Wahrnehmungsstörungen – Kritik an Kritik

Von Katja Bohnet

pubStammtischreden

Einstieg für einen Thriller. Schwarzes Cover, der Titel: „Unsere Realität“.

Das Krimi-Debüt eines Schriftstellers wird in den ersten Wochen von mehreren Zeitungen und Sendern besprochen. Dafür müssen Frauen mindestens acht Kriminalromane schreiben. Es empfiehlt sich ein strategisch günstiger Verlagswechsel nach dem sechsten Roman, am Besten zu einem literarischen Haus, kein reiner Publikumsverlag. Wenn Sie sich jetzt fragen, was genau „literarisch“ ist, erwarten Sie von mir keine Erklärungen. Weil ich es Ihnen nicht sagen kann. Vermutlich möchte Ihnen jemand weismachen, dass hier „Literatur stattfindet“, ein hochwertigeres Klassement, andernorts nicht. Was das „andere“ ist, bleibt unklar. Weichkäse, Holzfurnier, verdünntes Bier, suchen Sie sich etwas aus. Der Roman des Schriftstellers wird jovial von den männlichen Kritikern rezensiert. Starkes Stück, hart und schonungslos. Typ ist am Ende, rettet unglückliche Frau. Held schlägt sich durch karge Kopie - DSC_0914.JPGLandschaft oder Stadt bei Nacht, Wetter schlecht. Noir. (Nichts gegen Noir. Auf die Gründe für Ihre Zuneigung kommt es an.) Held hört Blue Note, Best of Jazz oder Bob Dylan. Dazu noch eine Prise Breaking Bad. Oder Action, bis die Schwarte kracht. Superhelden, Superschurken. Mehrheitlich kommen Männer als Figuren vor. Gesprochen wird, wie Männer sich vorstellen, dass echte Männer sprechen. Come on! Das riecht doch nach Klischee. Primärreflexe (Männchen machen, Klatschen, Klicken) lösen die Worte Fauser und Faulkner aus. Kritik kann manchmal unglaublich Stammtisch sein. Männer neigen zur Gruppenbildung, besonders abendlich. Rauer, herzlicher Ton. Männerthemen. Theke, Alkohol. Da spielt man sich die Bälle zu. Angenehm, wenn das eigene Lebensgefühl, die eigene Identität bestätigt wird. So kann auch Kritik klingen.
Natürlich sind Kritiker total unabhängig.
Das Geschlecht interessiert sie nicht.
Sie schauen selbstverständlich nur auf Qualität. Weiterlesen

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Die „Neue Rechte“ auf der Couch

Vorweg und bevor Missverständnisse entstehen:

Dies ist ein Modell! Ist ein Modell! Ist ein Modell!

Es ist natürlich „verboten“ Psychodiagnostik auf gesellschaftliche Phänomene anzuwenden. Deswegen vereinfache ich hier unzulässig und nenne den „Neuen Rechten“ einmal Bernd. Als Einzelner kann er anhand seiner Aussagen durchaus auf seine Persönlichkeitsmerkmale hin untersucht werden. Das Ergebnis macht hoffentlich deutlich, weshalb es wenig erfolgversprechend ist, sich mit Bernd auf Diskussionen seiner Ideologie einzulassen.

couch

Wer ist nun dieser Bernd?

Zuerst einmal ist unser Bernd ein Konglomerat, aus unterschiedlichen Gruppen, die sich zeitweise zu Aktionen zusammenschließen, sich nach außen moderat und kreativ geben, tatsächlich aber Rassismus und Nationalismus sozial akzeptabel machen (wollen). Auf diesem Hintergrund wird zu Gewalt ermutigt und gewalttätiges Handeln legitimiert.

Versuch einer Bernd-Analyse mittels des Diagnostiktools OPD2

41-H6ZAZ5BL._SX345_BO1,204,203,200_Begriff: OPD2 = Operationalisierte psychodynamische Diagnostik 2; Mit diesem Tool kann man Psychopathologie darstellen, erfasst wird ausschließlich Dysfunktionalität, das heißt: Was gut gelingt im Leben, gelingt halt. Das ist okay. Soll heißen: Wenn jemand isst, schläft, Hygiene betreibt, einen Tagesrhythmus hat, seine Aufgaben hinkriegt, Beziehungen pflegt, andere Leute nicht schädigt, Freude empfinden kann, ist alles super.

Was bei Bernd direkt auffällt: Er hat diverse Sorgen und Baustellen, ein umschriebener innerer Konflikt ist nicht auszumachen. Man könnte also vermuten, Bernd hat eine Persönlichkeitsstörung, das heißt, er verfügt nicht über ausreichend innere Stabilität, um mit den aktuellen Bedingungen klarzukommen. Nur merkt er selbst das nicht, sondern er ist auffällig in den Punkten: Beziehungen und andere Leute nicht schädigen. Nachfolgend beschreibe ich anhand von Bernds Aussagen (Fußnoten geben die Quellen an), was ich meine.

Produktion von Feindbildern:

„Die One-World-Ideologen wollen nicht ein bißchen politische und kulturelle Gleichschaltung, das war das 20. Jahrhundert, das ist Vergangenheit. Sie wollen die totale anthropologische Gleichschaltung.“[1]

Interpretation: Was für eine seltsame Unterstellung! Das ist es, was Humanist*innen (hier als Ideologen diffamiert) nicht wollen. Vielfalt und Bereicherung oder Koexistenz sind die Ziele. Integration aller Menschen in eine Gesellschaft, nicht Assimilation durcheine Gesellschaft. Diese Unterstellung zeugt von Bernds Problemen in der Objektwahrnehmung. Das Bild des anderen ist durch Projektionen von eigenen Befürchtungen (in diesem Falle die „Gleichschaltung“, also die Auflösung der „Identität“, des Selbst) geprägt. Außerdem wird generalisiert: „die totale …“, eine Formulierung, die mit Hitlers „totalem Krieg“ assoziiert werden kann.

panzer

„Die etablierte Politik und die mit ihnen verbündeten Leitmedien setzen hier auf das bewährte divide et impera, auf die Parole „Teile und herrsche!“ So versucht das Establishment, eine erfolgreiche neue politische Kraft dadurch unter ihre Kontrolle zu bringen, daß sie den augenscheinlich systemferneren Teil stigmatisiert und abtrennt und den systemnäheren Teil umwirbt und assimiliert.“ [1]

Interpretation ähnlich wie oben. Falsche Zuschreibungen im Sinne von Projektionen. Interessenausgleich ist schwierig: die Beziehung – in dem Falle zu den gewählten Vertretern – ist durch das Gefühl der Bedrohtheit eigener Interessen geprägt. Eine Vorstellung von den Interessen des anderen (z.B. eine möglichst unabhängige Berichterstattung) fehlt. Bei gut integrierter Struktur wäre ein Interessenausgleich selbstverständlich.

„6.6 Für ein klares Familienbild – Gender-Ideologie ist verfassungsfeindlich

Die Gender-Ideologie marginalisiert naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern und stellt geschlechtliche Identität in Frage. Sie will die klassische Familie als Lebensmodell und Rollenbild abschaffen. Damit steht sie in klarem Widerspruch zum Grundgesetz, das die (klassisch verstandene) Ehe und Familie als staatstragendes Institut schützt, weil nur dieses das Staatsvolk als Träger der Souveränität hervorbringen kann.

guillotineDie Ideologie des Multikulturalismus gefährdet alle diese kulturellen Errungenschaften. „Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur. Sie löst die Gemeinschaft auf und befördert die Entstehung von Parallelgesellschaften. Dauerhafte existierende Parallelgesellschaften führen sehr oft zu innenpolitischen Konflikten und können letztlich sogar den Zerfall eines Staates bewirken.“[2]

Interpretation: Falsche Zuschreibungen. Versuch, die eigene, unsichere Identität durch festgelegte, quasi naturgegebene (man könnte ebenso gut gottgegebene sagen) Bestimmtheit zu sichern. Die Vielfalt wird als bedrohlich für das Selbst verstanden. Ihr wird unterstellt, das Selbst vernichten zu wollen.

Abwertung:

„Denn mit der AfD konnte sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine politische Kraft in der Bundesrepublik Deutschland etablieren, die für Selbstbehauptung und nicht für Selbstaufgabe steht. Und das in einem Volk, das alt, kinderlos und zukunftsvergessen ist, weil es materialisiert, infantilisiert und neurotisiert wurde. Die Bundesdeutschen sind in meinen Augen eine historisch einmalige Mischung aus Spaßgesellschaft und Schuldgemeinschaft.“[1]

Interpretation: Selbstüberhöhung zu Lasten des anderen: Damit wird eine behauptet progressive Elite (die AfD) dem tumben Volk gegenübergestellt und dieser Elite das Vertrauen ausgesprochen, das Volk aus seiner Lethargie, seinem Neurotizismus und seiner Verkommenheit, die in es hineingepflanzt wurde (das Feindbild ist implizit), herauszuführen, messianisch quasi, und zwar mittels „Selbstbehauptung“, nicht etwa per Selbstwert vermittelter Selbstwirksamkeit.

Mangel an Empathie

„1.12 Vertragsfreiheit bewahren

Die AfD tritt für die Bewahrung bzw. Wiederherstellung der bürgerlichen Selbstbestimmung im Zivilrechtsverkehr ein. Deshalb lehnen wir sogenannte ,,Antidiskriminierungsgesetze“ ab. Zentraler Grundwert einer freiheitlichen Zivilrechtsordnung ist die Vertragsabschlussfreiheit. Das ist die Freiheit jedes Einzelnen, selbst darüber zu entscheiden, ob er mit einem anderen Bürger in rechtliche Beziehungen treten will oder nicht. Unter dem Einfluss der Europäischen Union wird dieses fundamentale Prinzip der Privatautonomie in der deutschen Gesetzgebung Schritt für Schritt zerstört.“[2]

Interpretation: Die Erlebniswelt anderer kann nicht nachempfunden werden. So werden zum Einen Gruppen vereinnahmt („du bist wie ich“, Verschiebung bzw. Aufhebung von Grenzen) und zum Anderen wird das Selbst (hier: die Gemeinschaft) in scheinautonome Individuen zersplittert und entsolidarisiert.

Generalisierung:

„4.3 Organisierte Kriminalität bekämpfen

Die Organisierte Kriminalität muss nachhaltig bekämpft werden. Die aus ihren Straftaten erzielten „Gewinne“ müssen restlos abgeschöpft werden. Da die Mehrzahl der Täter im Bereich der Organisierten Kriminalität Ausländer sind, soll bei begründetem Verdacht die Zugehörigkeit zu einer derartigen Organisation als Ausweisungsgrund eingeführt werden.“[2]

Interpretation: Falsche Zuschreibung und Generalisierung – hier: (Fast) alle Ausländer sind kriminell organisiert. Mangelnde Kenntnis von Organisierter Kriminalität (OK). Geplante Mittäterschaft in der OK – hier: Gewinne abschöpfen, was ja OK wäre! Kriminalität ist ein Hinweis auf eine geringe oder fehlende strukturelle Integration. Und die mangelnde Kenntnis der Zusammenhänge wirkt auch ein wenig ulkig.

Was machen wir nun mit Bernd?

Dies sollen Beispiele sein, die darstellen,  wie wenig Zweck es hat, Bernd von anderen Vorstellungen überzeugen zu wollen. (Es gäbe derer viele und andere mehr.) Er kann es sich einfach nicht leisten – nicht um seiner Selbst willen – sich anderen Argumenten zugänglich zu zeigen. Denn würde er Empathie statt Egozentrismus, Differenziertheit statt Generalisierung, Respekt statt Abwertung und Zuwendung statt Feindbildprägung hinbekommen, wäre Bernd nicht mehr Bernd, sondern ein wirklich netter Kerl, mit dem ich gern ein Bier trinken, über unser aller Haus – die Welt – plaudern und eine gute Nachbarschaft pflegen würde. Da das nun nicht geht, ist es nötig, Bernd zu sagen, dass er sein kann wie er will, nur nicht auf anderer Leute Kosten. Das ist nämlich, wenn Bernd es auch nicht verstehen kann wegen seines Mangels an innerer Struktur, verboten.

haus2

Soll heißen: Da es der „Neuen Rechten“ nicht möglich ist, die Positionen aufzugeben, die Menschen diffamieren, herabsetzen, marginalisieren und mit Gewalt bedrohen, weil sie dann nicht mehr die „Neue Rechte“ wäre, müssen wir, die wir nicht Teil von ihr sind, integrierende, solidarisierende, wertschätzende und allgemein humanistische Positionen dagegensetzen, wenn wir ein gutes Leben haben wollen.

Lasst uns an unserem Gemeinwesen werkeln, die Bausubstanz ist noch gut und den Rest kriegen wir schon. Wollen wir?


[1]Björn Höcke: http://www.bjoern-hoecke.de
[2] Aus dem Wahlprogramm der AfD

 

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Für mein Land

haus u. sonneIch lasse es Euch nicht!

Nicht den Führern,
den Deppen nicht
und nicht den Doofen.
Den Brandstiftern und
den Aufwieglern nicht.
Nicht den Beredten
und nicht den Beseelten.

Zulang hab ich auf Knien gelegen,
auf einem Boden,
der nicht meiner war.
Im Osten wie im Westen.

Zulang im Kopf den Stacheldraht,
Coca Cola-Reklame,
blühende Landschaften,
und  das Vergessen.

Da wird man intolerant.
Da will man keine Herren
und keine, die sich welche wünschen.

Nein!
Ich lass Euch nicht mein Land!

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»Literatur entsteht überhaupt nur aus Widersprüchen, sonst entsteht Langeweile.« – Christa Wolf

 

Christa Wolf boeken, biografie en informatie ...

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Sexismus, jeden Tag.

Mir scheint, es gibt da ein Missverständnis. Sexismus ist nicht dasselbe wie sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt. Diese Dinge sind Teil des Sexismusproblems, aber noch längst nicht alles. Sexismus ist eine auf das biologische Geschlecht (lat. sexus) einer Person abzielende Form der Diskriminierung, kurz zusammengefasst. Diese Diskriminierung äußert sich auch, aber nicht nur, durch sexuelle oder sexualisierte Handlungen oder Aussagen.

Klar die rote Linie überschritten haben die Männer, die damals, als ich Praktikantin war, um einen Kasten Bier gewettet hatten, wer mich ins Bett kriegt (der Kasten Bier blieb im Laden; aber es war nun mal Tradition in deren Abteilung). Oder die Kollegen, die nach den Dreharbeiten die Wahnsinnsidee hatten, mir was in den Drink zu schütten (was ich zum Glück gleich ausgekotzt habe, und wo zum Glück ein guter Freund zufällig im selben Club war, der mich retten konnte). Oder der Journalist, der mir erst einen Heiratsantrag („Wollen Sie meine Frau werden?“, wir duzten uns nicht mal) machte und mir dann, nachdem ich abgelehnt hatte, seine pornografischen Gewaltfantasien mit mir in der Hauptrolle schriftlich zukommen ließ. Der Regisseur, der wollte, dass ich ihn in der Zeit unserer Zusammenarbeit jeden Morgen mit meiner „sexy Stimme“ wecke. Der Regisseur, der über meine berufliche Zukunft sprechen wollte, aber nur, wenn ich mit auf sein Zimmer komme. Der wichtige Buchmensch, der mir die Hand aufs Knie legte und flüsterte, er wünsche sich von mir erotische Romane, man könne das ja dann gemeinsam mal alles durchspielen. Der andere wichtige Buchmensch, der mich gern „anschmiegsamer“ und „dankbarer“ gehabt hätte. Der Pressemensch, der mir mitten in der Nacht per Chat mitteilte, in welcher Bekleidung er mich gern sehen würde. Die Liste ist sehr lang, sie ist eindeutig, und die wirklich traumatischen, die wirklich schlimmen Vorfälle, die mir bis heute Albträume bereiten und wegen denen ich psychologische Begleitung brauchte, habe ich noch gar nicht aufgeführt.

Ebenfalls komplett sexistisch die folgenden Vorfälle: Die Jurorin von Jugend musiziert, die meinte, ich müsse mich als Mädchen anders anziehen auf der Bühne, Röckchen und Blüschen und bitte die Haare anders, so sehe ich ja aus wie ein Junge. Die vielen Menschen aus dem Bereich der klassischen Musik, die immer wieder, seit ich klein war, betonten, dass Frauen nicht so gut Klavier spielen können wie Männer, weshalb Frauen Klavierlehrerinnen werden und Männer Karriere machen. Der Zeitungsredakteur, der meinte, junge Frauen seien in Zeitungsredaktionen nicht gut aufgehoben, da ginge es schließlich um was. Der Professor, der meinte, eine Doktorarbeit sei für eine Frau Schwachsinn, ich würde doch bestimmt sowieso irgendwann heiraten. Der Regisseur, der mir sagte, Frauen seien ohnehin keine guten Regisseure [sic!], aber machten sich hervorragend als Assistentinnen. Die Kollegin, die überall herumerzählte, ich hätte den Job nur bekommen, weil ich mit irgendwem im Bett war. Die Vorgesetzte, die einem weniger qualifizierten Kollegen signifikant mehr Gehalt anbot als mir, bei Frauen „weiß man ja nie, wie sie sich entwickeln“. Die andere Vorgesetzte, die einem ähnlich qualifizierten Kollegen, der anders als ich allerdings noch nicht für sie gearbeitet hatte, signifikant mehr Gehalt anbot als mir, weil sie Angst vor mir als direkter Konkurrentin hatte. Die älteren Sprecher im Studio, die mich „Mädchen“ nennen. Die älteren Sprecher, die erstmal fragen, wo „der Regisseur“ ist, obwohl ich auf dem Regiestuhl sitze. Der wichtige Buchmensch, der mir sagte, ich solle mich mit Dingen beschäftigen, mit denen ich mich auskenne, und nicht über Terroristen und solchen unweiblichen Kram schreiben. Der wichtige Buchmensch, der mir sagte, Frauen gehörten nun mal ins Taschenbuch, nur wichtige Literatur ins Hardcover. Der wichtige Buchmensch, der fand, mit Frauen solle man nicht übers Geschäft reden, die verstünden das einfach nicht richtig. Der Journalist, der ein unveröffentlichtes Buchmanuskript in der Schublade hatte, und mir deshalb erklären wollte, wie man richtig Bücher schreibt (da hatte ich schon drei Veröffentlichungen, oder waren es vier). Der Journalist, der keine Lust hatte, sich mit mir zu unterhalten, weil er Frauen wie mich „unheimlich“ und „angsteinflößend“ findet. Wo soll ich da aufhören? (Möglicherweise erweitere ich diese Liste nach und nach. Es fällt einem ja immer wieder noch was ein.)

Das ist Sexismus. Die bewusste oder unbewusste Überzeugung, jemand könne aufgrund des biologischen Geschlechts irgendetwas nicht oder sei für gewisse Dinge besonders gut qualifiziert. Frauen können doch gut dies. Männer können doch gut das. Oder eben nicht. Strukturell drängen diese Vorurteile Frauen und Männer in bestimmte Richtungen, beruflich wie privat, und nicht immer, wie man oben sehen kann, hat Sexismus also etwas mit sexuellen Übergriffen oder anzüglichen Sprüchen oder ähnlichem zu tun. Gewalt in dieser Form entsteht aber daraus, dass sich (zumeist) Frauen in einer weniger privilegierten Position befinden und (zumeist) Männer in einer mächtigeren Position, die sie entsprechend ausnutzen können oder wollen, und sie können es problemlos tun, weil sie (in den allermeisten Fällen) straffrei davonkommen bzw. nicht mal angezeigt oder mit Vorwürfen konfrontiert werden. Und es fängt mit diesen vermeintlich kleineren, vermeintlich harmloseren Sprüchen an.

Das alles ist jetzt nur eine kleine Sammlung aus meinem Leben, und ich fürchte, ich hatte noch Glück, weil ich mich trotzdem durchgekämpft habe und es immer noch tue. Ich bin vielen Menschen begegnet, die eben nicht so dachten und von denen ich eine Menge lernen konnte, Frauen wie Männer. Ich merke mit jedem Jahr mehr, wie wichtig Netzwerke sind, die aus Menschen bestehen, die für diese Thematik sensibilisiert sind, Netzwerke, in denen man sich gegenseitig unterstützt, statt gegeneinander zu arbeiten oder nur Seilschaften zu fördern, um selbst besser voranzukommen.

Warum ich das alles aufgezählt habe? In der Hoffnung, dass es etwas sensibilisiert. Den Blick auf Situationen ändert. Wann man selbst sexistisch denkt und handelt. Wo man es bei anderen sieht. Und dass man anfängt, etwas dagegen zu tun. Am besten durch radikale Selbsteinsicht und ebenso radikales Umdenken.

 

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Was mich bewegt. Else Laudan über Beton Rouge und andere Juwelen von hierzulande

Es beginnt mit einer Radfahrerin, die nachts auf einer nassen Straße stirbt, und zwar so, dass man schon einen Kloß im Hals hat. Und Riley von der Staatsanwaltschaft ist gar nicht im Dienst, sie ist nur auf dem Weg in die nächste Kneipe. Aber die banale, alltägliche, schiere Gewalt dieser Szene verdirbt ihr die Lust auf das gepflegte Bier.betonrouge

Dann sperrt jemand einen Mann in einen Käfig. Mitten in Hamburg, in unserer Stadt der Pfeffersäcke, wo alles, was glänzt, auch teuer ist. Dieser Typ in dem Käfig aber ist deutlich ein Opfer, betäubt, gefoltert, zur Schau gestellt, fix und fertig. Die Polizei ist schon vor Ort, mit dem Schloss kämpfend, betroffen.

Beton Rouge. Die Story ist ein cleveres Rätselmosaik, viele Szenen sind von großer Wucht, und die Conclusio, also das, was mir in den Sinn kommt, wenn ich nach dem Lesen das Buch zuklappe und überlege, was hat sie mir jetzt eigentlich erzählt, worauf läuft die Geschichte hinaus, die Conclusio also scheint mir so gewitzt wie bitter. Weil ich hier nicht spoilern will, muss ich es sehr abstrakt ausdrücken: Unsere Gesellschaft belohnt Brutalität, zieht sie regelrecht heran, schon sehr lange und immer noch ungebrochen. Wer hinguckt, kann es sehen. Hingucken müssen wir aber, auch wenn das oft keinen Fun-Faktor hat, ermüdet, frustriert, Ohnmachtsgefühle erzeugt … Beton Rouge liefert jedoch keinerlei Tusch, kein pathetisches So-ist-das-Zeigefingerstatement, sondern erzählt einfach eine Verbrechensgeschichte mit Ermittlung und dazwischen Alltag und Leben mit Frust und Abwegen, und irgendwann ist da das Ende.

Mich fasziniert aber, wie Simone Buchholz das erzählt, wie sie es klingen lässt. Bei der Tagung „Krimis machen 3“ spät Abends, sitzen trinken schwätzen, sagte einer zu mir über Beton Rouge: »Ein Buch wie ein Popsong.« Gutes Bild, finde ich – aber trifft es doch nicht ganz. Denn es ist wahr, dass ihre Krimis wie Songs sind, wie Musik. Aber ich bin ein Kind der 1960er. Ein Popsong, das ist für mich Dancing Queen oder so was. Diese Krimis sind aber nicht wie Abba, ganz und gar nicht, kein Stück. Schon eher Led Zeppelin, Dazed and Confused. Oder kennt ihr noch masCarolyn Mas? Sittin in the Dark? So. Rotzig, rau und treibend, mit Groove und Dreck und Feeling und einer wehmütigen Süße im Bauch.

Mag sein, dass es was Persönliches ist. Die Art, wie Simone Buchholz schreibt, hat mir seit jeher ans Herz gegriffen, das ist bei den letzten Büchern stärker geworden. Ich finde sie bewegend. Eine Erzählstimme, ein Sound, eigen, aber nicht maniriert, cool, flapsig, hartgesotten, doch darunter lauert ein hilflos-klebriger Kern aus Romantik, aus „Ich will, dass die Welt besser ist, als sie ist, und ich hänge an allem, was diesem Wunsch ein kleines bisschen Zuhause gibt“ – das ist für mich ein ganz zärtlicher Impuls, der Liebe und Protest zusammenbringt, so empfinde ich selbst, und wie Riley sich dauernd selbst kommentiert und manchmal anschreit, das kenne ich gut. Was diese Schreibe also mit mir macht: Sie verbindet mich mit meinem Früher. Ziemlich abgefahrener Effekt. elseMit der großmäuligen, leicht zu beeindruckenden jungen Frau, die noch nicht wissen konnte, dass sie mal die wird, die ich jetzt bin. Die aber immer schon ganz viel bewegen wollte. Damals mochte ich mich nicht besonders, von heute aus gucke ich liebevoller auf dieses unsichere, strampelnde Wesen, das ich mal war. Vor allem, wenn ich gerade einen von diesen Krimis gelesen habe, weil sich in diesem Sound, diesem Blick auf die Welt ein irgendwie hemmungsloses Gefühl wiederfindet, das ich schon hatte, als ich noch über ganz wenig Lebenserfahrung verfügte, und das ich heute noch habe, und ohne das ich nicht ständig versuchen würde, Kultur zu machen.

Inzwischen bin ich eine Verlegerin, die sich im Genre ein wenig auskennt, und eine impulsive Semi-Intellektuelle, die immer was verändern will (fast schon manisch das), und gute Krimis verschlinge ich nächtens en masse wie als Kind getrocknete Aprikosen. Ich verlange von ihnen, von den Krimis oder ihren Autorinnen und Autoren, dass sie etwas mit mir machen, dass sie mich bewegen. Dann kann ich wieder da raus gehen und selber was zu bewegen versuchen in diesem Morast, den wir um uns haben und von dem ein kleines, manchmal im Warenwahn ertrinkendes und manchmal trotzig oder auch ganz unbefangen funkelndes Stückchen „Kultur“ heißt. Vielleicht ist ja dieser gefühlte Rückbezug auf meine Wurzeln, meine Antriebsenergie total subjektiv und ganz allein mein Film.

Oder Buchholz mit ihrem spezifischen Sound kriegt da etwas zu fassen, was selten ist, ein Stückchen Wahrheit über den Konflikt, der uns lebenslang begleitet, wenn wir die Welt und die Menschen eigentlich lieben, aber trotzdem hingucken und sehen, was alles gar nicht geht. Jedenfalls hat sie eine Sprache gefunden für das Bauchgefühl, das dem Zynismus nicht das Feld überlassen will, obwohl es allen Grund dazu hätte, und wenn das nötige Gegengewicht zu Trauer und Wut über den Zustand der Welt der Geruch einer Kneipe ist oder die Spiegelung in einer Pfütze auf St. Pauli, dann ist es das eben.

Mich haben dieses Jahr mehrere deutschsprachige Romane aus dem Genre und seinem direkten Umfeld extrem beglückt, mg-hellweil sie mit Courage und intelligenter Empathie den Finger in die Wunden legen und große, relevante Geschichten erzählen. Ein paar davon durfte ich selbst verlegen. Monika Geier: Alles so hell da vorn empfinde ich als unerhörtes Glanzstück einer Meisterin des klassischen Krimis, die Leichtigkeit mit Wucht verbindet und die Banalität des Bösen mit Humor, ein hochaktuelles Kunstwerk voller Zorn und Mut und delikat-bissiger Heiterkeit. Und driftDrift von Anne Kuhlmeyer ist für mich eine verblüffende Ver- und Entführung, die aus der realistischen Bodenhaftung des Genres einen fliegenden Teppich macht und mich literarisch über Grenzen trägt – dieses Buch wird noch lange weiter entdeckt werden, wenn die Furcht vor dem Überschreiten althergebrachter Muster etwas nachlässt.

Auch in anderen Verlagen haben Autorinnen Meilensteine herausgebracht, die meiner Meinung nach sehr dazu beitragen, das hiesige Genrespektrum aus den tapsigen Kinderschuhen zu hieven, in denen es seit Langem verharrtzb-liefDie Lieferantin von Zoë Beck verknüpft die folgenschwere Wurschtelei in den kleinen Leben Einzelner mit einer etwas weitergedachten Zuspitzung aktueller Politik und Technologie zu einem hochspannenden, dabei beeindruckend kühl servierten Intrigen- und Gesellschaftsplot von schwindelerregenden Dimensionen.

Und Simone Buchholz legt mit Beton Rouge diesen Riley-Krimi hin, der zwischen den Zeilen, aber auch ganz ausdrücklich das Ausmaß der herrschenden Brutalität vorführt und einen originären Ton für die Trauer darüber findet. blumen

So vehement, so gekonnt und so vielfältig kann das deutschsprachige Spannungsgenre also blühen.

Danke, Ladies.

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Ganz kleine Geschichte aus dem Osten

west1Westwind

Der Wind war wach, als die Stadt noch ihren Stadtschlaf schlief. Ich ließ Platz zwischen mir und dem Mann, damit er hindurchwehen konnte. So gingen wir an den bröckelnden Fassaden vorbei. Er müsse nach Westen, heute, sagte er. Wir hatten lange bei Uschi gesessen, im Nachtclub. Ich hatte ihm ausgeholfen, über meine Verhältnisse hinweg. Wir verschwiegen die Nacht hinter uns, die voll war von Staunen, Lachen, Neid und Liebe, die letzte ihrer Art. Nach Westen also. Dorthin, wo die Karte bleich war, freies Territorium, ab Helmstedt schon. Eine Minute standen wir bei seinem Wagen und froren. Er hätte mich küssen müssen, „Schau mir in die Augen, Kleines“ und so, doch er gab mir einen Schein, 50 Westmark im Ganzen. „Es ist nicht so gemeint“, sagte er. „Nicht, wie du denkst.“ Ich lächelte für draußen. Er sah unglücklich aus. Er war kein schlechter Mann. Ich nahm den Schein, den Schmerz und meinen Stolz und schenkte alles dem Wind. Die Scham ließ ich ihm.

west

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Ich bin halt eine Emanze

05_16_GL2s_sw1von Gudrun Lerchbaum

Ich war neun, als ich mit zwei Freundinnen über den Zaun der Kirchwiese kletterte, wo eine Gruppe von Jungs zwischen den Kirschbäumen Fußball spielte.

„Wir wollen mitspielen!“, schrie ich.

Die Jungs sammelten sich und kamen in V-Formation auf uns zu. „Haut ab! Mädchen spielen nicht Fußball!“

„Ab jetzt schon“, sagte ich, schlug dem Anführer den Ball aus der Hand und kickte ihn zu einer meiner Freundinnen, die ihn vom Boden aufhob und dem Jungen zurückwarf.

„Blöde Emanze!“, schimpfte der.

Sie nahmen ihr Spiel wieder auf, ohne uns, und wir gingen lustlos zum Spielplatz, wo mich meine Freundin zu überzeugen versuchte, dass sie mich nicht verraten, sondern beschützt hatte.

fuß

Etwas hatte sich trotzdem verändert. Ich war jetzt eine Emanze und was auch immer das sein mochte, es gestattete mir, angebliche Jungssachen zu tun. Zwar war ich vom Fußballspiel weiterhin exemplarisch ausgeschlossen, doch beim Floßbauen auf dem Mississippi (=Froschtümpel) akzeptierten sie mich ebenso, wie bei den freihändigen Fahrradrennen die abschüssige Straße hinab und anderen Abenteuern, denen ich immer zugeneigt war. Wann immer mein Geschlecht zum Thema wurde, zuckte ich mit den Schultern und sagte: „Ich bin halt eine Emanze!“ Weiterlesen

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Unsichtbare Frauen über 40 mit Kleidergrößen über 40, oder: Warum wir unsere Gewohnheiten ändern müssen

von Zoë Beck

Natürlich ist es nichts Neues, was in der von Maria Furtwängler beauftragten Studie herausgekommen ist. Am Theater hatte ich vor zwanzig Jahren mit Schauspielerinnen zu tun, die genau das sagten: Gute Rollen gibt es nur für Männer, und ab dreißig wird’s für Frauen düster. Jetzt höre ich es seit über zehn Jahren von den Sprecherinnen im Synchronstudio: Frauenrollen sind dünn gesät, und wenn, sind sie für jung klingende Frauen. Es gibt Produktionen, bei denen auf Diversität geachtet wird („Orange Is The New Black“ ist das bekannteste Beispiel), ohne dass es nach Quoten-Irgendwas aussieht, sogar beim urenglischen „Inspector Barnaby“ hat sich endlich vieles verändert, aber was für die lineare Ausstrahlung im deutschen Fernsehen gedreht wird, scheint nicht dazuzugehören.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Schildkröte, vermutl. über 40 Jahre alt.

Die Studie liefert nun also Zahlen für das, was ohnehin schon seit Jahrzehnten alle wussten, und gewisse Fernsehjournalisten (männl.) finden diese Zählerei trotzdem irgendwie unbehaglich, es könnte ja der status quo in Gefahr geraten. Kommentatoren (männl. in der Mehrzahl, aber auch nicht wenige weibl.) in den sozialen Medien schreiben gern darüber, der Publikumsgeschmack sei nun mal danach, warum also irgendwas ändern, wenn sich die Menschen nun mal nicht so gern (alte) Frauen ansehen und sich lieber von Männern die Welt erklären lassen. Weiterlesen

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Mein Unbehagen beim Büchermachen

Glass-Shore_Art2Von Gabriele Haefs

Das Problem mit diesem Unbehagen ist, dass ich es für den Moment noch nicht richtig in Worte fassen kann. Es ist nur da und es ist sehr präsent. Der Auslöser war ein eigentlich sehr gutes Buch mit Erzählungen von Autorinnen aus Nordirland – also der geographischen Region: die Autorinnen kommen auch aus den Counties, die heute zur Republik Irland gehören. Die Erzählungen entstanden zwischen 1840 und 2010, alle wurden auf Englisch geschrieben, und die Autorinnen sind manchmal sehr pro-irische Unabhängigkeit, manchmal sehr pro-britisch, bei einigen ist keine Meinung in dieser Frage zu bemerken, alle vertreten feministische Standpunkte, auch wenn sie nicht immer zu den Frauenbewegungen ihrer Zeit Stellung beziehen.

17.7.Die Geschichte „Eugenia“ von Sarah Grand (1854 – 1943) ist eine Art Kriminalgeschichte mit Rahmenhandlung. Die Kriminalgeschichte ist hinreißend. Eine Braut fordert den Bräutigam dazu heraus, bei herannahender Flut am Strand entlangzureiten, um zu sehen, wer schneller ist, das Wasser oder sie beide. Die Braut kommt durchnässt zu Hause an, der Bräutigam ertrinkt. Tragischer Unfall oder eine List der Frau, die den unerwünschten  und von ihrer Familie ausgesuchten Mann loswerden will? Die Autorin hat eine traditionell klingende  Ballade ersonnen, in der immer wieder die Zeile vorkommt „o wild, o wild, ah, well-a -day, does the bridegoom note that the bride is gay?“, die dann auch in der Rahmenhandlung auftaucht (und der Leserin noch Tage später im Kopf herumspukt). In der Rahmenhandlung wiederholt die Heldin das Manöver, sie und der Verehrer kommen zwar heil zu Hause an, aber er hat sich als Feigling blamiert. Er ist auch kein Mann nach dem Herzen einer selbstbewussten Frau von 1850. Wahnsinnig stolz auf seinen adligen Namen, hat all sein Geld vertan und will nun reich heiraten. Sie aber liebt ihren Nachbarn, der ist arm, aber ehrlich und fleißig, und Geld hat sie ja selbst. Doch weil er nicht in den Ruf geraten will, dass es ihm aufs Geld ankommt, geht er ihr aus dem Weg, und also muss sie ihm selbst einen Heiratsantrag machen. Damit ist also alles gut. Weiterlesen

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