Ganz kleine Geschichte aus dem Osten

west1Westwind

Der Wind war wach, als die Stadt noch ihren Stadtschlaf schlief. Ich ließ Platz zwischen mir und dem Mann, damit er hindurchwehen konnte. So gingen wir an den bröckelnden Fassaden vorbei. Er müsse nach Westen, heute, sagte er. Wir hatten lange bei Uschi gesessen, im Nachtclub. Ich hatte ihm ausgeholfen, über meine Verhältnisse hinweg. Wir verschwiegen die Nacht hinter uns, die voll war von Staunen, Lachen, Neid und Liebe, die letzte ihrer Art. Nach Westen also. Dorthin, wo die Karte bleich war, freies Territorium, ab Helmstedt schon. Eine Minute standen wir bei seinem Wagen und froren. Er hätte mich küssen müssen, „Schau mir in die Augen, Kleines“ und so, doch er gab mir einen Schein, 50 Westmark im Ganzen. „Es ist nicht so gemeint“, sagte er. „Nicht, wie du denkst.“ Ich lächelte für draußen. Er sah unglücklich aus. Er war kein schlechter Mann. Ich nahm den Schein, den Schmerz und meinen Stolz und schenkte alles dem Wind. Die Scham ließ ich ihm.

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Ich bin halt eine Emanze

05_16_GL2s_sw1von Gudrun Lerchbaum

Ich war neun, als ich mit zwei Freundinnen über den Zaun der Kirchwiese kletterte, wo eine Gruppe von Jungs zwischen den Kirschbäumen Fußball spielte.

„Wir wollen mitspielen!“, schrie ich.

Die Jungs sammelten sich und kamen in V-Formation auf uns zu. „Haut ab! Mädchen spielen nicht Fußball!“

„Ab jetzt schon“, sagte ich, schlug dem Anführer den Ball aus der Hand und kickte ihn zu einer meiner Freundinnen, die ihn vom Boden aufhob und dem Jungen zurückwarf.

„Blöde Emanze!“, schimpfte der.

Sie nahmen ihr Spiel wieder auf, ohne uns, und wir gingen lustlos zum Spielplatz, wo mich meine Freundin zu überzeugen versuchte, dass sie mich nicht verraten, sondern beschützt hatte.

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Etwas hatte sich trotzdem verändert. Ich war jetzt eine Emanze und was auch immer das sein mochte, es gestattete mir, angebliche Jungssachen zu tun. Zwar war ich vom Fußballspiel weiterhin exemplarisch ausgeschlossen, doch beim Floßbauen auf dem Mississippi (=Froschtümpel) akzeptierten sie mich ebenso, wie bei den freihändigen Fahrradrennen die abschüssige Straße hinab und anderen Abenteuern, denen ich immer zugeneigt war. Wann immer mein Geschlecht zum Thema wurde, zuckte ich mit den Schultern und sagte: „Ich bin halt eine Emanze!“ Weiterlesen

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Unsichtbare Frauen über 40 mit Kleidergrößen über 40, oder: Warum wir unsere Gewohnheiten ändern müssen

von Zoë Beck

Natürlich ist es nichts Neues, was in der von Maria Furtwängler beauftragten Studie herausgekommen ist. Am Theater hatte ich vor zwanzig Jahren mit Schauspielerinnen zu tun, die genau das sagten: Gute Rollen gibt es nur für Männer, und ab dreißig wird’s für Frauen düster. Jetzt höre ich es seit über zehn Jahren von den Sprecherinnen im Synchronstudio: Frauenrollen sind dünn gesät, und wenn, sind sie für jung klingende Frauen. Es gibt Produktionen, bei denen auf Diversität geachtet wird („Orange Is The New Black“ ist das bekannteste Beispiel), ohne dass es nach Quoten-Irgendwas aussieht, sogar beim urenglischen „Inspector Barnaby“ hat sich endlich vieles verändert, aber was für die lineare Ausstrahlung im deutschen Fernsehen gedreht wird, scheint nicht dazuzugehören.

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Schildkröte, vermutl. über 40 Jahre alt.

Die Studie liefert nun also Zahlen für das, was ohnehin schon seit Jahrzehnten alle wussten, und gewisse Fernsehjournalisten (männl.) finden diese Zählerei trotzdem irgendwie unbehaglich, es könnte ja der status quo in Gefahr geraten. Kommentatoren (männl. in der Mehrzahl, aber auch nicht wenige weibl.) in den sozialen Medien schreiben gern darüber, der Publikumsgeschmack sei nun mal danach, warum also irgendwas ändern, wenn sich die Menschen nun mal nicht so gern (alte) Frauen ansehen und sich lieber von Männern die Welt erklären lassen. Weiterlesen

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Mein Unbehagen beim Büchermachen

Glass-Shore_Art2Von Gabriele Haefs

Das Problem mit diesem Unbehagen ist, dass ich es für den Moment noch nicht richtig in Worte fassen kann. Es ist nur da und es ist sehr präsent. Der Auslöser war ein eigentlich sehr gutes Buch mit Erzählungen von Autorinnen aus Nordirland – also der geographischen Region: die Autorinnen kommen auch aus den Counties, die heute zur Republik Irland gehören. Die Erzählungen entstanden zwischen 1840 und 2010, alle wurden auf Englisch geschrieben, und die Autorinnen sind manchmal sehr pro-irische Unabhängigkeit, manchmal sehr pro-britisch, bei einigen ist keine Meinung in dieser Frage zu bemerken, alle vertreten feministische Standpunkte, auch wenn sie nicht immer zu den Frauenbewegungen ihrer Zeit Stellung beziehen.

17.7.Die Geschichte „Eugenia“ von Sarah Grand (1854 – 1943) ist eine Art Kriminalgeschichte mit Rahmenhandlung. Die Kriminalgeschichte ist hinreißend. Eine Braut fordert den Bräutigam dazu heraus, bei herannahender Flut am Strand entlangzureiten, um zu sehen, wer schneller ist, das Wasser oder sie beide. Die Braut kommt durchnässt zu Hause an, der Bräutigam ertrinkt. Tragischer Unfall oder eine List der Frau, die den unerwünschten  und von ihrer Familie ausgesuchten Mann loswerden will? Die Autorin hat eine traditionell klingende  Ballade ersonnen, in der immer wieder die Zeile vorkommt „o wild, o wild, ah, well-a -day, does the bridegoom note that the bride is gay?“, die dann auch in der Rahmenhandlung auftaucht (und der Leserin noch Tage später im Kopf herumspukt). In der Rahmenhandlung wiederholt die Heldin das Manöver, sie und der Verehrer kommen zwar heil zu Hause an, aber er hat sich als Feigling blamiert. Er ist auch kein Mann nach dem Herzen einer selbstbewussten Frau von 1850. Wahnsinnig stolz auf seinen adligen Namen, hat all sein Geld vertan und will nun reich heiraten. Sie aber liebt ihren Nachbarn, der ist arm, aber ehrlich und fleißig, und Geld hat sie ja selbst. Doch weil er nicht in den Ruf geraten will, dass es ihm aufs Geld ankommt, geht er ihr aus dem Weg, und also muss sie ihm selbst einen Heiratsantrag machen. Damit ist also alles gut. Weiterlesen

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Gesellschaft aus dem Ehebett betrachtet

511bdbxDrsL._SX345_BO1,204,203,200_Ehe für alle – ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichstellung. Aber was es mit der Ehe auf sich hat … Liebe und so? Ich denke, sie ist ein Vertrag mit dem Staat und es gäbe noch einiges zu tun an den Vertragsbedingungen. Lena Blaudez hat 2013 ein Buch publiziert, dass sich mit diesem Vertrag befasst, auf sehr unterhaltsame Weise:

Rosa ist der Einband des Buches mit Icons darauf wie Sticker: Brautleute und Herzchen (man ist versucht, sie abzuziehen). Außerdem kommt es im Stil von Frauenzeitschriften und als Quiz, wie der Titel schon sagt, daher. Ganz harmlos, eigentlich. Doch gleich auf den ersten Seiten werden wir gewarnt. Und das zu Recht!

Der Klappentext erklärt noch, dies sei ein Buch für „Heiratswillige und Frischverheiratete“. – Mag sein, ja, das auch.
Doch vielmehr ist es ein Buch über den Zustand unserer Gesellschaft. Aus dem Ehebett betrachtet. Man glaubt es vielleicht nicht, aber es ist ein wirklich guter Ort, eine sinnvolle Perspektive für eine solche Analyse.
Amüsant und leichtfüßig wird die ungleiche Verteilung von ökonomischen Ressourcen zwischen Männern und Frauen erörtert, wie Machtverhältnisse zementiert werden, zu wessen Lasten sich die Ungleichheit auswirkt und auf welche Weise sie konsolidiert wird. Das klingt ganz und gar unspannend. Schließlich wissen wir alle, dass Frauen die Kinder betreuen, weil Männer mehr Geld verdienen, oder besser – mehr Geld bekommen für die gleiche Arbeit. Aber glauben wir das auch? Und wissen wir, welche biopsychosozialen Auswirkungen das hat? Wie viel wissen wir über die Funktion tradierter Rollenverteilung als Ursache für häusliche Gewalt? Weiterlesen

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Von den Früchten der Erkenntnis und unverblümtem Lesegenuss

Ein Résumé zur Aktion Autorinnenzeit

Von Gudrun Lerchbaum

05_16_GL2s_sw1Es begann mit einer Irritation. Der Autor Sven Hensel hatte in seinem Blog dazu aufgerufen, im Mai der Literatur von Frauen besondere Aufmerksamkeit in sozialen Medien zu widmen. Hashtag Autorinnenzeit. Männer bekommen deutlich häufiger Literaturpreise, dominieren Empfehlungslisten von Influencern ebenso wie Schullektüren und werden auch in dieser Branche besser bezahlt. Das muss sich ändern, darin stimme ich mit Sven Hensel überein. Dass dem Aufruf eines Mannes, Frauen mehr zu würdigen, in meinen Ohren zunächst ein caritativer Touch anhaftete, schrieb ich einem Rest unangebrachter Opferhaltung zu. Einmal tief Luft holen, sich strecken und schon sieht man Solidarität, wo vorher Herablassung dräute.

Das Projekt

Ich beschloss, das Thema verbesserter Präsenz von Autorinnen mit einer Bestandsaufnahme zu verbinden und meine Regale dem Alphabet folgend nach von Frauen geschriebenen Büchern zu durchforsten. Bilder dieser Bücher postete ich auf Facebook und bat die Leser.inn.en, nach dem gleichen Muster zu verfahren. So einfach die Aufgabe scheint, so sehr überraschte es mich, auf wie vielen Ebenen eine klare Handlungsaufforderung missverstanden oder ignoriert werden kann. Weiterlesen

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Nix für Mädchen

mädchen und jungen

von Gabriele Haefs

Nun war ich zu einem Seminar in Norwegen eingeladen, und es ging natürlich um das Übersetzen. Den Besuch der norwegischen Kulturministerin und das unglaublich grauenhafte Sakko ihres persönlichen Sekretärs zu beschreiben, würde im Moment zu weit führen, ich werde aber bestimmt noch ausführlich darüber schreiben. Hier geht es um die Vorbereitungen zum Seminar, die mir arges Kopfzerbrechen bereitet haben. Wir sollten das erste Kapitel eines Buches übersetzen und dann über die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten diskutieren. Das Buch ist eine Dystopie, verkauft sich in Norwegen wie blöd, und es geht so los: Der Ich-Erzähler, Brage, denkt daran zurück, wie sein Leben vor der Katastrophe war. Er war ein ganz normaler Junge, findet er, er ging zur Schule, fand seine Eltern doof und spielte Fußball. Und schwärmte für Frida aus seiner Klasse. Doch als er sich einmal ein Herz fasste und sie fragte, was sie am Wochenende unternehmen wollte, sah sie ihn nur verachtungsvoll an. Weiterlesen

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Positionen – Simone Buchholz

 

DA MÜSSEN WIR DRINGEND NOCHMAL RAN

Von Simone Buchholz

Buchholz(c)Achim_Multhaupt-11_SVIch bin in einem Haus aufgewachsen, in dem es selbstverständlich war, dass Frauen arbeiten, und so bin ich dann auch erzogen worden: Mach dein eigenes Geld, sei finanziell unabhängig. Gleichzeitig lief in den Frauenköpfen unserer Familie aber auch noch ein anderes, viel älteres Programm: Sei eine gute Frau, koche, putze, und achte verdammt noch mal darauf, wie du aussiehst. Außerdem hab ich fast ausschließlich mit Jungs gespielt, damals auf dem Dorf gab es nicht so viele Mädchen. Also stand ich früh auf dem Bolzplatz im Tor und hab Bälle ins Gesicht gekriegt, ich hab gelernt, wie eine ordentliche Mutprobe aussieht (in Unterhosen durchs kindshohe Brennnesselfeld) und wie man Bandenchefin wird (Maul aufreißen), und ich hab gelernt, das alles mit hartem Humor zu versehen. Dann bin ich früh ausgezogen und zum Philosophiestudium in eine andere Stadt gegangen. Weiterlesen

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Tja …

„Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“

Marie von Ebner-Eschenbach

Ebnder

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Positionen – Gabriele Haefs

Kaiser Wilhelm und der Frust des Chamäleons

Von Gabriele Haefs

Gabriele Haefs_Miguel Ferraz

Foto: ©Miguel Ferraz

Als Übersetzerin muss ich ja eigentlich ein Chamäleon sein und in die Sprache von anderen schlüpfen, und dabei ganz neutral bleiben, es heißt ja schließlich „das“ Chamäleon. Aber oft denke ich, es könnte „der“ Chamäleon heißen – so männlich geprägt ist die Sprache in gar zu vielen Übersetzungen. Ich glaube nicht einmal, dass es so gewollt ist, aber das Männliche gilt nun einmal als „normal“, und also wird männlich übersetzt und das soll dann „neutral“ sein. So ungefähr habe ich es immer wieder erlebt – und der Frust wird dann besonders groß, wenn ich es zur Sprache bringe und nur auf blöde Blicke stoße. Weiterlesen

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