Das Kultur-Die

Ein Schnipsel zu Frauen und Männersprache

Marilyn-Monroe„War die Monroe tatsächlich eine klassische Selbstmordkandidatin?“, fragt der Publizist Jan von Flocken in seinem Artikel im Kulturteil der Welt. Und weiter heißt es „Marilyn selbst gab darauf einen erstaunlichen Hinweis.“

In den Nachrichten und politischen Berichten hat man das Die (z.B. „die Merkel“) in den neunziger Jahren beseitigt. Schließlich bekommt der Mann ja auch kein „der“ voran gesetzt („der Gabriel“). Im Feuilleton hält es sich hartnäckig. Dem Feuilleton würde es, anders herum, nie einfallen, etwa von „der Grass“ zu reden und im Text mit „Günter erklärte …“ fortzufahren.

Ein deutlicheres Signal gibt es nicht, dass die Kultur Frauen, die in ihr handeln, für einen Sonderfall hält.

Das großgestische Die vor weiblichen Nachnamen ausschließlich in Kulturbeiträgen aller Medien schafft einen Frame von „Diva“, „die da!“ (auf Menschen deutet man nicht, auf Frauen schon), von „Skandal“, „Geheimnis“, „Anrüchigkeit“, und“Einzelfall“. Und wenn der Feuilletonist gar vertraulich mit dem Vornamen fortfährt, dann stuft er die Künstlerin aufs Niveau eines noch nicht mündigen Mädchens hinunter, das er duzen darf. Im gleichen Zug eignet er sich die Künstlerin als Freundin, Gespielin und potentielle Intimpartnerin an. Das hätte Jan wohl gern gehabt, dass er mit Monroe per Du gewesen wäre. Dafür hat er nun  die Möglichkeit, eine Künstlerin, die sozial unerreichbar über ihm stand, sprachlich auszusondern, zu skandalisieren, ein intimes Verhältnis zu ihr zu etablieren und sie schließlich zu unterwerfen.

Das Die ist im Feuilleton immer noch ungeheuer weit verbreitet (achten Sie mal drauf) und wird natürlich auch von Frauen verwendet, die im Feuilleton über andere Frauen schreiben oder im Fernsehen über Künstlerinnen berichten. Klar, denn wer im Feuilleton was werden will, muss die Männersprache adaptieren.

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Der weibliche Blick, Standpunkt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s