„Dann schreib doch unter nem Männernamen!“

von Zoë Beck

Letztens Jahr ging es mal wieder durch die Presse, dass eine Frau ihr Manuskript unter männlichem Pseudonym einreichte und sehr viel positivere Rückmeldungen bekam als unter ihrem echten Namen/Geschlecht. 

Damals schrieben mir erstaunlich viele Menschen, ob ich das denn selbst schon mal ausprobiert hätte. Oder ob ich das denn nicht mal machen möchte. Außerdem: Ein männliches Pseudonym würde doch viel besser zu meinen Büchern passen, nein? Und vor ein paar Tagen wieder: Probier doch mal. Schreib einfach einen Männernamen drauf. 

Ich bekomme seit Jahren gesagt, ich würde zu „unweiblich“ schreiben. Zu kühl, zu sachlich, die Figuren seien nichts, womit sich Frauen identifizieren könnten. (Gesellschafts-)politische Hintergründe würden gerade das weibliche Lesepublikum überfordern bzw. abschrecken. Als Frau wolle man beim Lesen abschalten und sich nicht mit Problemen auseinandersetzen. Einige Männer, mit denen ich beruflich zu tun hatte, rieten mir zu „ansprechenderen“ Fotos, zu einem „weiblicheren“ Auftreten, einer „zugänglicheren“ Attitüde (ich sei “zu spröde für die Branche”), nicht zuletzt auch zu Themen, mit denen ich mich „besser auskenne“. Letzteres traf mich wirklich. Ich recherchiere genauso wie die männlichen Kollegen. Ich habe genauso meine Kontakte, meine Prüfinstanzen, ich gehe genauso Risiken bei den Recherchen ein. Aber ich als Frau habe offenbar trotzdem nicht den Zugang zu gewissen Themen. Weil ich mich qua Geschlecht damit nicht auskennen kann.

Natürlich reizt es mich entsprechend auch schon seit Jahren, diesen Test zu machen: Wie käme derselbe Text an, stünde ein Männername drauf? Das Experiment müsste aber noch weitergehen: Gäbe es andere Vorschüsse? Andere Werbemaßnahmen? Würde der Buchhandel anders vorbestellen? Sähen die Verkaufszahlen anders aus?

Eins ist sicher: Niemand würde mehr fragen, wie man als Frau auf diese Themen kommt.

Es ist mal untersucht worden, dass Menschen einem Nachrichtensprecher mehr vertrauen als einer Nachrichtensprecherin. (Überhaupt, Vertrauen.) (Überhaupt, Selbstvertrauen.)

Ich weiß, wie sehr viele Menschen vom Feminismus gelangweilt sind, wenn nicht gar genervt. Ich weiß, dass viele Menschen vor allem denken, es ginge grundsätzlich gegen Männer und überhaupt darum, dass Frauen immer recht hätten. Ich weiß, dass viele Frauen sagen, sie bräuchten keinen Feminismus, weil sie keine Probleme mit Männern hätten. Manche sagen, es würden nur Forderungen gestellt, aber die Frauen seien nicht bereit, selbst etwas zu ändern. Es ist schade. Dieses Nicht-Verstehenwollen macht mich wahnsinnig müde.

Verhaltensweisen, die bei Männern positiv beurteilt werden („meinungsstark“), werden Frauen negativ ausgelegt („aggressiv“). Es gibt viele Studien dazu, aber ach, was sind schon Studien, wenn man sagen kann: „Ich seh das aber nicht so.“ Meinung vs. Fakten, so what. Worum es doch geht: Mal vorurteilsfrei miteinander umzugehen. Obwohl sich Mann einer Frau gegenübersieht. Oder umgekehrt. Oder Frau einer Frau. Und so weiter.

Von Frauen werden andere Themen erwartet, ein anderer Schreibstil, ein anderer Umgang mit den Figuren. Warum? Weil man uns erst seit hundert Jahren studieren lässt?

Wie gesagt, der Gedanke, einfach mal unter männlichem Pseudonym zu publizieren, ist reizvoll. Wäre letztlich aber nur die Wiederholung eines längst mehrfach bestätigten Experiments. Schau mal, wenn ich die Brausetablette ins Wasser werfe, dann bitzelt es! – Ach echt? Ich mach das auch mal! – Wow, es bitzelt! Wissen wir. Gab es schon. Wird es weiterhin geben. Ist leider so. (Und, ja, bei gewissen Genres ist es sinnvoll, unter weiblichem Pseudonym zu publizieren, auch das, auch das. Aber das ist im Moment nicht die Textsorte, um die es mir geht.) Ich habe nicht vor, dieses Experiment zu machen. Ich habe nicht vor, unter Männernamen zu publizieren. Ich mache einfach so weiter, weil sich sonst nichts ändert, weder für mich, noch für andere.

(Dieser Text erschien letztes Jahr im August auf Zoë Becks Blog und ist für Herland leicht aktualisiert worden.)

 

Über zoebeck

Zoë Beck ist Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit Jan Karsten leitet sie den Verlag Culturbooks. www.zoebeck.net
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4 Antworten zu „Dann schreib doch unter nem Männernamen!“

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  3. Bassa schreibt:

    Ich muss zugeben, dass ich Ihre Bücher nicht kenne.Mit welchem sollte ich anfangen?

    Gerade im Kriminal-Genre hätte ich allerdings gedacht, dass weibliche Autoren wenig Probleme haben und oft genug Bestseller veröffentlichen. Ruth Rendell hat sich doch sogar ein weibliches Pseudonym zugelegt.
    Auch wenn ich derzeit einiges von Robert B. Parker lese, so sind doch nicht wenige Autorinnen im Bücherregal. Das fängt bei Agatha Christie an und hört nicht bei Tess Gerritsen auf.

    Prinzipiell möchte ich als Mann beim Lesen eines Romans aber auch eigentlich abschalten – oder zumindest entspannen. Dafür muss aber der Roman doch nicht unsachlich werden. Unrealistisch darf er aber gerne bezüglich Happy End sein, denn ein trauriges Ende hat man im wahren Leben nun doch oft genug.

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  4. Karsten Kruschel schreibt:

    Dazu fällt mir die Geschichte um den seinerzeit sehr erfolgreichen Autor James Tiptree jr. ein, von dem alle wußten, daß es ein Pseudonym ist, aber niemand, von wem. Ebenfalls erfolgreiche Kollegen schrieben kluge Nachworte, in denen sie anhand seiner Texte überzeugend bewiesen, daß Tiptree ein Mann sei. Tatsächlich war es eine ältere Dame namens Alice Sheldon. Ihre Biographie wurde kürzlich ins Deutsche übersetzt.

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