wobei ja auch „das Mädchen“ bereits eine Verkleinerung und Verniedlichung ist. Was man als zärtlich interpretieren, aber auch als geringschätzig erleben kann. Immerhin gibt es „die Göre“. Die hat zwar einen weniger hochachtungsvollen Beigeschmack als der Bengel, ist aber wenigstens weiblich. Doch leider eine sprachgeschichtliche Panne. Weil nämlich das von einem Adjektiv abgeleitete verächtliche „Göre“ weiblich war, hat man es schließlich nicht mehr allgemein auf Kinder, sondern nur noch auf Mädchen angewandt (Grimm’sches Wörterbuch). Merke: Der Junge darf nie ein Synonym mit weiblichem Artikel bekommen!

Früher gab es übrigens noch die Bezeichnung „der Backfisch“ für Teenagerinnen. Das Wort legt den Fokus, wie ich meine, nebenbei auch auf die kurze Phase im Mädchenleben, wo es sich noch weigern möchte, Frau zu sein, und davon träumt, Kapitän oder Pirat zu werden (eigentlich Kapitänin oder Piratin, aber  am liebsten eben doch gendermäßig ein Mann).

Wir haben übrigens noch „das alte Mädchen“, womit tendenziell eine alte Jungfer gemeint ist. Das wäre dann jetzt mal ein Wort mit weiblichem Artikel – „die Jungfer“ -, ein Begriff, der vom Adelstitel zur Kammerjungfer herab gestuft und zum Verachtungswort für alte Frauen geworden ist, und zwar solche, die nie verheiratet waren. Nicht mehr wirklich gebräuchlich, weil wir nicht mehr davon ausgehen, dass unverheiratete Seniorinnen nie Geschlechtskontakt hatten. Denn bei Jungfer denken wir heute unbedingt an entjungfern.

Wobei sich zeigt, dass Frauen nur in der Beziehung zum Mann als Geschlechtspartner gedacht werden, nicht als in der Gesellschaft für sich existierende Person weiblichen Geschlechts.

„Das Weib“, ebenfalls Neutrum, gehörte ursprünglich als Paarbegriff zum Mann (Mann und Weib). Heute ist das Weib meistens ein altes und etwas Grausiges – abgesehen von der Phase in den Achzigern, in der Feministinnen sich des Begriffs in positiven, weil kämpferischen und nach Macht strebendem Kontext bedient haben.

Und was ist mit dem Engel? Uns sind keine weiblichen Erzengel namentlich bekannt. In der Kunst, etwa, wenn es um die Nachricht an Maria geht, dass sie vom heiligen Geist geschwängert wurde, hat der Engel eine männliche Gestalt. Aus der ägyptischen und griechischen Kultur sind aber auch Engel in weiblicher Gestalt in unsere Ikonographie eingewandert. Doch erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlieren Engel ihr männliches Gepränge als Gottes Boten und werden zunehmend als Frauen – meist erotisiert – dargestellt. Wie kommt das? Vielleicht liegt es daran, dass Männer Hosen tragen und Frauen lange Kleider. „Der Todesengel von Kalkutta“ war eine Frau, die nie Hosen trug, hieß Mutter Theresa und wurde heiliggesprochen. Eine weibliche Form von Engel gibt es aber genauso wenig wie von Backfisch. Dennoch sehen wir Engel heute im weiblichen Frame. Und wenn es die Rollen Engel und Teufel zu verteilen gibt, dann spielt die Frau den Engel.

Wie ungeheuer schwer sich unsere Sprache doch tut, Frauen durchgängig eine weibliche Identität zuzugestehen! Als ob die Frau gar nicht existierte, solange sie noch Kind ist, und nicht mehr, wenn sie ohne Ehemann alt geworden ist, also außerhalb ihrer Lebensphase, in der sie dem Mann als Geschlechtspartnerin und Ehefrau zu Verfügung stehen sollte.

Ich war und bin also: das Mädchen, die Göre, der Backfisch, das junge Mädchen, der Engel, die junge Frau, die Frau, das Weib, die Seniorin. Das muntere Durcheinander der Genera „das, der, die“ schafft nicht unbedingt eine konsistente Identität von Weiblichkeit oder weiblichem Selbstbewusstsein. Wir spüren: Wir definieren uns nicht selbst, sondern werden von einer Männersprache je nach unserer Verfügbarkeit als Geschlechtspartnerin definiert.

Der Mann dagegen bleibt männlich, vom Jungen bis zum Greis. Und droht ihm der Überwurf eines langen Kleids, dann wird aus dem Engel halt eine Engelin.

 

 

 

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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7 Antworten zu Das junge Mädchen und der Engel

  1. yvonne52 schreibt:

    Da im Patriarchat und in der Sprache halt vieles vertauscht, unterdrückt, korrumpiert und verschwurbelt ist, sollte es besser Vatersprache als Muttersprache heissen. Den Staat lassen wir auch bei den Männern, wie den Krieg auch! Das Vaterland dürfte jedoch gerne in Mutterland umbenannt werden, um sich klar vom Staat abzugrenzen. Das Mutterland wäre dann die schöne Landschaft und Natur und das Vaterland (Staat) eben das künstliche und (oft schreckliche) Gebilde samt Politik und dem ganzen Beamtenapparat. Struktur halt,…. oft ohne Inhalt!

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  2. vilmoskörte schreibt:

    Tja, so ist das mit dem Unterschied zwischen Sexus und Genus in der (deutschen) Sprache. Wie glücklich müssen dann doch die ungarischen Frauen sein, deren Sprache kein Genus kennt.

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  3. Regine schreibt:

    Während meiner Ausbildung Ende der 90iger war es teilweise noch üblich, dass die Azubinen mit Fräulein betitelt wurden. Ich sagte immer, dass ich als Frau angesprochen werden möchte, da ich zu den unverheirateten Männern ja auch nicht Herrlein sage, es sei denn, sie würden dies wollen.

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  4. annekuhlmeyer schreibt:

    Gestern ein ganz interessanter Beitrag, wie die Frauen aus dem Christentum herausgeschrieben bzw. umgedeutet wurden. https://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/jesus_und_die_verschwundenen_frauen/826748?datum=2016-03-29
    Man kann ja über Religion denken, wie man will. Es gibt sie nun mal. Und auch in ihr hat frau eher keine Schnitte, auch sprachlich nicht.

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