Frauen zählen in Irland

von Gabriele Haefs

„Look! It’s a woman writer!“ Verheißungsvoll der Titel, schön bunt das Cover. „Irish literary feminisms, 1970-2020“ ist der Untertitel, und natürlich wird zuerst nachgesehen, wer alles dabei ist, und wie es mit den Lieblingsautorinnen aussieht. Die eine Lieblingsautorin, Rita Kelly, finde ich immerhin in effigie, auf einem Foto von Büchern von irischen Autorinnen ist einer ihrer Lyrikbände zu sehen. Die andere Lieblingsautorin, Eilís Ní Dhuibhne, ist die Herausgeberin! Irgendein Name fehlt bei Anthologien immer, das ist klar, und im Vorwort schreibt die Herausgeberin, dass einige der gefragten Autorinnen einfach keine Zeit hatten, um etwas für dieses Buch zu schreiben, während sie und die anderen an dem Buch Beteiligten einige weitere ganz einfach vergessen haben, wofür sie um Entschuldigung bitten. Und das ist eigentlich schön! Es gibt jetzt also so viele irische Autorinnen, dass es möglich ist, einige zu vergessen.

22 Autorinnen kommen im Buch zu Wort, sie schreiben Romane, Theaterstücke, Lyrik und Kinderbücher, sie schreiben auf Irisch und auf Englisch. Die älteste wurde geboren 1943, die jüngste 1960. Damit finden sich einige Gemeinsamkeiten: Die meisten gingen noch zur Schule, als 1964 in Irland das Schulgeld für weiterführende Schulen abgeschafft wurde. Damit war auch Mädchen aus weniger wohlhabenden Familien der Weg zur Bildung und oft sogar zur Universität möglich. Dazu wurde der Zwangszölibat für Frauen im Staatsdienst abgeschafft, eine Karriere z.B. als Lehrerin wirkte gleich viel attraktiver, wenn sie bei der Heirat aufgegeben nicht werden musste. Und viele dieser Autorinnen studierten, als in den 1970er Jahren die neue Aufbruchsstimmung losbrach und sie von Frauenbewegungen in anderen Ländern hörten und dachten, wieso nicht auch bei uns? Und wieso nicht auch in der Literatur?

Jede der 22 Autorinnen hat einen Text über sich und ihren Werdegang geschrieben, dazu gibt es einen kurzen Lebenslauf und eine Liste ihrer Veröffentlichungen. Es gibt im Buch außerdem Poster, Postkarten, viele Fotos, von Aktionen in den 70er und 80er Jahren und von Büchern von irischen Autorinnen.

Eine überraschende Ähnlichkeit haben so gut wie alle: Sie erzählen von ihren ersten Leseerlebnissen. Und was haben sie gelesen? „Little Women“ (jede hat sich mit Jo identifiziert), Enid Blyton (und dann schrieben sie heimlich Internatsgeschichten mit sich in der Hauptrolle) und, sicher die große Überraschung, „Heidi“, was sie aber offenbar nicht zu literarischen Aktivitäten angeregt hat. Sie hatten also eine rein weibliche Einführung in die Literatur. Aber in der Schule und später an der Uni, wenn sie Sprachen oder Literatur studierten, ist lange Zeit keiner aufgefallen, dass nur Männer erwähnt und gelesen wurden, und dass die Studierenden vor allem Frauen waren, die Lehrenden aber Männer. Wer in Belfast studiert hat, schwärmt noch heute davon, was für ein inspirierender Lehrer der spätere Literaturnobelpreisträger Séamus Heaney war. Aber auch der setzte nur die Kollegen auf die Leselisten und ließ die Kolleginnen außen vor.

Als sie anfingen zu schreiben, fanden sie also keine weiblichen Vorbilder, und dann fielen sie aus allen Wolken, als ab Mitte der 70er Jahre mehr und mehr irische ehemals viel gelesene irische Autorinnen neu entdeckt und wiederveröffentlicht wurden. Hier gibt es übrigens einen Unterschied zwischen irischsprachigen und englischsprachigen Autorinnen. Die Irischsprachigen berufen sich auf drei Vorbilder: Péig Sayers, Máire Mhac an tSaoi und Eibhlin Dubh Ní Chonaill – allerdings, Péig Sayers wurde berühmt durch ihre autobiographischen Schriften, die in Irland Schullektüre sind (die eine Ausnahme also im rein männlichen Bildungskanon), die beiden anderen schrieben Lyrik, und wenn auch Máire Mhac an tSaoi als bedeutendste irische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts gilt und Eibhlín Dubh (ca. 1743- 1800) die letzte überhaupt war, die in den klassischen gälischen Versmaßen dichtete, so halfen diese Vorbilder einer angehenden Romanautorin nicht weiter.

Immer wieder erwähnt, egal, welcher Sprache die Autorinnen schreiben, werden drei Namen: Die Verlegerin Jessie Lendennie gab schon vor 40 Jahren die Bücher heraus, die die etablierten Verlage zu schwer verkäuflich fanden. Der Journalist David Marcus bot in seiner Rubrik New Irish Writing in der Zeitung Irish Press für viele Autorinnen und Autoren die erste Veröffentlichungsmöglichkeit überhaupt war. Allerdings, die allererste Erzählung von Eilis Ní Dhuibhne, die ich je übersetzt habe, wurde von David Marcus abgelehnt, das schreibt sie hier im Buch, sie sei zu „ausgeflippt“ (erschienen unter dem Titel „Erfüllung“ in „Frauen in Irland“, DTV, 1991). Die dritte im Bunde ist die Lyrikerin Eavan Boland, die jederzeit jüngeren Kolleginnen an ihrem Wissen und ihren Erfahrungen teilhaben ließ.

Anstoß zu diesem Buch gab das Abbey Theatre, Irlands Nationaltheater. 2016 war die Jahrhundertfeier des irischen Osteraufstands zu feiern, und der Theaterchef gab Stücke zu diesem Thema in Auftrag, die dann aufgeführt wurden, alle von Männern. Bühnenautorinnen taten sich nun zur Aktion Waking the Feminists zusammen und forderten, auch die Arbeit von Dramatikerinnen zu sichten und ihnen eine Chance zu geben. Die in diesem Buch vertretenen Theaterautorinnen hatten ein déja vu-Erlebnis, 30 Jahre zuvor hatte es ähnliche Aktionen gegeben, worauf dann für einige Jahre auf irischen Bühnen mehr Autorinnen gespielt wurden. Unmerklich waren diese Aktionen in Vergessenheit geraten, so dass die jungen Autorinnen 2016 wieder das Gefühl hatten, ohne weibliche Vorbilder dazustehen.

Muss also jede Generation von Autorinnen das Rad neu erfinden? Nein, heißt es im Buch. Inzwischen sind wir so viele, natürlich werden einige in Vergessenheit geraten, aber es werden immer noch so viel übrig sein, dass die Erinnerung an die irischen Autorinnen nicht ganz verschwindet.

Eilís Ní Dhuibhne

Das Buch ist ein wunderbares Lesebuch, wir erfahren mehr über Autorinnen, die wir schon kennen, und sogar über Lieblingsautorinnen also Neues, bekommen Lust, andere zu entdecken, es ist Literatur- und Sozialgeschichte zugleich. Es gibt zudem Zahlen. Wie hoch ist der weibliche Anteil an der irischen Buchproduktion, wie hoch war er vor 50 Jahren, wie hoch in welcher Sprache, wie viele Bücher von Autorinnen werden rezensiert: Irish Times z.B. 29 %. (Wobei der Anteil der Autorinnen bei den Büchern in irischer Sprache niedriger liegt als bei denen, die auf Englisch schreiben, was nun wieder verwirrt, da diese drei irischsprachigen Autorinnen so oft erwähnt werden). Die offenbar magische Ein-Drittel-Hürde wird auch in Irland weiterhin nur selten übersprungen. Kommt es aber noch vor, dass Anthologien der angeblich besten irischen Kurzgeschichten herausgegeben werden, in denen nur Männer vertreten sind? Das immerhin nicht, die schrecklichen Poster „Irish Writers“ mit nur Männern, die auf Englisch geschrieben haben, gibt es allerdings weiterhin in jedem Buchladen. Wer übrigens nun Lust bekommt, sich auf die Suche nach Büchern von irischen Autorinnen zu machen, auch Verlage werden im Buch vorgestellt, besonders positiv erwähnt werden Arlen House und Attic Press (Frauenverlage) und Cois Life und Cló Iar Chonnachta (Bücher auf Irisch).

In vieler Hinsicht sieht es in Irland also nicht viel anders aus als hierzulande. Allerdings, die ermüdende Frage bei Interviews: So you are a woman writer? (auf Irisch gibt es ebenfalls keine feminine Form für scribhneoir, außer bean-scribhneoir), ist eigentlich nichts ins Deutsche zu übersetzen. Wie antwortet frau, und warum wird kein Kollege je gefragt: So you are a man writer?, überlegen die Irinnen – die Antwort steht noch aus.

Bei allem kommt heraus: In Irland ist es auch nicht anders als anderswo. Es wäre wunderbar, dieses Buch mit ähnlichen Übersichtsbüchern aus anderen Ländern vergleichen zu können.

  • Eilis Ní Dhuibhne (editor): Look! It’s a Woman Writer: Irish Literary Feminisms 1970 – 2020, Arlen House, http://www.arlenhouse.ie
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Haben die imaginären Räume jemals den male gaze hinter sich gelassen?

Unbedingt lesen! In der neuen Ausgabe von CARGO gibt es einen exzellenten Essay von Cristina Nord: Beide Augen schließen sich.

Alles, was Cristina Nord hier übers Kino und die Welt des Films berichtet, kennen wir exakt so aus der (Kriminal)Literatur. Die Kino- wie die Krimiwelt sind »endlessly fascinated by representations of male bad behavior: obsessive, dominating, abusive, violent« (Girish Shambu) – ungebrochen fasziniert von Abbildungen männlichen Danebenverhaltens: zwanghaft, anmaßend, übergriffig, gewalttätig.

#makewomenvisible

Als eine, die extrem viel Kriminalliteratur liest, bin ich wie Cristina Nord bis heute ständig am Zweifeln, ob die imaginären Räume auch nur ansatzweise den male gaze hinter sich gelassen haben. Auch wenn wir in den letzten Jahren viel Freude an niveauvoll reflektierender Vernetzung rund ums Krimigenre hatten, wozu insbesondere die »Krimis machen«-Konferenzen zählten, überschatten die althergebrachten blinden Flecken auch solche Zusamenkünfte denkender, krimiaffiner Menschen in erschreckendem Ausmaß. An »Krimis machen 4« in Köln muss ich unwillkürlich denken, wenn ich bei Cristina Nord diese Sätze lese: »Wo immer ich mich aufhielt, um das Schaffen von Regisseur*innen kennenzulernen oder mein Wissen darüber zu vertiefen, traf ich auf Filmkritikerinnen, Festivalarbeiterinnen und Filmemacherinnen. Die Kollegen hatten andere Termine.«

»Zeit für Workshops zum Thema Privilegien, wie man sie abbauen kann und was man gewinnt, wenn man das tut?« fragt Cristina Nord trocken. Das behalten wir mal für die nächste Genre-Zusammenkunft im Auge, ja?

Und bis dahin werden wir uns wohl immer wieder als feminist killjoy betätigen, ein Konzept, das Nord ebenfalls erläutert und das wir aus der Literatur bestens kennen – sei es in Gestalt von #frauenzählen oder anderen Kämpfen um Diversität und Einzug von nichtmännlichen Perspektiven in die Große Erzählung. Viele von uns, die wir auf Sichtbarkeit beharren, trifft der Vorwurf der Spielverderberin, weil wir die »automatisierte Ehrererbietung« (Nord) verweigern. Die Rolle der feminist killjoy scheint mir kreativ und ausbaubar. Bis das Spiel besser wird.

Den CARGO-Artikel bitte hier lesen:

https://www.cargo-film.de/heft/50/essay/beide-augen-schliessen-sich/

https://www.film-rezensionen.de/wp-content/uploads/2011/06/Geheimnis-hinter-der-T%c3%bcr-Frontpage.jpg

#makewomenvisible

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Das Landei zu Monika Geiers „Voll fiese Flora“

Liebes Stadtkind,

so viele Monate sind verstrichen, in denen es unmöglich war, Dich aufs Land einzuladen, dass es Zeit wird für Aufklärung, damit Dir das Draußen nicht abhandenkommt während der pandemischen Isolation.

Es geht um nichts weniger als um die Natur. Also das Grünzeug, das in der Erde wurzelt, manchmal auch anderswo.

Du weißt Bescheid? Wirklich?

Ja, es ist die Platane vor Deinem Haus. Und ja, auch Dein Kaktus, der auf dem Fensterbrett blüht. Durchaus Dein Joint vorm Schlafengehen, wenngleich Du den immer idealisiert hast. Streite nicht! Es ist die Kartoffel aus dem Bioladen ums Eck, ja. Alles liebe Leute – schattenspendend, ästhetisch, berauschend, nährend – Dir zu Diensten.

Aber so sind sie nicht, die Pflanzen und Pilze und Zwischenwesen. Sie sind nicht nur eine Unendlichkeit länger auf der Welt als Du, sie können eine Menge Dinge, von denen Du nicht das Geringste ahnst. Unterwandern, verführen, vergiften, umschlingen können sie, jahrzehntelang schlafen, plaudern, unterstützen, okkupieren, fliegen, sich verbünden, kämpfen … Die sind nicht lieb und arglos, wie Du immer gedacht hast. Seit der Romanik ist Schluss damit! Monika Geiers Buch erzählt davon in Miniaturen so kompakt wie Gedichte – einer Sammlung von Geschichten über Gewächse, die mit ihren Blättern, Sprossen und Blüten in unsere Kultur ragen, ja zutiefst darin verwurzelt sind.

Vom Seidelbast erzählt sie. Du weißt schon, der lila Strauch bei Oma im Vorgarten, den Du nicht anfassen durftest als Kind (also jetzt auch nicht, bitte). „Es [das Lokta-Papier] ist unter anderem deshalb so haltbar, weil das enthaltene Toxin die Verarbeitung zu Papier übersteht und Mäuse und Insekten fernhält.“ Auf diese Weise wurden uralte Schriften bewahrt. Ein freundlicher Frühblüher ist der Seidelbast, doch sein Gift dient vor allem SEINEN Nachfahren.

Den Eisenhut kennst Du. Aus Krimis. Außer für Mord wird er nicht benötigt, nur von sich selbst. Respektiert sei er, der große Blaue, um seiner selbst willen.

Hast Du schon mal die Marmelade vom Schwarzen Nachtschatten gekostet? Nein? Wie auch! Guck mal auf die Halde vom Abrisshaus nebenan, da steht er und auf Seite 46. Dass ihm Unrecht widerfuhr, liest Du dort. Gleichwohl verschafft ihm sein Ruf im Schatten der Tollkirsche ein behagliches Dasein in Europa. 

Da wäre noch die jugendstilistische Zaunrübe, märchenhaft ausufernd, mit ihrem vegetarischen Marienkäferkumpel. Den Aufruf der Autorin: „Pflanzt Zaunrüben“ möchte ich Dir nur weiterleiten, wenn Deine Parzelle zwei, drei Fußballfelder groß ist, sonst gibt’s Ärger mit dem Nachbarn. Aber malen könntest Du sie in einsamen Regennächten.

Monika Geier ist das genial gelungen. Ihre Illustrationen sind so verwunschen, erdig, komisch, romantisch, bunt und energetisch wie das Leben selbst. Erstaunliches wirst Du in ihren Texten finden, über Gifte und deren Besitzer, über ihre und unsere Geschichte, wie das Gute und das Böse beieinander wohnen. Du lernst Wesen aus Perspektiven kennen, die neugierig und es nötig machen, Deinen Platz zwischen ihnen, zu überdenken.

Achte mir, liebes Stadtkind, das Grün als Mitgeschöpf auf Augenhöhe, sei vorsichtig und schwelge derweil in Monika Geiers Geschichten, bis uns der Goldregen schneit.

Dein verwuchertes Landei

Monika Geier, Voll fiese Flora, Argument/Ariadne Hamburg, 96 Seiten, 30 Illustrationen der Autorin, 15 Euro

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An Nils und seine Wildgans gefesselt – Nobelpreis hin oder her

Über Selma Lagerlöf

von Gabriele Haefs

Frauen zählen, auch wenn wir beim Frauenzählen manchmal einen ganz anderen Eindruck bekommen, aber so erhellend und frustrierend, wie das Zählen sein kann, ist auch der Blick auf die Frauen, die einfach nicht übersehen werden können.

Eine neue Biographie (die noch keinen deutschen Verlag hat, es ist nicht zu fassen!) über Selma Lagerlöf bietet da eine Menge Anschauungsmaterial. Selma Lagerlöf war in vielen Situationen die „Erste“, erste Person aus Schweden, die einen Nobelpreis bekam, erste Frau, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, erste Frau in der Schwedischen Akademie … Die junge Journalistin Ellen Key sagte aus Anlass der Aufnahme in die Akademie:

„Selma Lagerlöf kam nicht durch die Frauenbewegung in die Akademie, aber mit Selma Lagerlöf kam die Frauenbewegung in die Akademie.“

Selma Lagerlöf war sich immer darüber im Klaren, dass sie vielfach die Erste war, aber nicht die Letzte bleiben wollte. Sie setzte sich energisch für weitere Frauen überall ein; dass 1926 die italienische Autorin Grazia Deledda mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist maßgeblich ihr zu verdanken: Die Akademieherren hatten nie von dieser Frau gehört und schlugen erst mal einen Mann nach dem anderen vor. Und so ungefähr das Erste, was die frischgekürte Nobelpreisdichterin Selma Lagerlöf öffentlich sagte, war: Weiterlesen

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Lesevorschläge von Else Laudan

Liebe Herland-Leserinnen,
ich möchte aus aktuellem Anlass Lektüre-Anregungen geben, sowohl medial (online) zur Lage als auch in Buchform zur Entspannung (plus Hörbares).

Meine persönliche Wahrnehmung der Gegenwart ist im neuen CrimeMag mit dem Schwerpunkt #Covid-19 nachzulesen. Weiterlesen

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Kleiner Rückblick auf HerLand-Veranstaltungen

2015

Kolloquium I – 24. – 27. September 2015

bei Doris Gercke in Natendorf/Lüneburger Heide

Teilnehmerinnen:  Zoë Beck, Doris Gercke, Monika Geier, Anne Goldmann, Merle Kröger, Anne Kuhlmeyer, Else Laudan, Ariane Mönche, Charlotte Otter. (Christine Lehmann wurde kurz zuvor in den Stuttgarter Stadtrat gewählt, der sich zeitgleich in Klausur begab, und konnte beim HerLand-Gründungskolloquium nicht dabei sein, aber ihre schriftlich festgehaltenen Gedanken und Anregungen flossen in die Diskussion ein.) Weiterlesen

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Abschied von Sabine Deitmer

Sie war eine von uns. Sabine Deitmer, Schöpferin der charakterstarken und ganz eigenen Kommissarin Beate Stein, die öfter mal Täterinnen laufen ließ, hat sich seit den 1990ern für den Aufbruch der Frauen ins Genre stark und gerade gemacht, mit Lust und Fantasie, mit illusionsloser Konsequenz und Humor. Sie war enorm solidarisch, las begeistert und endlos neugierig andere Autorinnen, sie versuchte sogar das Syndikat feministisch zu unterwandern. Sie war scharfsichtig, herzlich, streitlustig und bescheiden. Sie verteidigte den Feminismus, als sich in den Nineties auf einmal kaum noch eine Feministin nennen mochte.

sabinedeitmer»In meinen Romanen gibt es immer ein Verbrechen hinter dem Verbrechen. Der Mord ist nur die Spitze des Eisberges. Der interessanteste Teil liegt für mich unter dem Wasser. Die grauenvollen Dinge, die sich täglich im Rahmen scheinbarer Normalität abspielen: der Vater, der den Missbrauch der Tochter in die Routine eines gutbürgerlichen Haushalts eingebaut hat; der junge Mann, der seine Freundin für einen Automotor an die Kumpel verschachert; der Vorgesetzte, der seine Mitarbeiterinnen sexuell ausnutzt und mit ihrem schweigen rechnen kann. Mehr als die Aufklärung des Mordfalls interessiert mich die Aufdeckung des gesellschaftlich Verdrängten.«
Sabine Deitmer

Als wir vor fünf Jahren HerLand gründeten, dachte ich an sie, machte einen Kontaktversuch. Bekam keine Reaktion, was ganz untypisch war, hörte später von Doris, dass sie wohl nicht gesund sei. Jetzt fehlt sie uns.

Sabine Deitmer, die herzliche, humorvolle, mutige Autorin und Netzwerkerin, steht für immer leuchtend in der Riege der kämpferischen kreativen Frauen, die sich mit Herz und Anspruch für den feministischen Aufbruch im deutschsprachigen Kriminalroman engagiert haben, und wir vergessen sie nicht.

Else Laudan

 

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Wenn es umgekehrt wäre …

Von Gabriele Haefs

Der norwegische Autor Steffen Sørum wurde mit einem hochangesehenen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die meisten freuen sich, wenn sie einen Preis bekommen – nicht so Steffen Sørum. Denn zu seinem Entsetzen musste der arme Mann feststellen, dass für den Preis in diesem Jahr mehr Frauen als Männer nominiert gewesen waren. Ist bei so vielen weiblichen Nominierten der Preis also weniger wert? Das stand zwar dick und fett zwischen den Zeilen, aber er wollte sich dann doch nicht dazu äußern, sondern erklärte: „Wenn es umgekehrt gewesen wäre, dann wäre doch der Protest riesengroß gewesen.“

Helene Uri

Helene Uri

Die Autorin und Sprachwissenschaftlerin Helene Uri (eine der vielen wunderbaren norwegischen Autorinnen, von denen viel zu wenig in deutscher Übersetzung vorliegt), antwortete dem lieben Kollegen: Irrtum. Wenn es umgekehrt ist, regt sich niemand auf, denn das gilt als „normal“. Hier ihr Artikel aus der norwegischen Tageszeitung Aftenposten (mit ihrer Erlaubnis, natürlich):

Tut mir leid, Sørum, ich sehe nicht dasselbe wie du. „Umgekehrt“ ist absolut üblich.

Steffen Sørum hat sich über ARKs Kinderbuchpreise geäußert, da für diesen Preis in den letzten vier Jahren in der Mehrzahl Frauen nominiert worden sind. Darüber ist er empört. Dazu hat er aber kaum Grund. Er schreibt unter anderem: „Ich gehe davon aus, dass es im umgekehrten Fall heftige Reaktionen geben würde.“

Aber es gibt kaum Grund zu dieser Annahme. Der „umgekehrte Fall“ ist nämlich ganz üblich. Weiterlesen

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Vier Künstlerinnen seit den Karolingern

Als ich mir das neue Kunstbuch meines Sohnes ansah, entdeckte ich, dass es seit den Karolingern in unserem Kulturraum offenbar nur vier wichtige bildende Künstlerinnen gegeben hat – im Gegensatz zu 186 Künstlern. Zeit für eine Korrektur an der Schule.

st Phalle

Oben: Unter der Abbildung des Strawinsky-Brunnes, den Niki de St. Phalle zusammen mit Jean Tingueley schuf, ist ihr Name noch genannt, doch dann verliert sich in dem Lehrbuch „Perspektiven der Kunst“ von Winfried Nerdinger (Hrg.) jede Spur von ihr.

Im Folgenden lest ihr zwei offene Briefe an die Schule meines Sohnes. Auf den ersten bekam ich leider nur eine nichtssagende Antwort des Inhalts, dass die Schule das Denken ihrer Schüler*innen fördere und diese somit selbst drauf kommen können, wenn irgendwo was nicht stimmt. Alle Kunstlehrer*innen und die Direktorin haben diese Antwort unterschrieben. Auf meine Erwiderung habe ich dann überhaupt keine Reaktion mehr erhalten. Aber lest selbst.

 

Offener Brief Weiterlesen

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Schullektüre – vom Patriarchat durchtränkt

Bücher Heike Schiller

Foto: Heike Schiller

Eigentlich wissen wir es schon lange, aber es ist noch viel schlimmer.

Schauen wir in die »Empfehlungsliste für Gymnasien« in Baden-Württemberg, dann sehen wir eine riesige Lücke. 219 Vorschlägen von Literatur, die von Männern stammt, stehen 22 gegenüber, die von Frauen verfasst wurde. Weil Schiller, Goethe, Kleist und andere bei den einzelnen Themenfeldern immer wieder genannt werden, reduziert sich die Zahl der Autoren auf 104 und, weil andererseits auch Christa Wolf oder Irmgard Keun mehrmals vorkommen, die Zahl der Autorinnen auf 17, wenn ich mich nicht verzählt habe. Weiterlesen

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