Einmal „Girl des Tages“ sein und dann sterben

Aus der Reihe: Birgit und ich

Seit Monaten, oder Jahren?, also Äonen in der Zeitrechnung virtueller Kommunikation beobachte ich das „Girl des Tages“ auf t-online.de. Jeden Tag räkelt sich ganz unten auf der Seite, wenn man sich durch Kriege, Unwetter, Hunger und Tod, durch Gesundheits- und Gartentipps, Kleidchenwerbung und Tiervideos gescrollt hat, eine hingegossene, schmollmündige, unwesentlich bekleidete Schönheit. Jeder kann sie sehen und bewundern, jeder, in der ganzen Welt.

MudndWelch ein Ruhm, dachte ich und in mir wuchs der Wunsch, endlich selbst einmal „Girl des Tages“ zu werden. Ein geheimer Wunsch, der im Verborgenen gedieh und wucherte, bis in meine Träume hinein. Einmal so viel Weib sein unter aller Augen! Also endlich meiner Bestimmung als Frau entsprechen – Schönsein und dekorativ repräsentieren. Nur wenn ich morgens nach der Dusche und vor der Arbeit an meinem Spiegelbild vorbei huschte, blitzte kurz die Realität meiner Unzulänglichkeiten auf. Die fingen am ergrauenden Scheitel an und hörten an der nachgebenden Kinnkontur längst noch nicht auf. Eines Sonntags, als ich mir Zeit und Mut nahm, der erschütternden Wirklichkeit die gefurchte Stirn zu bieten, musste ich zugeben – ich bin eine einzige Problemzone. Früher, bevor mir dieses elfengleiche Geschöpf „Girl des Tages“ aufgefallen war, gab es keine Problemzonen an meinem Körper. Problemzonen waren der Süd-Sudan oder Afghanistan. Nicht ich. Ich hatte Beine, Arme, Bauch und vor allem Kopf. Und Kleider, mit denen ich den größten Teil meines Körpers verhüllte, jedenfalls meistens und in der Öffentlichkeit. Ich fand das in Ordnung. Bis zum „Girl des Tages“. Seit ich sie kannte, schlief ich nicht mehr. Es war so toll, das Girl, und ich nicht. Ein paar Tage lang überlegte ich, einen Termin bei der Psychiaterin zu machen, wegen der Schlaflosigkeit. Ich hatte schon ihre Nummer gewählt, als mir einfiel, sie könnte auch eine Elfe, eine Femme fatale gar und selbst einmal „Girl des Tages“ gewesen sein. Ich legte auf und weinte.

Birgit klingelte nicht. Sie kam einfach über die die Terrasse herein wie immer und stellte eine Flasche auf den Küchentisch, wie immer. Birgit ist meine Nachbarin und wir machen schon mal Sachen zusammen. Roten trinken zum Beispiel.

„Was ist los?“ Sie legte ihren Kopf mit dem aschblondierten Strubbelhaar schief.

„Ich bin so hässlich.“ Ich trompete in mein Taschentuch, fasste mich ein wenig, weil sie da war, und gestand ihr meine Not.

PintchenSie goss uns zwei Pintchen voll, die sich sehr schnell leerten, füllte nach und machte: „Hm, hm.“

„Was?“

„Du kannst nicht Girl des Tages werden. Du bist alt.“

Ich heulte wieder los und sie tätschelte mir die Schulter, während sie erneut eingoss. Nachdem wir drei Rote weiter waren, machte sie noch einmal: „Hm“, weicher nun, mütterlich geradezu, sagte: „Du kennst doch Luc. Der ist jetzt mit Mona zusammen.“

„Aha.“ Ich schniefte.

„Mit Petra, sie nennt sich Mona, seit sie Girl des Tages war.“

„Petra? Echt? Die von der EDEKA-Kasse? Ist mit mir in die Schule gegangen. Luc könnte ihr Sohn sein.“

„Sei nicht so spießig. Luc ist Photoshopnerd. Außerdem braucht er ein bisschen Stabilität, wenn er Vater werden will.“

Ich verschluckte mich am Roten, hustete. „Er will … Mit Petra? Was sagt ihre Enkelin dazu?“

„In Tschechien könntest du dir die Tittis machen lassen. Ich weiß nicht, ob da mit Photoshop noch was zu reißen ist.“ Sie grinste.

„Wenn das alles wäre.“ Eine Träne tropfte in den Roten. Ich trank, Birgit füllte auf.

„Komm schon. Wir kriegen das schon hin. Jetzt üben wir erstmal Kussmund, dann mache ich ein schickes Bild von dir und du fragst Luc, was er glätten kann.“

Birgit war eine echte Freundin, obwohl sie Schlupflider, Krähenfüße und Cellulitis hatte und ihre Shorts am Hintern klemmten. Mir wurde ein wenig leichter vor Liebe. Und vom Roten. Ich nahm eine Zigarette aus der Packung, die sie mir hinhielt und paffte eine weitere Schicht Kalk in meine Coronarien. Auf der Packung stand, ich könne impotent werden. Doch nach den nächsten zwei Roten war mir das egal. Wir schwiegen eine Weile, bis ich fragte: „Was wollestu eigentlisch?“

1222xSie legte ein Buch auf den Tisch. Lady Bag von Liza Cody.

„Kennisch“, sagte ich und fühlte ein unperfektes Grinsen auf meinem Gesicht.

„Uns geht’s ganschöngut, ne?“

Ja, dachte ich. Lady Bag musste um ihren Roten kämpfen, draußen auf der Straße, allein. Ich stellte eine einfach eine neue Flasche auf den Tisch. Birgit knipste ein Selfie mit Kussmund von uns. Ich zeigte Birgit das „Girl das Tages“ auf der Website. Sie schob die Lesebrille auf die Nase und stach den Finger aufs Display. „Das sind Tittis aus Tschechien, siehste. Und die hat ja gar nix an. Ganz schlecht für die Wirtschaft.“

(Erdogan entlässt die Intellektuellen aus den Universitäten, Trump redet Hass in die Köpfe alter weißer Männer, Mittel gegen Blähungen, das Wetter regnet, das „Girl des Tages“ schmollt.)

Wir kicherten, prosteten uns zu und verschoben das Sterben auf später. Ich fand uns ziemlich okay.

 

 

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Amokläuferinnen gibt es nicht

a 1001 lisa u richard August 13 KopieDer Amoklauf ist ein Problem, das uns Männer aufbürden.

So beschreibt das ausführlich Beate Weber in ihrem Artikel in der Sonntagszeitung. „Wir haben uns derart daran gewöhnt, dass es fast immer Männer sind, die töten- es erscheint kaum erwähnenswert“, schreibt sie. Männer töten gern. Drei Mal so viele begehen Selbstmord wie Frauen, und immer wieder nehmen sie dabei ihre Kinder und Frauen mit. Man nennt es erweiterten Selbstmord, und das ist auch das, was beim Amoklauf geschieht.

Für die Süddeutsche Zeitung hat Hannah Beitzer bereits 2010 ein halbes Dutzend Taten von Amokläuferinnen ausgegraben. Interessant, dass diese Taten, ganz anders als die von Männern, in den Medien nicht hochgespielt und nicht tage- oder wochenlang mit Detailinformationen und Spekulationen gefüttert worden sind. Ich wette, so gut wie niemand erinnert sich an sie. Im selben Jahr stellt  Cinthia Briseño im Spiegel fest: „Es wird geschätzt, dass nur jeder Zwanzigste (Amoklauf) von einer Frau begangen wird. Von den 120 zuletzt registrierten Amokläufen an Schulen weltweit sind 106 von jungen Männern verübt worden.“ Ein Kriminalpsychologe bemerkt in dem Artikel dazu, Frauen hätten eine bessere innere Widerstandsfähigkeit, um mit Enttäuschungen und Kränkungen umzugehen. Männer seien bei Konflikten, Krisen und Beziehungsproblemen verletzlicher und neigten dazu, ihre Aggressionen in Gewalt umzuwandeln. So ähnlich sieht es auch Beate Weber. Ein Gefühl der Ohnmacht werde beim Amoklauf umgewandelt in das Erleben von Allmacht.

Die meisten Morde, wenn nicht überhaupt alle, werden aus dem Bedürfnis heraus begangen, die Umgebung zu kontrollieren. Männer töten Frauen, die sich von ihnen trennen wollen. Sie gönnen ihnen keinen Eigenwillen. Frauen töten ihre Männer, weil sie anders nicht von ihnen loszukommen glauben (seltener). Töten als ein Mittel, die Umwelt zu ordnen, die sich den eigenen Wünschen widersetzt. Dabei nützt auch der Wahnsinn einer Ideologie, die ohnehin grundsätzlich auf Unterwerfung und totale Kontrolle der Welt ausgelegt ist. Oder Rache, das Töten zur Strafe, weil es sonst keiner tut. Immer geht es um „Ich bestimme, wie die Welt zu sein hat, in der ich lebe.“ Um Kontrolle.

Umgekehrt gesagt: Kontrolle tötet. Und zwar immer und überall. Nicht immer biologisch, viel öfter psychologisch. Aber sie beendet Lebendigkeit. Denn das Leben ist dynamisch und eigensinnig. Das Leben vieler Menschen an einem Ort, in einer Stadt, einem Dorf, einer Familie, ist ebenfalls dynamisch, chaotisch, von vielerlei Interessen und Konflikten geprägt. Wer das nicht aushält, reagiert mit Kontroll-Techniken: etwa Streitbereitschaft, die allen die Laune verdirbt, Strafmaßnahmen gegen Freund/innen, Mobbing. Jede Art von negativem Verhalten anderen gegenüber ist ein Versuch, Kontrolle zu gewinnen. Wenn ich im Kolleg/innenkreis immer Streit provoziere, dann weiß ich, wie die sich fühlen: nämlich mies. Auch eine Form der Kontrolle. Viele Eltern halten ihre Kinder mit einem System von Belohnung und Strafe in mehr oder minder leichter Angst und damit unter Kontrolle. Und Männer (seltener Frauen) erprügeln sich die Kontrolle über ihre Familienmitglieder. Eine Neonazi-Gruppe terrorisiert ein Dorf (gerne auch mit Hilfe von Frauen) und seine Umgebung, bewaffnete Gruppen terrorisieren Länder und Landstriche durch barbarisches Verhalten. Mächtige Männer – Diktatoren oder Konzernchefs – kontrollieren die Art und Weise, wie andere sich ihnen gegenüber verhalten, nämlich devot und unkritisch.

Wenn wir uns das Weltgeschehen angucken, dann sieht es so aus, als ob Männer ein größeres Kontrollbedürfnis hätten als Frauen. Das wiederum kann ich mir nicht vorstellen. Womöglich ist es vielmehr so, dass Männer nicht wissen, wie sie Kontrolle anders gewinnen können als mit Gewalt. Jedenfalls ein auffälliger Teil der Männer, denen andere, subtilere und auch anstrengendere Methoden der Kommunikation nicht zur Verfügung stehen.

Unser Kultur unterstützt sie nach besten Kräften dabei. Sie macht sie zu Helden oder Anti-Helden, was dasselbe ist. Medien und Öffentlichkeit scheinen sich einig, dass in der Terrorgefahr etwas Unvermeidliches steckt. Sie reden die Gefahr von Tag zu Tag größer und richten ihren Fokus auf jeden Gewaltakt, der Frauen und Kinder als Geiseln nimmt und/oder tötet. Auch das ist eine Form der Kontrolle: Angst verbreiten. Eine Kontrolle, die die Medien über uns – die normalen Menschen, die wir in der historisch größten Sicherheit leben, die wir in Deutschland je gehabt haben – verhängen. Wer Angst hat, saugt jede Bestätigung der Angst begierig auf und hängt am Fernseher und in Facebook, sobald es Tote gab. Auf einmal sehen wir uns in einer gewalttätigen Welt leben, in die wir uns nicht mehr unbefangen hinaus trauen. Ein guter Coup des Patriarchats. Die einen drohen, die anderen warnen. Beide zusammen schränken unsere Bewegungsfreiheit ein.

In einem scheinen sich die Organisatoren unserer Angst einig: Frauen in Angst sind besser als Frauen, die keine Angst haben und womöglich den Männern ihre Spiele verbieten. (Denn machen wir uns nichts vor: Frauen wollen ja ihre Umgebung genauso kontrollieren wie die Männer.)

Während Amokläufe von Frauen schnell vergessen sind (passt nicht ins Raster unserer Genderordnung), tut die Öffentlichkeit alles, um die monströsen Gewaltakte von Männern in unseren Gedächtnissen zu verankern. Nehmen wir an, dass die Männer, die in Rundfunk- und Fernsehanstalten tätig sind, nie im Leben daran denken würden, irgendwem physisch etwas zuleide zu tun. Sie sind jedoch spürbar fasziniert von diesen Massenmördern (männlich!) und nennen sie „einsame Wölfe“. Der einsame Wolf steht durchaus nicht negativ für Unabhängigkeit und Gefährlichkeit. Er steht  für das heimliche männliche Ideal der Stärke und Unbeugsamkeit. Der einsame Wolf lebt nicht fremdbestimmt, er bestimmt, wie er lebt. Und wer ihn stört, der wird totgebissen. Der einsame Wolf ist ein Kino-Held.

Die große Frage, die sich mir stellt, ist: Was machen wir denn nun? Was macht man gegen die unvorstellbare Barbarei des IS, gegen die absurden Amokläufe mit und ohne schnell zusammengezimmerte islamistische Begründung? Was machen wir gegen die offensichtliche Lust der Männer am Massenmord? Was könnten wir tun?

Zunächst einmal lassen wir uns nicht die Schuld geben. Fragen wie die, ob das Umfeld (sprich die Mutter) nicht hätte erkennen können, dass ihr Sohn sich gerade zum Amokläufer umerzieht, verschieben die Verantwortung wieder auf diejenigen, die keine haben. Wer mal versucht hat, in den Kopf eines 17-Jährigen reinzukommen, weiß, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich gegen Einflüsse, mit denen er sich nicht auseinandersetzen will, zu verschließen, zu lügen, zu schauspielern, nett zu sein und einen Mord zu planen. Und dennoch kommt uns allen hier bestimmt der Gedanke: Wie müsste man jungen Männern beim Großwerden denn helfen, was muss man ihnen bieten, damit sie mehr Frustrationstoleranz aufbauen und sich andere Mittel der Auseinandersetzung und der Selbstbehauptung aneignen, als diese Flucht in Gewalt. Geht das überhaupt, oder wird es immer einen Prozentsatz junger Männer geben, die vom Töten träumen und es auch tun? So wie es von allem Abartigen immer einen bestimmten Prozentsatz unter den Menschen (aber auch in Tiergesellschaften) gibt, weil die Dynamik der Genetik unser Überleben garantiert, etwa für Phasen, wo solche Begabungen nötig sind. Zum Beispiel in Kriegen, die wir überreichlich führen, vielmehr, die die Männer führen als gäbe es nichts anderes, um Konflikte zu lösen. Also jetzt gerade in unserer Zeit.

Manchmal denke ich, es wäre schon viel gewonnen, wenn wir diesen geltungssüchtigen Kontrollfreaks nicht eine derartige mediale Aufmerksamkeit geben würden. Worüber niemand redet, erscheint nicht mehr als Ziel, wenn das Ziel ist, als Amokläufer  gesprächswert zu werden. Was wir nicht interessant finden, das ist nicht interessant. Ein Amokläufer, der sich keine Hoffnung machen kann, mehr als ein paar Mal und nur äußerst nüchtern in tagesaktuellen Nachrichten vorzukommen, würde sein Ziel verfehlen und kann es lassen. Aber das Gegenteil passiert. Die jungen Männer sehen, wie alle Fernsehsender stundenlang fasziniert der kleinsten „Wir wissen es noch nicht“-Meldung hinterher hecheln und Dutzende von Fachleuten ankarren (Terrorexperten sind immer männlich!), die sich mit Täter-Motiven befassen (also mit ihnen, den jungen Männern), und wie Twitter und Facebook in lustigen Falschmeldungen überschlagen, die nur eins zum Ziel haben: Panik verbreiten. Nicht nur, dass wir an diesem Wochenende Nachahmertaten hatten, wir hatten auch Medien, die jede Gewalttat dankbar aufgriffen und in einen Amoklauf mit oder ohne islamistischem Hintergrund (am liebsten natürlich mit) verwandelten. Das mediale Interesse hat vermutlich mit dem Interesse der meisten Menschen nichts zu tun, erzeugt aber eine Wichtigkeit, Präsenz von Gewalt und Angst, die sich wieder in Interesse ummünzt, mit der dazu passende Nachrichten aufgesaugt werden.

Hört das denn nie auf?, diese Frage wird derzeit ständig zitiert. Wir hätten es in der Hand, dass es aufhört. Wir müssten unsere mediale Aufmerksamkeit für abartige Taten drastisch zurückfahren und uns selbst und der Welt zeigen, das wir uns für andere Dinge mehr interessieren: für eine Ende des Walfangs, für ein faires Welthandelsabkommen, für Friedensverhandlungen, für die Neuregelung des Erbrechts, für eine Bildungspolitik, die allen Kindern gleiche Chancen gibt.

Jetzt können wir, die wir das hier lesen, natürlich die Medien nicht beeinflussen. Aber wir können unser eigenes Interesse justieren. Uns nicht irre machen lassen. Uns nicht der virtuellen Welt der Medien anvertrauen. Selber denken, selber fühlen, menschlich bleiben in einer gewaltfreien Kommunikation.

 

 

 

 

 

 

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Anderen sagen, wie sie sich fühlen sollen.

Alltag: Eine junge Frau, die in einem männlich dominierten Umfeld arbeitet, weist ihre Kollegen auf eine sexistische Äußerung hin. Die finden das nicht schlimm, sie haben ja nur einen „Frauen sind soundso“-Spruch gemacht, soll sie sich mal nicht so aufregen.

Sie postet es in ihrem Social Media-Umfeld, und auch da geschieht, was in solchen Fällen zuverlässig immer geschieht: Man sagt ihr sie möge sich bitte nicht so aufregen, sei doch alles ganz harmlos.

„Sei nicht so hysterisch.“

„Sieh doch nicht immer alles so verbissen.“

„Entspann dich mal, mit sowas tust du dir keinen Gefallen.“

Wir sind nicht mehr weit von „Lächel doch mal, dann bist du viel hübscher“.

Auch von Frauen kommt oft genug so etwas wie „Also MIR macht das ja nichts aus“ oder „ICH bin schlagfertig genug, um darauf zu reagieren“ oder „Mit Männern komm ich gut klar, und die auch mit mir“ oder oder.

Wunderbar für jede einzelne, die klarkommt. Herzlichen Glückwunsch. Aber es ist ein bisschen so, wie wenn jemand sagt: „Ich bin noch nie ausgeraubt worden, deshalb gibt es kein Problem mit Raub.“ Und nicht nur das – im Grunde wird der Frau gesagt, dass sie diejenige mit dem Problem ist. Sie will nicht akzeptieren, wenn andere beleidigend sind, also stimmt etwas nicht mit ihr. Weiterlesen

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Sexualstrafrecht, Gewalt und Herrschaft

Else Laudan referiert einen Denkanstoß von Sarah Schulman

Angesichts der notwendigen, aber auch oft irgendwie hilflosen Diskussion um Sexualstrafrecht, Gewalt gegen Frauen und die Vorfälle in Köln fand ich einen Artikel von Sarah Schulman hilf- und lehrreich, der einen Blick auf die Geschichte feministischer und staatlicher Gewaltbekämpfung in den USA wirft.

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Sarah Schulman

»Die Polizei rufen – eine Kulturgeschichte« liefert eine knappe historische Analyse und sachliche Betrachtung einiger Widersprüche, mit denen wir es hier auch zu tun haben. Denn Schulman erörtert die Politik um Gewalt gegen Frauen in den USA mit Blick auf soziale Unterschiede, die Abbildungsweisen populärer Kultur und die Tücken institutioneller und rechtlicher Lösungsansätze. Sie erinnert uns daran, wie leicht Engagement und auch Rechtsprechung ins Leere gehen können, wenn soziale Hierarchien unangetastet bleiben. Sarah Schulmans Essay ist nachzulesen in Das Argument 314, ich referiere hier nur ein paar Auszüge und versuche zu zeigen, warum ich diesen Anstoß so wichtig finde.

Nach wie vor ist Gewalt gegen Frauen eine alltägliche Erfahrung, doch heute widmet sich ein umfangreicher rechtlicher und staatlicher Apparat der Erfassung von Missbrauch durch den Partner und von Gewalt in der Familie. Man weiß um ihr Vorhandensein, die Begriffe sind auch umgangssprachlich präsent. Auch wenn viele, wenn nicht sogar die meisten Verbrechen gegen Frauen im Dunkeln bleiben, ist es gängige Praxis geworden, gewalttätige Übergriffe den Behörden zu melden. So zeigen die amtlichen Statistiken von New York City, dass es sich bei 44% der gewalttätigen Übergriffe auf Frauen um Fälle von Missbrauch durch Lebenspartner handelt.

Familie ist ein gefährlicher Ort für Frauen. Schulman erinnert an die Geschichte politischer Bewegungen gegen Unterdrückung, an radikale Zeiten vor dem Backlash:

 Die Bewegungen gegen Armut und Rassismus sowie die Neue Frauenbewegung verstanden Gewalt gegen Frauen und Kinder im Zusammenwirken von Unterdrückungen: Patriarchat, Armut und Rassismus wurden als Ursachen angeführt. Der Feminismus kritisierte die Rolle von Frauen in Familien. Von größter Bedeutung waren die Analysen der gesellschaftlichen Zwänge von Mutterschaft, ihrer Bedeutung für den Selbstwert einer Frau wie auch für ihre familiäre und gesellschaftliche Anerkennung. Erstmals wurde Heterosexualität als eine Institution verstanden, die propagiert und gewaltsam durchgesetzt wird. Unzureichende Möglichkeiten reproduktiver Selbstbestimmung und die Einsicht, dass Kapitalismus Armut hervorbringt und auf sie angewiesen ist, befeuerten diese politischen Analysen und Bestrebungen.

Richtig, so weit waren wir schon mal. Und dann?

Aber viele der anfänglich radikalen Bewegungen wurden bald Ein-Punkt-Bewegungen, reformorientiert, und traten in bürokratische Beziehungen zur Regierung. Auf der Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten wurden einst politisch motivierte Angebote zum Anhängsel städtischer oder bundes­staatlicher Behörden. Die Anti-Gewalt-Politik hat sich, zusammen mit anderen revolutionären Impulsen, von der Bekämpfung von Patriarchat, Rassismus und Armut zu einer Zusammenarbeit mit Einbindung der Polizei gewandelt. Das ist eine tragische Wendung, denn die Polizei ist oft die Quelle von Gewalt, und zwar gerade im Leben von Frauen, People of Color, Transfrauen, Sexarbeiterinnen und Armen. Und die Polizei vollzieht die Gesetze der Vereinigten Staaten von Amerika als eine der größten Gewaltquellen in der Welt. Das Recht ist verfasst, den Staat zu schützen, nicht diejenigen, die durch den Staat zu Opfern werden. Dies führte in einigen Fällen zu zusätzlichen Gewaltakten seitens der Exekutive wie »stop and frisk« (willkürliche Polizeikontrolle, in der eine Person angehalten und durchsucht wird), Racial Profiling (Personenkontrolle aufgrund der Hautfarbe) usw., bei denen im Namen der Gewaltbekämpfung Gewalt ausgeübt wurde. Entsprechende Gesetze erleichterten den Zugang zu den Wohnungen von Armen und das vermehrte Wegsperren von Schwarzen und anderen armen Männern. Statt Frauen und Armen mehr Macht zu geben, lag das Schicksal der Traumatisierten zunehmend in der Hand terrorisierender Individuen, die das Unterdrückungssystem repräsentieren.

Polizei, Gewalt und Herrschaft: Diese leider durchaus unheilige Allianz richtet sich nicht nur in den USA vor allem gegen Nicht-Weiße und Arme. Indessen verbreitet die kulturelle Propagandamaschinerie den passenden psycho-logischen Diskurs.

Während radikale Bewegungen gegen Gewalt verschwanden, erlangte die Polizei die Kontrolle über den offiziellen Diskurs von »Gewaltbekämpfung«. Der Ausdruck dieser Groteske fand sich im Fernsehen wieder. TV-Sendungen wie »Law and Order« oder »Special Victims Unit« konzentrierten sich auf Sexualverbrechen und Gewalt in der Familie. In diesen Sendungen gibt es meist ein vollkommen unschuldiges Opfer, das nichts für den Konflikt kann, von Natur aus »gut« ist und von einem abgrundtief bösartigen Verbrecher verfolgt/missbraucht/angegriffen wird. Die populäre Unterhaltungsindustrie machte die Botschaft klar: Menschen sind entweder Opfer oder Täter, und daher ist die Lösung immer: die Polizei.

Da gibt es kulturell auch eine Parallele zum moonKrimi-Genre in Buchform: Das versimpelte Opfer/Täter-Schema kennen wir vom Ende der 90er eingesetzten Boom der Psycho- und Serienkillerthriller, in denen Polizisten die sicheren Guten sind, als hätte es den nonkonformen dunklen Realismus von Hardboiled und Noir nie gegeben. Das Thema Gewalt wird kulturell zurückdelegiert ins Feld individueller Störungen. Gesellschaft hat damit nichts zu tun.

Die Begrifflichkeiten der Debatte wurden korrumpiert. Sie wurden so vage, dehnbar und unehrlich, dass sie keine klare Bedeutung mehr hatten. Stellt man die Gründe sowohl von Konflikten als auch von Missbrauch in den Mittelpunkt: männliche Vorherrschaft, Armut, Rassismus und fehlende Problemlösungskompetenz, dann erfordert das grundlegende strukturelle Veränderungen im Selbstverständnis und in den Machtverhältnissen. Stattdessen wurde eine simplifizierende, oft destruktive Betonung, wer im Recht und wer im Unrecht sei, wiederholt, so dass wir beteiligt Unbeteiligten schon wissen, wer nun bestraft werden muss.

Das scheint mir auch ein krasses Phänomen hiesiger Diskussionsversuche um Gewalt gegen Frauen: Häufig dominiert die Suche nach Schuldigen, erschallt der Ruf nach Ahndung mit einer Vehemenz, als würde davon alles gut.

Die Polizei zu rufen, kann die Gewalt unterbrechen, ist aber weder geeignet, die Ursachen von Gewalt oder Missbrauch anzugehen, noch die Verwechslung von Konflikt und Missbrauch aufzuklären. Stattdessen führen polizeiliche Interventionen in häuslichen Miss­brauchs- und Konfliktfällen als Erstes zu einer strafenden Reaktion, manchmal bleibt dies die einzige.

Es ist bekannt, dass die meisten sexuellen Übergriffe nicht gemeldet werden, und zwar gerade solche, die sich in Familien abspielen. Viele Menschen wissen nicht einmal, was überhaupt genau ein sexueller Übergriff ist. Und manchmal entsprechen juristische Definitionen nicht dem, wie Menschen ihr eigenes Leben verstehen. Wie bestimmte Erfahrungen manche Menschen für immer zeichnen, während sie andere nicht einmal berühren, macht es schwierig, objektivier­bare Normen von richtig und falsch einzuführen.

Fraglos macht Armut verletzlich, sowohl durch andere Menschen als auch durch den Staat. Unterdrückung, die selbst eine Verletzung ist, erzeugt noch mehr Verletzlichkeit. Mangel an Mobilität, an finanzieller Unabhängigkeit, an Zugang zu Wohnraum, an angemessener Darstellung in den Medien, an Unterhaltung und Künsten, mangelnde Vertretung in der Regierung, mangelnde Gesundheitsvorsorge – das Fehlen all dessen führt zu mehr Gewalt, mehr Problemen, schlechteren Voraussetzungen für strukturelle Problemlösungen, wie Armut sie erfordert und zugleich verhindert.

Menschen aus privilegierten gesellschaftlichen Gruppen können davon ausgehen, dass ihre Anklagen Gehör finden. Es ist offensichtlich, dass Anschuldigungen von Weißen und Angehörigen der Bourgeoisie mit größerer Wahrscheinlichkeit ernst genommen werden als die von Migrantinnen und Migranten ohne Papiere, Armen, Transfrauen und Women of Color.

Daher halte ich die Schlussfolgerung für angemessen, dass die Identifikation mit der Machthierarchie und dem Staatsapparat bürgerliche und weiße Menschen dazu veranlasst, sich eher berechtigt zu fühlen, übertriebene Anschuldigungen vorzubringen und weniger Bedenken zu haben, dass ihr Zugriff ethisch nicht gerecht­fertigt sein könnte. Der Ausdruck »berechtigt« selbst impliziert schon die Erwartung, dass man von anderen etwas fordern kann und es auch erhalten wird.

Auch diesen Widerspruch, um nicht gleich Minenfeld zu sagen, haben wir hier im Kielwasser der Ereignisse in Köln erlebt. Viele Debatten glichen Tennismatches aus gesetzSchuldzuweisungen, die weder die Auseinandersetzung weiterbrachten, noch irgendwem nützten. Wenn ich in der Diskussion um das Sexualstrafrecht das Argument höre, es gehe darum, ein „angemessenes Rechtsempfinden“ zu schaffen, dann fürchte ich, dass an die Gesetzesverschärfung die unrealistische Hoffnung geknüpft wird, sie könne uns weitere Auseinandersetzungen einfach ersparen. Aber das kulturelle Feld, in dem Frauen verdinglicht, entwürdigt und mit psychischer oder körperlicher Gewalt unterworfen werden, ist mit simplem „Rechtsempfinden“ weder erfassbar, noch kann man leicht darin eingreifen – zu fest ist es verknüpft mit Moral- und Machtverhältnissen, die unsere Gesellschaft durchdringen und teilweise sogar definieren.

Einer der Hauptgründe, die Polizei zu rufen, liegt, neben dem, eine Gewalttat zu beenden, darin, dass Menschen aufgebracht sind und jemand anderen bestraft sehen wollen. Wie viele Menschen rufen die Polizei, weil sie wütend sind und sich nicht mit ihren eigenen Handlungen, Verhaltensweisen und Gefühlen auseinandersetzen wollen? Dabei spielt die Einbildung mit, dass die Polizei dem Anrufer oder der Anruferin die Verantwortung für die Lösung des Problems abnehmen wird. Doch immer wieder aufs Neue machen Amerikaner*innen die Erfahrung, dass die Leute, die in den Vereinigten Staaten Polizisten werden, absolut unfähig sind, Probleme zu lösen.

Wie wir immer und immer wieder lernen mussten, bedeutet das Erringen von »Rechten«, solange sie das Herrschafts- und Machtsystem unangetastet lassen, lediglich, dass sich die maßgebenden Mitglieder einer Community Zugang zum Staatsapparat verschaffen, während ihre am wenigsten einflussreichen Mitglieder Objekte ihrer Macht bleiben. Neue Insider erzeugen neue Outsider, solange wir unsere Sicht auf unsere Gesellschaft nicht ändern. Die Probleme einiger Menschen mögen aufgenommen sein, während sie sich für andere verschärfen. Auf diese Weise wird die Autorität des Staates mitsamt den hinter ihm stehenden Interessen legiti­miert und in seinen Instrumenten ausgeweitet.

Das, so meine ich, müssen wir versuchen mitzudenken.

Else Laudan

Quelle der Auszüge von Sarah Schulman:
Das Argument 314, „Wege des Marxismus-Feminismus“ (Doppelheft), Beitrag Die Polizei rufen – eine Kulturgeschichte, übersetzt von der Argument-Redaktion.
Info: http://www.argument.de/wissenschaft/zs311-315.html

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Frauen zählen

Die Sichtbarkeit von Frauen – dafür kämpfen wir. Immer wieder heißt es: „Aber in der Buchbranche gibt es doch so viele Frauen? Wo ist das Problem?“ Die Schriftstellerin Nina George hielt unlängst eine Rede zum Thema Wahrnehmung von Frauen in unserer Branche. Wir freuen uns, dass wir sie hier auf unserem Blog veröffentlichen dürfen.

 

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Monika Grütters,

am 11. November 1987, ich war 14, verriet ich meiner Großmutter zwei meiner intimsten Geheimnisse: Ich fälsche meine Tagebücher mit komplett ausgedachten Ereignissen. Und: Ich will Schriftstellerin werden! Sie erwiderte erschüttert: „Aber, Kind! Schriftstellerin?! So findest du doch nie einen Mann!“

Sie zählte mir auf, welche Autorinnen sich umgebracht hatten: Kopf in den Gasofen (Sylvia Plath), Steine in die Taschen (Virginia Woolf), vergiften im Wald (Karin Boye)! Ein liderliches, gefährliches Leben lag vor mir, weil eine Frau, die schreibt, Männer verschreckt, keinen Haushalt führen kann und den Herd nur aufsucht, um sich an der heißen Kochplatte eine Zigarette anzuzünden.

Diese Aussicht kam mir zutiefst verlockend vor.

Foto: Urban Zintel © by Nina George

Foto: Urban Zintel © by Nina George

Ich besorgte mir zwei Jahre später einen Job als Tresenkraft, kaufte mir eine entsetzlich schnarrende Brother-Schreibmaschine und fing an, meine Familie ernsthaft zu beunruhigen. Natürlich hatte ich keinerlei Ahnung, wie das geht: Schriftstellerin werden. Es gab Anfang der 90er Jahre keine Schreibkurse, sondern den Genie-Mythos. Die Muse träufelte Inspiration vorzugsweise in auserwählte männliche Gehirne, die vor allem am erhobenen Zeigefinger zu erkennen sind. Weibliche Vorbilder? Mangelware, außer der Extremvarianten: Ingeborg Bachmann als Jahrhundert-Ausnahme, und Utta Danella, die zwar alle lasen, doch keiner respektierte. Lesen, das war sowieso schon ein exotisches Hobby für Mädchen – aber Schreiben, das war Anmaßung!

Männer schufen Geist, und Frauen, die schufen … tja … Gedöns.

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Kitsch oder Kunst – und ein toter Hasi

Bücher„Hach, war dat wieder schön“, sagt Birgitt, räumt die überzähligen Pintchen in die Spülmachine und schenkt uns einen Roten nach. Birgitt ist meine Nachbarin und wir tauschen schon mal Bücher. Literaturkaffee nennen wir das, wenn die anderen auch da sind und jeder `n Pülleken mitbringt.

Ich nippe an meinem Glas:  „Nur was heute so gekommen ist …“, und schüttele den Kopf. Auf dem Küchentisch liegen zwei Bände von Rosamunde Pilcher, Schlank im Schlaf, Grimms Märchen und der Krimi eines Bestsellerautors, bei dem ich eingeschlafen bin. Also bei dem Krimi. „Und schön“, sage ich: „war’s nur zum Schluss.“ Schön ist eben Geschmackssache, oder nicht? Weiterlesen

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Herlands Unwort der Woche – „natürliche Ordnung“

Kinder Anfang 70eer Kopie.JPGWenn die „natürliche Ordnung“ im politischen Diskurs auftaucht, dann weil sich eine reaktionäre Gruppe, oft zusammen mit der katholischen Kirche, gegen das stellt, was sie „Gender-Ideologie“ nennt. Also gegen die Erforschung dessen, was der Glaube an eine natürliche Ordnung der Geschlechter an Machtgefälle, Diskriminierung und letztlich Gewalt auslöst. Die natürliche Ordnung wird dabei auch gern als gottgegebene Ordnung bezeichnet. Vor allem da gerate ich immer in Verwirrung: Ja was denn nun? Natürlich oder von Gott installiert? Ist Gott das Natürliche oder der Übernatürliche? Und was ist eigentlich eine natürliche Ordnung?

Ich mag Autor_innen nicht, die bei einem Thema ihre Bücher zücken. Aber jetzt mache ich es hier mal selber, weil das seit Jahrzehnten mein Thema ist. Meine Ermittlerin Lisa Nerz habe ich Mitte der 90er Jahre erfunden. Damals gab’s in Krimis Hetero-Ermittler_innen und bereits auch lesbische Ermittlerinnen. Lisa Nerz ist aber nicht nur brav
lesbisch, sondern bisexuell. Weiterlesen

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Rechtspopulismus ist frauenfeindlich. Und Frauen machen mit.  

AutobahnDu darfst nicht so schnell Auto fahren wie du willst, betrunken schon gar nicht.  Du darfst dir keine Frau nehmen, du musst vorher fragen. Wenn sie Nein sagt, musst du das respektieren. Du darfst auch deine Ehefrau nicht zum Sex zwingen. Du sollst im Haushalt mitarbeiten und Pflichten bei der Kinderbetreuung übernehmen. Du sollst deine Frau unterstützen, wenn sie die Chance hat, Karriere zu machen. Außerdem solltest du mit deiner Freundin auch mal reden, ihr zuhören, sie verstehen. Du sollst friedlich sein und fähig zu Kompromissen.

Das sind Errungenschaften von dreißig Jahren Feminismus und Gender-Diskussionen. Und das wollen die rechtsextremen Parteien nun wieder abschaffen. Weiterlesen

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Homophobie ist das falsche Wort

Spinne.JPGPhobien gibt es reichlich: Spinnenphobie, Agoraphobie, Klaustrophobie, Homophobie, Xenophobie und so weiter. Phobie ist Griechisch und heißt Furcht.

Phobien kann recht leicht heilen. Und zwar durch Konfrontation. Wir lernen, dass wir dem Angstauslöser nicht mehr aus dem Weg gehen müssen. Panik tötet ja nicht. Sie ist nur unangenehm. In der Konfrontationstherapie erträgt man seine Angst und erlebt, wie sie nachlässt und man sich gewöhnt. Die Angst verschwindet, der Mensch gewinnt Selbstvertrauen zurück. Er hat sich von einer Angst befreit. Das macht glücklich.

Einen Grund, seine Phobie nicht behandeln zu lassen, gibt es nicht. Wer die Heilung genauso meidet wie Fahrstühle oder Flugzeuge, hat vermutlich einen guten Grund, eine Phobie zu pflegen, die sie oder ihn daran hindert, bestimmte Möglichkeiten zu nützen, die sich ihr/ihm bieten. Es soll ja auch eine Furcht vor der Freiheit geben.

Falls die Abneigung gegen Lesben und Schwule, Fremde, Ausländer_innen oder Muslime tatsächlich nur eine Phobie ist, wäre sie also leicht heilbar. Tatsächlich beobachten wir das Phänomen, dass in Landesteilen oder Stadtteilen mir nur sehr geringem Anteil an Fremdartigen, die Fremdenfeindlichkeit besonders groß ist. Gerne erzählen Frauen in die Kamera, sie hätten Angst vor Vergewaltigungen, Überfällen, Einbrüchen und überhaupt. Eine Angst vor dem Unbekannten also. Sind die Geflüchteten dann da, bilden sich Freundeskreise, und die Angst fällt in sich zusammen, man schließt Freundschaft.

Ist also Fremdenfeindlichkeit tatsächlich nur eine Phobie oder etwas ganz anderes, beispielsweise, wie es das deutsche Wort sagt: eine Feindschaft? Und wie verhält es sich mit Homophobie? Die Linguistin Elisabeth Wehling meint dazu:

SWR Fahrstuhl 2„Wir nutzen das Konzept Phobie recht häufig, und zwar auch im nicht klinischen Sinne. Ich kenne wenigstens ein Dutzend Menschen, die fernab jeder Diagnose an Klaustrophobie, Sozialphobie oder Spinnenphobie leiden. … Das trägt zu unserer Einschätzung bei, die Ursachen und das Gefühl einer Phobie irgendwie nachvollziehen zu können. Ob man es Phobie oder einfach nur Furcht nennt – Spinnen sind schon irgendwie eklig, kleine Räume sind beengend, größere Gruppen lösen in jedem, der kein Social Butterfly ist, ein wenig Stress aus … Und der Islam? … Der durch den Begriff islamophobisch erweckte Frame erzählt demnach folgende Geschichte: Muslime jagen panische Angst ein, man zieht sich zurück und meidet sie. Sie selbst spüren keine Auswirkungen der phobischen Reaktion, außer vielleicht, die des Gemieden-Werdens. Punkt. Nichts weiter.“ (Politisches Framing, 2016, S.157 f.)

Mit anderen Worten, wenn wir für die Ablehnung bestimmter Gruppen sexueller Orientierung das Anhängsel „phobie“ verwenden, dann verharmlosen wir. Wir tun so, als wäre es irgendwie schon allgemein nachvollziehbar, dass man vor Lesben und Schwulen Angst haben müsse, weil sie ja irgendwie schon eklig seien. Und wir tun so, als hätte das für sie keine Folgen. (Der Spinne oder der Menschenmenge tut es ja nicht weh, wenn ein Mensch vor ihr Angst hat und die Begegnung meidet.) Als würden also Lesben oder Schwule nicht mehr oder minder subtil diskriminiert und schon gar nicht offen verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Wir (Medien und öffentlicher Sprachgebrauch) haben uns da also wieder einmal einen Begriff ausgesucht, der die Akteur_innen verharmlost und die Konsequenzen verschleiert. Wir gehen doch recht glimpflich mit denen um, die andere Lebensentwürfe verdammen, verurteilen und verfolgen. Ein Teil tut das, weil der für sie Verständnis hat, so ganz tief drinnen. Ein anderer Teil aber tut es unabsichtlich, oder vielleicht auch deshalb, weil wir die Gegner_innen sexueller Selbstbestimmung nicht so hart angehen wollen (wir haben ja schon genügend gesellschaftliche Fronten). Beim Thema Fremdenfeindlichkeit reden Politiker_innen ganz zum Frame passend davon, man müsse die Ängste in der Bevölkerung ernst nehmen. Als ob es sich tatsächlich um eine Angst handele, die man durch Konfrontation beseitigen könne. (Dann muss aber auch die Konfrontation her. Dann kann es nicht heißen: die Flüchtlinge dürfen nicht mehr kommen.)

Übertragen wir das nun mal auf Homophobie. Nach wie vor herrscht unter denen, die alles ablehnen, was nicht heteronormativer Sex zu Fortpflanzung ist, die Auffassung, Homosexualität sei eine Krankheit, die ansteckend ist, weshalb Kinder im Schulunterricht auf keinen Fall etwas davon hören dürften. (In Stuttgart bringen Genger_innen des Bildungsplans immer wieder Tausende auf die Straße und behaupten zu glauben, ihre Kinder würden in den Schulen zu Homos erzogen. Ob sie es wirklich glauben?) In Russland werden Schwule zu Gefängnis verurteilt, die vor Kindern positiv (also neutral) über Homosexualität reden. Warum eigentlich? Warum gibt es Leute, die den Sex anderer bestimmen und kontrollieren wollen.

Gerade Gesellschaften mit autoritären bis diktatorischen Staatsformen verfolgen Homosexuelle (meistens stehen die Männer im Fokus, von Frauen ist da fast nie die Rede) besonders wütend. Politische Gruppierungen oder Parteien mit starker Sehnsucht nach autoritären, sicherheits- und polizeibetonten, ausgrenzenden und einschränkenden Regierungsformen fordern Verfolgung von Homosexuellen. Die Ablehnung von Fremden, Zugereisten, Andersgläubigen (gerne auch sozial Schwachen oder Superreichen) schließt immer eine offizielle und lautstarke Ablehnung Sexueller Freiheit ein, insbesondere der gleichgeschlechtlichen. Wobei mir scheint, die Sexkontrolle ist die Basis des Konzepts. Wer das sexuelle Verhalten einer Gruppe oder einer ganzen Bevölkerung kontrolliert, kontrolliert die Feste und Feiern, die Orgien und die revolutionäre Subkultur. Er hat die uneingeschränkte partriarchale Macht. Diesen Potentaten kommt es ja auf nichts anderes an, als darauf, die eigene Macht zu sichern. Vom Erdmännchen bis zur Schimpansenhorde gilt: Das dominante Paar oder der dominante Rudelführer bestimmt, wer sich mit wem paart, welche Gene weitergegeben werden und welche nicht. Das galt auch für die Beduinengruppe zuzeiten von Moses, auf deren patriarchale Traditionen auch das Christentum zurückgeht. Der Patriarch bestimmt, wer sich mit wem kreuzen darf und muss, um den Fortbestand der Sippe zu garantieren.

In Zeiten der globalen Überbevölkerung ein totaler Anachronismus. Wir brauchen nicht mehr Kinder, sondern mehr Nahrung und Wasser. Allerdings bezogen auf sich verkleinernder Völker wie der Bevölkerung der Bundesrepublik wiederum nicht. Das Tier in uns setzt auf Vermehrung des Gleichen, des Selbst, des Wir. Wer da nicht mitmacht, wird verdammt: Lesben und Schwule etwa. Wer von außen eindringt auch: Fremde. Die fürchtet man, so irrational und phobisch, wie wir halt eben sein können. Aber man fürchtet sie eben nicht nur, man verfolgt sie auch, und am liebsten würde man sie vernichten. Manchmal tun welche das auch. Schließlich beißen Löwenmännchen auch die Jungen des Vorgängers tot. Da geht es nicht um Angst. Sondern um Sicherung der Macht. Punkt.

Wir haben jetzt den Tag der Homophobie hinter uns und Ende Juli ist Christopher-Steet-Day. Je mehr wir Demokrat_innen darauf pochen, dass Lesben und Schwule genauso wenig verfolgt werden dürfen wie jeder Mensch sonst auf der Welt, desto öfter werden wir das Wort „Homophobie“ hören und auch selbst verwenden. Ein Wort, dass sich unterschwellig gemein macht mit einer – offenbar nur zu verständlichen – Angst vor sexuellen Revolutionen oder auch nur Freiheiten, die sich andere herausnehmen, man selbst aber nicht. Ein Wort, das diejenigen, die auf ihre Angst pochen, entschuldigt. Für Islamophobie oder Xenophobie haben wir ja deutsche Wörter: Islamfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass.

Ich finde, es wird Zeit, dass die LSBTTIQ-Gemeinde sich zu einem Begriff ermutigt, der nicht mehr verharmlost, sondern benennt. Zum Beispiel: Homo-Hass, oder wenigstens Homo-Feindlichkeit.

 

 

 

 

 

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Kindchen

(Diesen Text schrieb ich vor zwei Jahren. Aktuell ist er immer noch. Nur dass ich jetzt einundvierzig bin.🙂 )

10388075_10154753768720371_6258826244612531307_nLetztens war ich im Kongress-Stress. Ich hatte bereits einige Diskussionsrunden hinter mir, durchweg mit dem Grundton „Früher war alles besser“. Sie wurden in der Mehrzahl dominiert von älteren Herren, die das Internet und die Digitalisierung in der Buchbranche für eine flüchtige, dennoch ärgerliche Modeerscheinung halten. Kein Wunder, dass ich mit Begeisterung zu einer davon unabhängigen Abendveranstaltung eilte, bei der ich garantiert keinem dieser Herren über den Weg laufen würde. Eingeladen hatte nämlich ein, sagen wir mal, größerer Internetkonzern, und das Programm verhieß aktuelle, zukunftsweisende Themen. Oh, wie ich mich darauf freute, in den kommenden Stunden endlich wieder nach vorn schauen zu können. Oder wenigstens im Jahr 2014 bleiben zu dürfen.

Umso überraschter war ich, als mich ein Mitarbeiter des Veranstalters mitten im ansonsten netten Gespräch mit den Worten bedachte: „Aber um zu wissen, wie Berlin vor zehn Jahren aussah, sind Sie noch zu jung.“

Ich hatte mir von den vergangenheitsverliebten Herren auf dem Kongress schon tagelang ähnlichen Unsinn anhören müssen. „Kindchen“, hatten sie zu mir gesagt, oder „Als ich noch in Ihrem Alter war“. Nun ist es so: Ich weiß, es gibt eine ganze Menge Dinge, die ich noch lernen muss und will, keine Frage, ich bin neununddreißig und hatte nicht vor, mit dem Leben und Lernen abzuschließen. Das Problem ist nur, dass die besagten Herren es anders meinen.

Wenn sie so etwas sagen, sagen sie in Wirklichkeit: „Egal, wie alt du bist, du wirst nie dort sein, wo wir sind.“

Ich bin nämlich – na ja, eben kein älterer Herr. Kein Mann, was wohl das Hauptproblem ist. Und dieses Problem hätte ich bei dieser auf die Zukunft ausgerichteten Veranstaltung nicht erwartet. Ich hakte also bei meinem Gesprächspartner nach, der, wie sich herausstellte, fünf Jahre älter war als ich, und er versuchte, sich mit der Ausrede, ein Kompliment gemacht zu haben, herauszuwinden. Wäre der Abend anders verlaufen, ich hätte es vergessen. Auf der Bühne sah ich allerdings ausschließlich Männer. Mit Ausnahme der Moderatorin, die die männliche Dominanz versuchte, scherzhaft aufzunehmen und auf das Publikum zurückzuspielen. Überflüssig zu sagen, dass das Publikum fast ausschließlich aus Männern bestand. Natürlich hielt man mich beim geselligen Ausklang stets für die Begleitung des jeweiligen Herrn, neben dem ich zufällig stand. Dass ich auf der offiziellen Einladungsliste war wie alle anderen, auf die Idee kam kaum jemand.

1902884_10154680160585371_5879227263793618193_nIch besinne mich in solche Situationen gern darauf, was einmal eine Soziologieprofessorin gesagt hat: „Frauen, wenn ihr mitspielen wollt, müsst ihr euch mit Autos und Fußball auskennen.“ Ich schaffte es bei den Internetmännern mit meinem Wissen über Star Trek und diverse Smartphone-Apps, die anwesenden Herren aus der Politik überzeugte ich als lebendes Whiskylexikon und mit meinem Mitgliedsausweis für einen englischen Debattierclub. Männerthemen kann ich. Und das noch nicht mal aus Berechnung. Sondern einfach so. Wie übrigens sehr viele Frauen.

Und genau deshalb habe ich nie verstanden, warum es so läuft, warum es heute immer noch so läuft. Vor zwanzig Jahren, als ich mit dem Studium anfing, war ich davon überzeugt gewesen, dass sich diese Diskussionen um „Männer sind so, Frauen so“ irgendwann erledigt haben würden. „Irgendwann“ im Sinne von: spätestens, wenn ich mit dem Studium fertig sein würde. Das bin ich nun seit fünfzehn Jahren. Und dann steht heute jemand neben mir, nennt mich „Kindchen“ und hält es für ein Kompliment.

10277787_10154976824020371_6316483097394244641_nWie auch immer, ich brachte den Abend doch noch ganz gut über die Bühne. Ich war ja nicht zum ersten Mal eine von fünf bis zehn Prozent Frauen. Ich habe darin jahrzehntelange Übung. Halbwegs versöhnt wollte ich gerade die Veranstaltung verlassen, als mir ein Herr sein leeres Weinglas hinhielt und sagte: „Hier, Fräulein, bitte.“ Er brauchte zehn Sekunden zu lang, um zu merken, dass ich nicht die Bedienung war. Und ich konnte ihm fast nicht böse sein, weil die meisten der anwesenden Frauen Tabletts mit sich herumtrugen und Getränke verteilten. Ich sagte: „Schaun Sie mal, da vorn ist die Theke. Schaffen Sie das allein? Sie sind doch schon groß.“ Das fand er nicht lustig. Seine Kollegen schon. Das machte mir Hoffnung.

 

(Zoë Beck)

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