Sexismus, jeden Tag.

Mir scheint, es gibt da ein Missverständnis. Sexismus ist nicht dasselbe wie sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt. Diese Dinge sind Teil des Sexismusproblems, aber noch längst nicht alles. Sexismus ist eine auf das biologische Geschlecht (lat. sexus) einer Person abzielende Form der Diskriminierung, kurz zusammengefasst. Diese Diskriminierung äußert sich auch, aber nicht nur, durch sexuelle oder sexualisierte Handlungen oder Aussagen.

Klar die rote Linie überschritten haben die Männer, die damals, als ich Praktikantin war, um einen Kasten Bier gewettet hatten, wer mich ins Bett kriegt (der Kasten Bier blieb im Laden; aber es war nun mal Tradition in deren Abteilung). Oder die Kollegen, die nach den Dreharbeiten die Wahnsinnsidee hatten, mir was in den Drink zu schütten (was ich zum Glück gleich ausgekotzt habe, und wo zum Glück ein guter Freund zufällig im selben Club war, der mich retten konnte). Oder der Journalist, der mir erst einen Heiratsantrag („Wollen Sie meine Frau werden?“, wir duzten uns nicht mal) machte und mir dann, nachdem ich abgelehnt hatte, seine pornografischen Gewaltfantasien mit mir in der Hauptrolle schriftlich zukommen ließ. Der Regisseur, der wollte, dass ich ihn in der Zeit unserer Zusammenarbeit jeden Morgen mit meiner „sexy Stimme“ wecke. Der Regisseur, der über meine berufliche Zukunft sprechen wollte, aber nur, wenn ich mit auf sein Zimmer komme. Der wichtige Buchmensch, der mir die Hand aufs Knie legte und flüsterte, er wünsche sich von mir erotische Romane, man könne das ja dann gemeinsam mal alles durchspielen. Der andere wichtige Buchmensch, der mich gern „anschmiegsamer“ und „dankbarer“ gehabt hätte. Der Pressemensch, der mir mitten in der Nacht per Chat mitteilte, in welcher Bekleidung er mich gern sehen würde. Die Liste ist sehr lang, sie ist eindeutig, und die wirklich traumatischen, die wirklich schlimmen Vorfälle, die mir bis heute Albträume bereiten und wegen denen ich psychologische Begleitung brauchte, habe ich noch gar nicht aufgeführt.

Ebenfalls komplett sexistisch die folgenden Vorfälle: Die Jurorin von Jugend musiziert, die meinte, ich müsse mich als Mädchen anders anziehen auf der Bühne, Röckchen und Blüschen und bitte die Haare anders, so sehe ich ja aus wie ein Junge. Die vielen Menschen aus dem Bereich der klassischen Musik, die immer wieder, seit ich klein war, betonten, dass Frauen nicht so gut Klavier spielen können wie Männer, weshalb Frauen Klavierlehrerinnen werden und Männer Karriere machen. Der Zeitungsredakteur, der meinte, junge Frauen seien in Zeitungsredaktionen nicht gut aufgehoben, da ginge es schließlich um was. Der Professor, der meinte, eine Doktorarbeit sei für eine Frau Schwachsinn, ich würde doch bestimmt sowieso irgendwann heiraten. Der Regisseur, der mir sagte, Frauen seien ohnehin keine guten Regisseure [sic!], aber machten sich hervorragend als Assistentinnen. Die Kollegin, die überall herumerzählte, ich hätte den Job nur bekommen, weil ich mit irgendwem im Bett war. Die Vorgesetzte, die einem weniger qualifizierten Kollegen signifikant mehr Gehalt anbot als mir, bei Frauen „weiß man ja nie, wie sie sich entwickeln“. Die andere Vorgesetzte, die einem ähnlich qualifizierten Kollegen, der anders als ich allerdings noch nicht für sie gearbeitet hatte, signifikant mehr Gehalt anbot als mir, weil sie Angst vor mir als direkter Konkurrentin hatte. Die älteren Sprecher im Studio, die mich „Mädchen“ nennen. Die älteren Sprecher, die erstmal fragen, wo „der Regisseur“ ist, obwohl ich auf dem Regiestuhl sitze. Der wichtige Buchmensch, der mir sagte, ich solle mich mit Dingen beschäftigen, mit denen ich mich auskenne, und nicht über Terroristen und solchen unweiblichen Kram schreiben. Der wichtige Buchmensch, der mir sagte, Frauen gehörten nun mal ins Taschenbuch, nur wichtige Literatur ins Hardcover. Der wichtige Buchmensch, der fand, mit Frauen solle man nicht übers Geschäft reden, die verstünden das einfach nicht richtig. Der Journalist, der ein unveröffentlichtes Buchmanuskript in der Schublade hatte, und mir deshalb erklären wollte, wie man richtig Bücher schreibt (da hatte ich schon drei Veröffentlichungen, oder waren es vier). Der Journalist, der keine Lust hatte, sich mit mir zu unterhalten, weil er Frauen wie mich „unheimlich“ und „angsteinflößend“ findet. Wo soll ich da aufhören? (Möglicherweise erweitere ich diese Liste nach und nach. Es fällt einem ja immer wieder noch was ein.)

Das ist Sexismus. Die bewusste oder unbewusste Überzeugung, jemand könne aufgrund des biologischen Geschlechts irgendetwas nicht oder sei für gewisse Dinge besonders gut qualifiziert. Frauen können doch gut dies. Männer können doch gut das. Oder eben nicht. Strukturell drängen diese Vorurteile Frauen und Männer in bestimmte Richtungen, beruflich wie privat, und nicht immer, wie man oben sehen kann, hat Sexismus also etwas mit sexuellen Übergriffen oder anzüglichen Sprüchen oder ähnlichem zu tun. Gewalt in dieser Form entsteht aber daraus, dass sich (zumeist) Frauen in einer weniger privilegierten Position befinden und (zumeist) Männer in einer mächtigeren Position, die sie entsprechend ausnutzen können oder wollen, und sie können es problemlos tun, weil sie (in den allermeisten Fällen) straffrei davonkommen bzw. nicht mal angezeigt oder mit Vorwürfen konfrontiert werden. Und es fängt mit diesen vermeintlich kleineren, vermeintlich harmloseren Sprüchen an.

Das alles ist jetzt nur eine kleine Sammlung aus meinem Leben, und ich fürchte, ich hatte noch Glück, weil ich mich trotzdem durchgekämpft habe und es immer noch tue. Ich bin vielen Menschen begegnet, die eben nicht so dachten und von denen ich eine Menge lernen konnte, Frauen wie Männer. Ich merke mit jedem Jahr mehr, wie wichtig Netzwerke sind, die aus Menschen bestehen, die für diese Thematik sensibilisiert sind, Netzwerke, in denen man sich gegenseitig unterstützt, statt gegeneinander zu arbeiten oder nur Seilschaften zu fördern, um selbst besser voranzukommen.

Warum ich das alles aufgezählt habe? In der Hoffnung, dass es etwas sensibilisiert. Den Blick auf Situationen ändert. Wann man selbst sexistisch denkt und handelt. Wo man es bei anderen sieht. Und dass man anfängt, etwas dagegen zu tun. Am besten durch radikale Selbsteinsicht und ebenso radikales Umdenken.

 

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Was mich bewegt. Else Laudan über Beton Rouge und andere Juwelen von hierzulande

Es beginnt mit einer Radfahrerin, die nachts auf einer nassen Straße stirbt, und zwar so, dass man schon einen Kloß im Hals hat. Und Riley von der Staatsanwaltschaft ist gar nicht im Dienst, sie ist nur auf dem Weg in die nächste Kneipe. Aber die banale, alltägliche, schiere Gewalt dieser Szene verdirbt ihr die Lust auf das gepflegte Bier.betonrouge

Dann sperrt jemand einen Mann in einen Käfig. Mitten in Hamburg, in unserer Stadt der Pfeffersäcke, wo alles, was glänzt, auch teuer ist. Dieser Typ in dem Käfig aber ist deutlich ein Opfer, betäubt, gefoltert, zur Schau gestellt, fix und fertig. Die Polizei ist schon vor Ort, mit dem Schloss kämpfend, betroffen.

Beton Rouge. Die Story ist ein cleveres Rätselmosaik, viele Szenen sind von großer Wucht, und die Conclusio, also das, was mir in den Sinn kommt, wenn ich nach dem Lesen das Buch zuklappe und überlege, was hat sie mir jetzt eigentlich erzählt, worauf läuft die Geschichte hinaus, die Conclusio also scheint mir so gewitzt wie bitter. Weil ich hier nicht spoilern will, muss ich es sehr abstrakt ausdrücken: Unsere Gesellschaft belohnt Brutalität, zieht sie regelrecht heran, schon sehr lange und immer noch ungebrochen. Wer hinguckt, kann es sehen. Hingucken müssen wir aber, auch wenn das oft keinen Fun-Faktor hat, ermüdet, frustriert, Ohnmachtsgefühle erzeugt … Beton Rouge liefert jedoch keinerlei Tusch, kein pathetisches So-ist-das-Zeigefingerstatement, sondern erzählt einfach eine Verbrechensgeschichte mit Ermittlung und dazwischen Alltag und Leben mit Frust und Abwegen, und irgendwann ist da das Ende.

Mich fasziniert aber, wie Simone Buchholz das erzählt, wie sie es klingen lässt. Bei der Tagung „Krimis machen 3“ spät Abends, sitzen trinken schwätzen, sagte einer zu mir über Beton Rouge: »Ein Buch wie ein Popsong.« Gutes Bild, finde ich – aber trifft es doch nicht ganz. Denn es ist wahr, dass ihre Krimis wie Songs sind, wie Musik. Aber ich bin ein Kind der 1960er. Ein Popsong, das ist für mich Dancing Queen oder so was. Diese Krimis sind aber nicht wie Abba, ganz und gar nicht, kein Stück. Schon eher Led Zeppelin, Dazed and Confused. Oder kennt ihr noch masCarolyn Mas? Sittin in the Dark? So. Rotzig, rau und treibend, mit Groove und Dreck und Feeling und einer wehmütigen Süße im Bauch.

Mag sein, dass es was Persönliches ist. Die Art, wie Simone Buchholz schreibt, hat mir seit jeher ans Herz gegriffen, das ist bei den letzten Büchern stärker geworden. Ich finde sie bewegend. Eine Erzählstimme, ein Sound, eigen, aber nicht maniriert, cool, flapsig, hartgesotten, doch darunter lauert ein hilflos-klebriger Kern aus Romantik, aus „Ich will, dass die Welt besser ist, als sie ist, und ich hänge an allem, was diesem Wunsch ein kleines bisschen Zuhause gibt“ – das ist für mich ein ganz zärtlicher Impuls, der Liebe und Protest zusammenbringt, so empfinde ich selbst, und wie Riley sich dauernd selbst kommentiert und manchmal anschreit, das kenne ich gut. Was diese Schreibe also mit mir macht: Sie verbindet mich mit meinem Früher. Ziemlich abgefahrener Effekt. elseMit der großmäuligen, leicht zu beeindruckenden jungen Frau, die noch nicht wissen konnte, dass sie mal die wird, die ich jetzt bin. Die aber immer schon ganz viel bewegen wollte. Damals mochte ich mich nicht besonders, von heute aus gucke ich liebevoller auf dieses unsichere, strampelnde Wesen, das ich mal war. Vor allem, wenn ich gerade einen von diesen Krimis gelesen habe, weil sich in diesem Sound, diesem Blick auf die Welt ein irgendwie hemmungsloses Gefühl wiederfindet, das ich schon hatte, als ich noch über ganz wenig Lebenserfahrung verfügte, und das ich heute noch habe, und ohne das ich nicht ständig versuchen würde, Kultur zu machen.

Inzwischen bin ich eine Verlegerin, die sich im Genre ein wenig auskennt, und eine impulsive Semi-Intellektuelle, die immer was verändern will (fast schon manisch das), und gute Krimis verschlinge ich nächtens en masse wie als Kind getrocknete Aprikosen. Ich verlange von ihnen, von den Krimis oder ihren Autorinnen und Autoren, dass sie etwas mit mir machen, dass sie mich bewegen. Dann kann ich wieder da raus gehen und selber was zu bewegen versuchen in diesem Morast, den wir um uns haben und von dem ein kleines, manchmal im Warenwahn ertrinkendes und manchmal trotzig oder auch ganz unbefangen funkelndes Stückchen „Kultur“ heißt. Vielleicht ist ja dieser gefühlte Rückbezug auf meine Wurzeln, meine Antriebsenergie total subjektiv und ganz allein mein Film.

Oder Buchholz mit ihrem spezifischen Sound kriegt da etwas zu fassen, was selten ist, ein Stückchen Wahrheit über den Konflikt, der uns lebenslang begleitet, wenn wir die Welt und die Menschen eigentlich lieben, aber trotzdem hingucken und sehen, was alles gar nicht geht. Jedenfalls hat sie eine Sprache gefunden für das Bauchgefühl, das dem Zynismus nicht das Feld überlassen will, obwohl es allen Grund dazu hätte, und wenn das nötige Gegengewicht zu Trauer und Wut über den Zustand der Welt der Geruch einer Kneipe ist oder die Spiegelung in einer Pfütze auf St. Pauli, dann ist es das eben.

Mich haben dieses Jahr mehrere deutschsprachige Romane aus dem Genre und seinem direkten Umfeld extrem beglückt, mg-hellweil sie mit Courage und intelligenter Empathie den Finger in die Wunden legen und große, relevante Geschichten erzählen. Ein paar davon durfte ich selbst verlegen. Monika Geier: Alles so hell da vorn empfinde ich als unerhörtes Glanzstück einer Meisterin des klassischen Krimis, die Leichtigkeit mit Wucht verbindet und die Banalität des Bösen mit Humor, ein hochaktuelles Kunstwerk voller Zorn und Mut und delikat-bissiger Heiterkeit. Und driftDrift von Anne Kuhlmeyer ist für mich eine verblüffende Ver- und Entführung, die aus der realistischen Bodenhaftung des Genres einen fliegenden Teppich macht und mich literarisch über Grenzen trägt – dieses Buch wird noch lange weiter entdeckt werden, wenn die Furcht vor dem Überschreiten althergebrachter Muster etwas nachlässt.

Auch in anderen Verlagen haben Autorinnen Meilensteine herausgebracht, die meiner Meinung nach sehr dazu beitragen, das hiesige Genrespektrum aus den tapsigen Kinderschuhen zu hieven, in denen es seit Langem verharrtzb-liefDie Lieferantin von Zoë Beck verknüpft die folgenschwere Wurschtelei in den kleinen Leben Einzelner mit einer etwas weitergedachten Zuspitzung aktueller Politik und Technologie zu einem hochspannenden, dabei beeindruckend kühl servierten Intrigen- und Gesellschaftsplot von schwindelerregenden Dimensionen.

Und Simone Buchholz legt mit Beton Rouge diesen Riley-Krimi hin, der zwischen den Zeilen, aber auch ganz ausdrücklich das Ausmaß der herrschenden Brutalität vorführt und einen originären Ton für die Trauer darüber findet. blumen

So vehement, so gekonnt und so vielfältig kann das deutschsprachige Spannungsgenre also blühen.

Danke, Ladies.

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Ganz kleine Geschichte aus dem Osten

west1Westwind

Der Wind war wach, als die Stadt noch ihren Stadtschlaf schlief. Ich ließ Platz zwischen mir und dem Mann, damit er hindurchwehen konnte. So gingen wir an den bröckelnden Fassaden vorbei. Er müsse nach Westen, heute, sagte er. Wir hatten lange bei Uschi gesessen, im Nachtclub. Ich hatte ihm ausgeholfen, über meine Verhältnisse hinweg. Wir verschwiegen die Nacht hinter uns, die voll war von Staunen, Lachen, Neid und Liebe, die letzte ihrer Art. Nach Westen also. Dorthin, wo die Karte bleich war, freies Territorium, ab Helmstedt schon. Eine Minute standen wir bei seinem Wagen und froren. Er hätte mich küssen müssen, „Schau mir in die Augen, Kleines“ und so, doch er gab mir einen Schein, 50 Westmark im Ganzen. „Es ist nicht so gemeint“, sagte er. „Nicht, wie du denkst.“ Ich lächelte für draußen. Er sah unglücklich aus. Er war kein schlechter Mann. Ich nahm den Schein, den Schmerz und meinen Stolz und schenkte alles dem Wind. Die Scham ließ ich ihm.

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Ich bin halt eine Emanze

05_16_GL2s_sw1von Gudrun Lerchbaum

Ich war neun, als ich mit zwei Freundinnen über den Zaun der Kirchwiese kletterte, wo eine Gruppe von Jungs zwischen den Kirschbäumen Fußball spielte.

„Wir wollen mitspielen!“, schrie ich.

Die Jungs sammelten sich und kamen in V-Formation auf uns zu. „Haut ab! Mädchen spielen nicht Fußball!“

„Ab jetzt schon“, sagte ich, schlug dem Anführer den Ball aus der Hand und kickte ihn zu einer meiner Freundinnen, die ihn vom Boden aufhob und dem Jungen zurückwarf.

„Blöde Emanze!“, schimpfte der.

Sie nahmen ihr Spiel wieder auf, ohne uns, und wir gingen lustlos zum Spielplatz, wo mich meine Freundin zu überzeugen versuchte, dass sie mich nicht verraten, sondern beschützt hatte.

fuß

Etwas hatte sich trotzdem verändert. Ich war jetzt eine Emanze und was auch immer das sein mochte, es gestattete mir, angebliche Jungssachen zu tun. Zwar war ich vom Fußballspiel weiterhin exemplarisch ausgeschlossen, doch beim Floßbauen auf dem Mississippi (=Froschtümpel) akzeptierten sie mich ebenso, wie bei den freihändigen Fahrradrennen die abschüssige Straße hinab und anderen Abenteuern, denen ich immer zugeneigt war. Wann immer mein Geschlecht zum Thema wurde, zuckte ich mit den Schultern und sagte: „Ich bin halt eine Emanze!“ Weiterlesen

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Unsichtbare Frauen über 40 mit Kleidergrößen über 40, oder: Warum wir unsere Gewohnheiten ändern müssen

von Zoë Beck

Natürlich ist es nichts Neues, was in der von Maria Furtwängler beauftragten Studie herausgekommen ist. Am Theater hatte ich vor zwanzig Jahren mit Schauspielerinnen zu tun, die genau das sagten: Gute Rollen gibt es nur für Männer, und ab dreißig wird’s für Frauen düster. Jetzt höre ich es seit über zehn Jahren von den Sprecherinnen im Synchronstudio: Frauenrollen sind dünn gesät, und wenn, sind sie für jung klingende Frauen. Es gibt Produktionen, bei denen auf Diversität geachtet wird („Orange Is The New Black“ ist das bekannteste Beispiel), ohne dass es nach Quoten-Irgendwas aussieht, sogar beim urenglischen „Inspector Barnaby“ hat sich endlich vieles verändert, aber was für die lineare Ausstrahlung im deutschen Fernsehen gedreht wird, scheint nicht dazuzugehören.

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Schildkröte, vermutl. über 40 Jahre alt.

Die Studie liefert nun also Zahlen für das, was ohnehin schon seit Jahrzehnten alle wussten, und gewisse Fernsehjournalisten (männl.) finden diese Zählerei trotzdem irgendwie unbehaglich, es könnte ja der status quo in Gefahr geraten. Kommentatoren (männl. in der Mehrzahl, aber auch nicht wenige weibl.) in den sozialen Medien schreiben gern darüber, der Publikumsgeschmack sei nun mal danach, warum also irgendwas ändern, wenn sich die Menschen nun mal nicht so gern (alte) Frauen ansehen und sich lieber von Männern die Welt erklären lassen. Weiterlesen

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Mein Unbehagen beim Büchermachen

Glass-Shore_Art2Von Gabriele Haefs

Das Problem mit diesem Unbehagen ist, dass ich es für den Moment noch nicht richtig in Worte fassen kann. Es ist nur da und es ist sehr präsent. Der Auslöser war ein eigentlich sehr gutes Buch mit Erzählungen von Autorinnen aus Nordirland – also der geographischen Region: die Autorinnen kommen auch aus den Counties, die heute zur Republik Irland gehören. Die Erzählungen entstanden zwischen 1840 und 2010, alle wurden auf Englisch geschrieben, und die Autorinnen sind manchmal sehr pro-irische Unabhängigkeit, manchmal sehr pro-britisch, bei einigen ist keine Meinung in dieser Frage zu bemerken, alle vertreten feministische Standpunkte, auch wenn sie nicht immer zu den Frauenbewegungen ihrer Zeit Stellung beziehen.

17.7.Die Geschichte „Eugenia“ von Sarah Grand (1854 – 1943) ist eine Art Kriminalgeschichte mit Rahmenhandlung. Die Kriminalgeschichte ist hinreißend. Eine Braut fordert den Bräutigam dazu heraus, bei herannahender Flut am Strand entlangzureiten, um zu sehen, wer schneller ist, das Wasser oder sie beide. Die Braut kommt durchnässt zu Hause an, der Bräutigam ertrinkt. Tragischer Unfall oder eine List der Frau, die den unerwünschten  und von ihrer Familie ausgesuchten Mann loswerden will? Die Autorin hat eine traditionell klingende  Ballade ersonnen, in der immer wieder die Zeile vorkommt „o wild, o wild, ah, well-a -day, does the bridegoom note that the bride is gay?“, die dann auch in der Rahmenhandlung auftaucht (und der Leserin noch Tage später im Kopf herumspukt). In der Rahmenhandlung wiederholt die Heldin das Manöver, sie und der Verehrer kommen zwar heil zu Hause an, aber er hat sich als Feigling blamiert. Er ist auch kein Mann nach dem Herzen einer selbstbewussten Frau von 1850. Wahnsinnig stolz auf seinen adligen Namen, hat all sein Geld vertan und will nun reich heiraten. Sie aber liebt ihren Nachbarn, der ist arm, aber ehrlich und fleißig, und Geld hat sie ja selbst. Doch weil er nicht in den Ruf geraten will, dass es ihm aufs Geld ankommt, geht er ihr aus dem Weg, und also muss sie ihm selbst einen Heiratsantrag machen. Damit ist also alles gut. Weiterlesen

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Gesellschaft aus dem Ehebett betrachtet

511bdbxDrsL._SX345_BO1,204,203,200_Ehe für alle – ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichstellung. Aber was es mit der Ehe auf sich hat … Liebe und so? Ich denke, sie ist ein Vertrag mit dem Staat und es gäbe noch einiges zu tun an den Vertragsbedingungen. Lena Blaudez hat 2013 ein Buch publiziert, dass sich mit diesem Vertrag befasst, auf sehr unterhaltsame Weise:

Rosa ist der Einband des Buches mit Icons darauf wie Sticker: Brautleute und Herzchen (man ist versucht, sie abzuziehen). Außerdem kommt es im Stil von Frauenzeitschriften und als Quiz, wie der Titel schon sagt, daher. Ganz harmlos, eigentlich. Doch gleich auf den ersten Seiten werden wir gewarnt. Und das zu Recht!

Der Klappentext erklärt noch, dies sei ein Buch für „Heiratswillige und Frischverheiratete“. – Mag sein, ja, das auch.
Doch vielmehr ist es ein Buch über den Zustand unserer Gesellschaft. Aus dem Ehebett betrachtet. Man glaubt es vielleicht nicht, aber es ist ein wirklich guter Ort, eine sinnvolle Perspektive für eine solche Analyse.
Amüsant und leichtfüßig wird die ungleiche Verteilung von ökonomischen Ressourcen zwischen Männern und Frauen erörtert, wie Machtverhältnisse zementiert werden, zu wessen Lasten sich die Ungleichheit auswirkt und auf welche Weise sie konsolidiert wird. Das klingt ganz und gar unspannend. Schließlich wissen wir alle, dass Frauen die Kinder betreuen, weil Männer mehr Geld verdienen, oder besser – mehr Geld bekommen für die gleiche Arbeit. Aber glauben wir das auch? Und wissen wir, welche biopsychosozialen Auswirkungen das hat? Wie viel wissen wir über die Funktion tradierter Rollenverteilung als Ursache für häusliche Gewalt? Weiterlesen

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Von den Früchten der Erkenntnis und unverblümtem Lesegenuss

Ein Résumé zur Aktion Autorinnenzeit

Von Gudrun Lerchbaum

05_16_GL2s_sw1Es begann mit einer Irritation. Der Autor Sven Hensel hatte in seinem Blog dazu aufgerufen, im Mai der Literatur von Frauen besondere Aufmerksamkeit in sozialen Medien zu widmen. Hashtag Autorinnenzeit. Männer bekommen deutlich häufiger Literaturpreise, dominieren Empfehlungslisten von Influencern ebenso wie Schullektüren und werden auch in dieser Branche besser bezahlt. Das muss sich ändern, darin stimme ich mit Sven Hensel überein. Dass dem Aufruf eines Mannes, Frauen mehr zu würdigen, in meinen Ohren zunächst ein caritativer Touch anhaftete, schrieb ich einem Rest unangebrachter Opferhaltung zu. Einmal tief Luft holen, sich strecken und schon sieht man Solidarität, wo vorher Herablassung dräute.

Das Projekt

Ich beschloss, das Thema verbesserter Präsenz von Autorinnen mit einer Bestandsaufnahme zu verbinden und meine Regale dem Alphabet folgend nach von Frauen geschriebenen Büchern zu durchforsten. Bilder dieser Bücher postete ich auf Facebook und bat die Leser.inn.en, nach dem gleichen Muster zu verfahren. So einfach die Aufgabe scheint, so sehr überraschte es mich, auf wie vielen Ebenen eine klare Handlungsaufforderung missverstanden oder ignoriert werden kann. Weiterlesen

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Nix für Mädchen

mädchen und jungen

von Gabriele Haefs

Nun war ich zu einem Seminar in Norwegen eingeladen, und es ging natürlich um das Übersetzen. Den Besuch der norwegischen Kulturministerin und das unglaublich grauenhafte Sakko ihres persönlichen Sekretärs zu beschreiben, würde im Moment zu weit führen, ich werde aber bestimmt noch ausführlich darüber schreiben. Hier geht es um die Vorbereitungen zum Seminar, die mir arges Kopfzerbrechen bereitet haben. Wir sollten das erste Kapitel eines Buches übersetzen und dann über die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten diskutieren. Das Buch ist eine Dystopie, verkauft sich in Norwegen wie blöd, und es geht so los: Der Ich-Erzähler, Brage, denkt daran zurück, wie sein Leben vor der Katastrophe war. Er war ein ganz normaler Junge, findet er, er ging zur Schule, fand seine Eltern doof und spielte Fußball. Und schwärmte für Frida aus seiner Klasse. Doch als er sich einmal ein Herz fasste und sie fragte, was sie am Wochenende unternehmen wollte, sah sie ihn nur verachtungsvoll an. Weiterlesen

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Positionen – Simone Buchholz

 

DA MÜSSEN WIR DRINGEND NOCHMAL RAN

Von Simone Buchholz

Buchholz(c)Achim_Multhaupt-11_SVIch bin in einem Haus aufgewachsen, in dem es selbstverständlich war, dass Frauen arbeiten, und so bin ich dann auch erzogen worden: Mach dein eigenes Geld, sei finanziell unabhängig. Gleichzeitig lief in den Frauenköpfen unserer Familie aber auch noch ein anderes, viel älteres Programm: Sei eine gute Frau, koche, putze, und achte verdammt noch mal darauf, wie du aussiehst. Außerdem hab ich fast ausschließlich mit Jungs gespielt, damals auf dem Dorf gab es nicht so viele Mädchen. Also stand ich früh auf dem Bolzplatz im Tor und hab Bälle ins Gesicht gekriegt, ich hab gelernt, wie eine ordentliche Mutprobe aussieht (in Unterhosen durchs kindshohe Brennnesselfeld) und wie man Bandenchefin wird (Maul aufreißen), und ich hab gelernt, das alles mit hartem Humor zu versehen. Dann bin ich früh ausgezogen und zum Philosophiestudium in eine andere Stadt gegangen. Weiterlesen

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