Ukraine: Interview mit der Verlegerin Liliia Omelianenko

 

Zoë Beck hat in Kiew auf der Buchmesse im Mai die Verlegerin Liliia Omelianenko kennengelernt und war sofort begeistert: von ihr, von ihrem Verlag, von den Büchern. Bei Vydavnytstvo erscheinen qualitativ hochwertig gestaltete Bücher, und vor allem ist der Verlag Vorreiter bei feministischer Literatur in der Ukraine und veröffentlicht auch Bücher zu queeren Themen. Grund genug, im Anschluss an die Messe ein paar Fragen zu mailen, um mehr zu erfahren über die Lage in der Ukraine. Wir haben uns vorerst entschieden, die Antworten auf Englisch zu belassen, wie Liliia sie uns geschickt hat.

Liliia Omelianenko.JPG Liliia Omelianenko, co-founder of the publishing house Vydavnytstvo (Ukraine)

Hi Liliia, thanks for your time! I noticed that the term „feminism” caused very mixed reactions when talking to women at the Kyiv bookfair. When I asked her if she’d describe one of her writers as a feminist, one publisher even told me “not to worry, she’s not”. What’s the current situation regarding women’s rights/equality/feminist ideas?

When I and my business partner Eliash Strongowski (Ukrainian book designer) started a publishing house three years ago, I was absolutely sure that Ukrainians are very tolerant people, and that at least 80% of them share the ideas of European equality and freedom. But I was mistaken, and the situation appeared to be not that bright as I had hoped.

Starting from 2014 there is a real progress on the way to women’s equality in Ukraine thanks to several organizations such as Povaha, NDI, Heinrich Böll Foundation, Western NIS Enterprise Fund, programs of the Embassy of Sweden to Ukraine. However, there is still a lot to be done.

Women are still underrepresented in the Parliament, in the government bodies. There is still inequality of salary level on the same positions for women and men, and the discrepancy is 24% (data as of December 2018). However, the problem is even worse, as many women still think that they should receive less, and apply for lower salaries.

Even a year ago Ukrainian women were forbidden to work on 450+ professions, including lot of military professions – at a time of war!, a diver, a tractor or subway driver etc. And only recently this stupid decree was annulled. And this actually happened also with my and Eliash’s assistance. We have attracted attention to it by the illustration competition three years ago where we asked illustrators to show their vision on this decree. In parallel with competition the group of active women-deputies also worked on cancellation of decree. And the synergy worked. Now women are not restricted to choose any profession they want. To celebrate this, and to motivate young Ce_zrobyla_vona-MOCKUP2-1024x683girls in their endeavours to find profession of their lives as well, we have published two volumes of “She Did It” book about Ukrainian women through the whole history of Ukraine. Weiterlesen

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Ich möchte Lesley Nneka Arimah huldigen.

Besprechung von Else Laudan

Diese Autorin hat mich umgehauen. Sie hat mich gepackt, durchgeschüttelt, zum Lachen gebracht, mir Tränen in die Augen getrieben und mich in Staunen versetzt. Ihr Buch heißt: Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt.

Wie hat diese Schriftstellerin es bloß angestellt, mich dermaßen zu verblüffen? Sie hat mir konzentrierte Dosen hellsichtiger Desillusionierung verpasst, die ein Nachflimmern traumhafter Bilder und Episoden erzeugen. Nicht jeder Traum ist schön. Keiner nett.

Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt ist ein Kurzgeschichtenband, und Kurzgeschichten sind an sich sehr selten meins. Ich bin eine Romanleserin, in erster Linie eine Leserin von guten politischen Kriminalromanen, und Shortstorys finde ich fast immer unbefriedigend. Es gibt jedoch Ausnahmen. Manche sind so hammermäßig auf dem Punkt, dass ich mich verneigen will. Manche sind wundervoll abgründig. Manche haben diesen gewissen Biss in der Pointe. Manche fassen trotz ihrer Kürze eine Welt in Worte, oder ein Phänomen. Manche malen einfach ein Bild, das im Kopf hängenbleibt. Die Geschichten von Lesley Nneka Arimah sind und tun dies alles auf einmal. Übersetzt sind sie von Zoë Beck.

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Leseerlebnis: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude

Besprochen von Else Laudan

In letzter Zeit sind mir ein paar grandiose Bücher untergekommen. Meine Eindrücke dazu möchte ich hier teilen. Ich beginne mit dem aufregenden Beinahe-Kriminalroman der Tschechin Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude, genial übersetzt von Eva Profousová.

Der Ermittlercover-hoca

Es war einmal ein Polizeiermittler. Vielleicht ist er ein Würstchen, vielleicht ein viriles Mannsbild, vom Ermitteln versteht er was, doch dieser Fall wird ihn an seine Grenzen bringen, vielleicht auch darüber hinaus? Er ist jedenfalls nicht geschichtslos, manchmal sehr zu seinem Leid: In ihm steckt die Geschichte seines Lebens, seiner Suche, nach der Wahrheit, nach der Liebe, die Geschichte seines osteuropäischen Landes, Prags Geschichte, die Geschichte des Ringens mit dem Apparat, dem System, mit der Geschichte selbst. Das Hadern ist ihm nicht fremd, eher schon der Zorn, mit dem er es hier zu tun bekommt, ermittelt er noch oder fühlt er schon? Er ermittelt. Im Fall des Erhängten auf dem Dachboden einer Neubauvilla. Vieles spricht für Selbstmord. Wenn es denn so einfach wäre.

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Krimipreise Deutschland

Quelle: Wikipedia

… mal eben gezählt:

Gesamt/Frauen (Prozentsatz Frauen gerundet)

  • Glauser:
  • Roman 33/9 (27%)
  • Debüt 18/5 (28%)
  • Kurzgeschichte 18/11 (61%)
  • Ehren 34/6,5 (19%)

 

  • Deutscher Krimipreis national:
  • 108/22 (20%)

 

  • Deutscher Krimipreis international:
  • 107/15 (14%)

 

  • Ripper Award (Mord am Hellweg):
  • 6/1 (17%)

 

  • Bremer Krimipreis:
  • 18/9 (50%)

 

 

 

(Zahlengrundlage: Wikipedia)

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Nur was wahrgenommen werden kann, existiert 

von Anne Goldmann

 „Literatur. Jeder Text. Jede Versprachlichung. Die Welt, wie sie ist. Sie kann von der Literatur erhellt werden. Ausgeleuchtet. Verdunkelt. Verdeckt. Zerstückelt. Verhübscht. Verdammt. Gerettet.“ – So Marlene Streeruwitz in ihrer Rede im Literaturhaus Wien im Oktober 2018 zur Frage: „Was kann Literatur?“ Und weiter: „Die Literatur ist die einzige Möglichkeit, der Allmacht der Bürokratie und der Medien zu entkommen. Literatur ist die einzige Möglichkeit, den Überlebenswillen und die Lebensnot in der inneren Welt einer Figur wahrzunehmen und damit der Wahrnehmung des oder der anderen nahezukommen. So nahe wie das nur irgend möglich ist. Und so wahr eine Wahrheit sein kann.“

Aber: Literatur muss die Leserin, den Leser auch erreichen. Buchstäblich.

Nur was wahrgenommen werden kann, existiert.

Die Welt zu beschreiben, das, was uns umgibt, ist ein Weg, sie – wenn es denn gelingt – etwas besser zu verstehen. Es gilt hinzusehen, hinzuspüren, Fragen zu stellen, zu zweifeln. Sich vorzutasten, behutsam zu erforschen, zu erkunden, was vor sich geht, im Inneren eines Menschen, im Außen, in seinem Handeln.  Zu riechen, zu schmecken, auch die Angst, die Not, das Ausgesetztsein. Immer und immer wieder neue Fragen zu stellen, auch sich selber, und nicht zu ruhen. Beiseite zu schieben, was wir sicher zu wissen glauben und was den Blick verstellt.

Was Kriminalliteratur kann

Der Krimi, der Kriminalroman, Spannungsroman, Thriller kommt auf den ersten Blick leichtfüßig daher. Er will unterhalten, fesseln, Spannung erzeugen mit Geschichten, die die Leserin, den Leser bannen, indem er sie und ihn in fremde Welten zieht oder die Bedrohtheit der eigenen kleinen Welt zum Thema macht, mit Ängsten spielt, mit der Faszination am sogenannten Bösen, am Schwierigen, das sich hinter der glatten Fassade eines jeden Menschen verbergen kann. Weiterlesen

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Doris Hermanns

Doris HermannsDoris Hermanns, geb. 1961, studierte Pädagogik und Soziologie in Bielefeld. Lebt nach 25 Jahre als Antiquarin in Utrecht/Niederlande seit 2015 in Berlin. Sie ist als Redakteurin, Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig. Seit 2000 ist sie in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik, sowie seit 2012 in der des Online-Magazins für Frauen AVIVA-Berlin (https://aviva-berlin.de). Sie ist bei den BücherFrauen aktiv, einem Netzwerk von Frauen in der Buchbranche. Sie veröffentlichte u. a. die Biografie der Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe sowie deren Feuilleton-Texte. Ansonsten zahlreiche Buchbeiträge und Übersetzungen, u. a. von Ruth Landshoff-Yorck, Jill Stolk, Susan Hawthorne und Renate Klein.

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Weiße Männer und Befindlichkeiten

von Doris Hermanns

Am letzten Sonntag gab es auf der Buchmesse in Leipzig eine Podiums-Diskussion, zu der die Wochenzeitung der Freitag eingeladen hatte. Es sollte eine Diskussion mit #verlagegegenrechts werden: Positionierung, Herausforderungen, Haltung. Auf dem Podium waren vertreten: Lisa Mangold von Verlage gegen Rechts, Ines Schwerdtner, Redakteurin des Online-Magazins Ada, und Thomas Wagner, freier Autor. Mladen Gladić, Redakteur des Freitag, moderierte.

Kaum hatte die Veranstaltung angefangen, meinten ein paar Identitäre, ein Banner (interessant, dass es möglich war, ein Banner mit politischer Aussage auf die Messe zu bringen, aber einige weniger Sticker von Seawatch mit der Begründung, politische Aussagen seien nicht erwünscht, beschlagnahmt wurden) ausrollen und damit das Podium und die dort Sitzenden unsichtbar machen zu müssen, während Alexander „Malenki“ Klein (Identitäre Leipzig) über ein Mikro aus dem Publikum verkündete, dass er sich die Veranstaltungen von Verlage gegen Rechts jetzt in den letzten Tagen lange genug angeguckt habe. Diese Belästigungen waren schnell beendet, Klein wurde von der Security weggeführt, und die schweigenden Männer mit dem Banner verzogen sich daraufhin auch. Das Angebot zur anschließenden Diskussion wurde nur von Peter Schreiber, dem Verlagsleiter der „Deutschen Stimme“ angenommen, der am Ende eine Frage stellte.

Diese Störung war recht schnell vorbei, fotografiert und gefilmt wurde jedoch auch weiterhin.

Wirklich problematisch wurde es dann jedoch mit Thomas Wagner auf dem Podium. Weiterlesen

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Plötzlich Feministin

Ich bin seit dreißig Jahren Feministin. Natürlich fing es viel früher an, aber da nannte ich es noch nicht so.

Als ich mit sechzehn wegen Revoluzzerinnenaktionen von der Schule geflogen und für die gymnasiale Oberstufe gesperrt war, ging ich drei Monate auf eine durchschnittliche Realschule in der Absicht, wenigstens die mittlere Reife zu machen. Ich entdeckte abseits der höheren Bildung eine Normalität, in der dicke Bücher lesende Mädchen als Bekloppte galten, Sex habende Mädchen als Nutten und ungefragt laut sprechende Mädchen als eine Art groteske Monstrosität. Aus dem Realabschluss wurde dann nichts, aber die Enge der sozialen Regeln dort war eine kurzfristig interessante, aufschlussreiche Erfahrung.

elseAls ich mit achtzehn in ein Kneipenprojekt am Rande Zehlendorfs (damals Westberlin) einstieg, aus einer biederen Eckspelunke ein buntes Musikcafé mit Billardtisch und Tanzfläche machte und mir mit Feuereifer hinterm Tresen die Nächte um die Ohren schlug, fand ich mich wieder in einer neuen Facette der Geschlechterverhältnisse. Ich lernte, lauter zu brüllen und mich schneller zu bewegen als besoffene Männer. Ich lernte das Dschungelgesetz, keine Furcht zu zeigen: Als Zehlendorfs Motorradrocker aufkreuzten, um den Standort auszuchecken, und nach dem sechsten Bier anfingen, die Bude zu zerlegen, reichte mein Whiskypegel gerade aus, um mit der nötigen Tollkühnheit dazwischenzugehen (Rocker haben einen Kodex, nach dem es verpönt ist, Frauen, Verrückte oder Wirte zu schlagen, aber das erfuhr ich erst hinterher). Ich lernte, einen Laden zu regieren, indem ich geschickt auf der Grenze zwischen begehrenswert und tabu, liebenswert und unberührbar lavierte. Ich fühlte mich ganz in meinem Element, bis mein Exfreund und Geschäftspartner mich nach meiner Schicht stalkte und vergewaltigte. Danach wichen mir alle aus, als wäre ich in Scheiße getreten und hätte sie noch am Schuh hängen. Meine zerschlagene Visage zeigte wohl, dass ich doch nicht unberührbar war. Zwei brave Machos boten unabhängig voneinander an, den Kerl für mich zu ermorden, der Rest der Baggage ging mir peinlich berührt aus dem Weg. Ich verkrümelte mich und wechselte die Szene. Weiterlesen

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Frauen zählen – Buchpreise

Sowohl der Deutsche Buchpreis als auch der Preis der Leipziger Buchmesse werden erst seit 2005 verliehen. Zeitgemäßes Bewusstsein für das Thema Geschlechtergerechtigkeit könnte man also voraussetzen.

Lassen wir die Zahlen sprechen. Warum die so enttäuschend aussehen – darüber sollten wir allerdings noch reden. Spätestens, wenn alle Zahlen der Aktion #Frauenzählen auf dem Tisch liegen. Die „Pilotstudie zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ wird voraussichtlich am 1.Oktober veröffentlicht.

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Frauen zählen – beim Bachmann-Preis

Sind Frauen im Literaturbetrieb benachteiligt? Oder schreiben wir vielleicht einfach schlechter als Männer und sind daher im Literaturkanon zurecht unterrepräsentiert?

Zahlen sprechen bekanntlich für sich. Aus diesem Grund werden in diesem Herbst unter dem Motto #Frauenzählen von verschiedenen Netzwerken und engagierten Journalistinnen Daten präsentiert, die belegen, wie häufig Frauen verglichen mit Männern im Literaturbetrieb gewürdigt werden, wie oft sie in Jurys sitzen, wer wen wie oft rezensiert.

Als sanften Einstieg habe ich mir den Bachmann-Preis vorgenommen und Sieger/innen, Platzierte, Nominierte und Jury-Mitglieder seit seiner Gründung 1977 gezählt. Ein Preis, der nach einer herausragenden Autorin benannt ist, wird literarische Texte von Frauen von Beginn an selbstverständlich gleichberechtigt präsentieren, so meine Erwartung.

Die leider enttäuscht wurde. In den ersten Jahrzehnten nominierten drastisch männlich Weiterlesen

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