Deshalb Herland

Herland-Lesung in Leipzig 19. März 2016

Christine Lehman während der Herland-Lesung in Leipzig 19. März 2016

Christine Lehmann

Meine Protagonistin, Lisa Nerz, lehnt es  ab, sich einem Geschlecht zuzuordnen. Sie negiert Identität, weil sie in unserer Gesellschaft an ein Geschlecht und damit an adäquates (wiedererkennbares) Verhalten innerhalb des Frames von Gender gekoppelt ist. Mit ihre habe ich vor fast zehn Jahren (damals noch bei Rowohlt) mein Experiment gestartet, wie Welt sich verändert, wenn eine Figur die Gewissheiten chaotisiert und Verhaltensmuster auflöst, rhetorische, soziale, sexuelle und emotionale. Sie ist der Angriff aufs Patriarchat. Damit hat sie es bis auf den Mond geschafft. 

Aber leben wir denn wirklich immer noch in einem Patriarchat?

Kann man das noch so sagen? Vor hundertfünfzig Jahren durften Frauen nicht wählen, nicht studieren. Das war Patriarchat, eine Vaterherrschaft. Die drei mosaischen Religionen sind patriarchalisch. Die Versuche des Feminismus der achtziger Jahre, aus Gottvater eine Gottmutter zu machen, werden bis heute belächelt. Ja, die Gesetze, die unser Zusammenleben regeln, haben diesen patriarchalen Traditionen im europäischen Kulturkreis nach und nach Toleranzen abgerungen: Frauen müssen ihre Ehemänner nicht mehr fragen, wenn sie arbeiten gehen wollen, bei der Scheidung ist die Frau nicht automatisch die Schuldige, Frauen dürfen verhüten, Mütter dürfen ihre Kinder alleine erziehen, ohne verachtet zu werden. Frauen können Professorinnen werden, theoretisch sogar Bundespräsidentinnen. Aber Karrieren sind immer nur innerhalb des Regelsystems für Gender-Verhalten möglich. Es sind die Männernetzwerke, die bestimmen, was eine Frau wird: in der Politik, in der Malerei, in der Literatur, in der Musik. Und ihre Helferinnen natürlich, die noch was werden wollen im patriarchalischen Netz. 

Ich habe noch kein anderes Wort für diese Hegemonie des Männlichen gefunden, die unsere Staaten, Religionen, Kulturen und sozialen Belohnungs- und Bestrafungssysteme so tief durchdringt, dass wir sie kaum bemerken, nicht einmal, wenn wir die unfassbare Gewalt und Brutalität sehen, mit der sie einhergeht.

 

 

Über Christine Lehmann

1958 in Genf geboren, lebt in Stuttgart und Wangen im Allgäu, veröffentlicht seit 1995 Krimis und andere Romane und bloggt.
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