Position – Die Mauer muss fallen

katja_ret-200x300Von Katja Bohnet

Du kannst als Schriftstellerin nur Feministin sein. Die Frauen, die es noch nicht sind, werden dazu. Noch nie habe ich Frauenfeindlichkeit so subtil wie im Literaturbetrieb erlebt. Es ist diese salonfähige, höfliche Misogynie. Mir hat, seitdem ich schreibe, nie ein Mann an die Brust gegrapscht oder sexuelle Gefälligkeiten eingefordert. Nie. Aber Männer erklären dir nett die Welt. Männer zeigen dir höflich, wo dein Platz ist. Männer loben dich, halten dir die Türe auf, aber sie lesen deine Romane nicht. Männer benutzen für deine Arbeit schwache Worte und Verben, für die Arbeit ihrer Buddys nicht. Viele Männer sind schlecht vorbereitet, wenn sie mit dir zusammen arbeiten. Manche Männer ignorieren dich auf eine höchst charmante Art.
Natürlich sind nicht ALLE Männer so. Aber die überwiegende Mehrheit, zu viele allemal.
Diese bunt und fröhlich angemalte Mauer, die dort steht, weil sie schon so lange dort ist, diese Mauer muss fallen.
Kaum zu glauben, wie lange sich diese dezente Frauenfeindlichkeit schon hält.
Romane von Männern werden vorgestellt und besprochen.
Schriftstellerinnen schauen zu.
Männer empfehlen Männer.
Schriftstellerinnen sehen zu.
Männer werden als Professoren, Redner und Dozenten eingestellt.
Im Publikum sitzen mehrheitlich Frauen und hören zu.
Männer schreiben über Männer.
Frauen kaufen und lesen ihre Texte.
Männer besetzen leitende Positionen.
Frauen arbeiten zu.
Männer moderieren Sendungen und laden Männer dazu ein.
Frauen sehen zu.
Auf Männer hört die Welt.
Frauen hören zu.

korsett1Mit Korsett und komplizierter Stickarbeit

Männer solidarisieren sich, erwähnen sich gegenseitig, spielen sich die Bälle zu und trinken abends gemeinsam an der Bar. Dort schanzt man sich Jobs, Preise und Gefälligkeiten zu. Das Alter spielt keine Rolle. Die jungen Hipster verhalten sich wie die alten Hasen. Höflich, wohl wissend, dass zu einem Männerclub nur Männer Zutritt haben.
An der Universität glaubte ich, dass wir uns in feministischer Filmkritik, in den Gender Studies in Anglistik, mit der Vergangenheit beschäftigen würden. Einer Vergangenheit, die für Frauen in Korsett und Reifrock, ohne Wahlrecht, ausgestattet mit einer komplizierten Stickarbeit, traurig war. Im Vergleich dazu sah unsere Zukunft rosig aus. Wir würden uns mit Frauenfeindlichkeit nicht mehr abfinden müssen. Alles nur eine Frage der Zeit, die entscheidenden Schlachten waren von anderen Frauen bereits geschlagen worden, die Entwicklung schien linear. Wir waren selbstbewusst und stolz, gut ausgebildet, Frauen schlossen oft als Beste ab. Es konnte nur besser werden.
Weit gefehlt!

strauß2Zufall und System

2018. Alle kennen die Zahlen. Frauen fehlen zu oft in der Rechnung, Mann plus Mann kann nur Mann ergeben, aber keinen interessiert’s.
Seit Jahren liegen Zahlen vor. Männer sagen: Legt uns doch erst mal Zahlen vor!
Frauen verfassen kritische Texte. Männer fragen: Wie war das noch mal im Mittelteil?
Frauen sprechen Probleme an. Männer sagen: Oh bitte, die Diskussion ist doch ein alter Hut!
Das ist verdammt tragisch, aber leider wahr. Durch beharrliches Leugnen verschwindet diese Ungerechtigkeit jedoch nicht. Vogel Strauß Taktik: Wenn Männer den Kopf im Sand stecken, sehen sie einfach kein Problem.
Frauen werden konkret. Männer entdecken die Abstraktion: Wir müssen das große Ganze sehen. Damit sich bloß keiner mit der Realität und Einzelfällen beschäftigen muss.
Frauen wollen über Frauen sprechen. Männer fragen: Und was ist mit UNS? Hauptsache, jede Diskussion dreht sich früher oder später wieder um sie.
Männer sagen: Wir suchen Romane nicht nach dem Geschlecht aus.
Kann man ja behaupten. Als wäre das ein Diktum, keine latente oder offene Verweigerungshaltung, diese „Reh-im-Scheinwerferlicht-hafte“ Naivität. Als gäbe es keinen männlich geprägten Blick. Als wäre der gewohnte Griff zu Literatur von Männern purer Zufall.
Und so grüßen das Murmeltier, Friedrich Nietzsche und die ewige Wiederkehr. Kritik, Jury, Sprecher, Preisträger: Männer. Seit Jahren konsequent zufällig.
Ab wie viel hunderttausend Zufällen gelten Zufälle eigentlich als System?

spiegelIdentitätstiftung durch Spiegelblick

Natürlich kann ich keine Bestenliste, keine Sonderbeilage im Feuilleton, keine TV-Sendung, keine Zeitung, keinen Blog, keine Empfehlungen von Buchhändlern, keine „Die zehn besten Bücher dieses Sommers“, keine Nominiertenlisten mehr betrachten, ohne als erstes die frappierende Absenz von Schriftstellerinnen und Journalistinnen festzustellen. Warum mir das auffällt? Weil ich selbst eine Frau bin und als solche einfach fehle. Warum Männer das nicht bemerken? „Ich sehe mich, also bin ich.“ Weil sie sich überall wiederfinden, spiegeln — Lacan lässt grüßen — in übermächtiger, selbstbestätigender, grotesk hoher Zahl.

scrabbleEintrittskarte in die Männerwelt

Ich möchte aber nicht mehr nur über Ziffern sprechen, als wäre das die einzige Sprache, Währung, die Frauen gegenüber Männern rechtmäßig benutzen dürfen. Zahlen, Mathematik, die Eintrittskarte in die Männerwelt.

Ich will Buchstaben, Worte, Sätze. Ich will Veränderung. Ich will sie jetzt. Ich will Quoten, die einzigen Zahlen, die noch Gutes verheißen. Ich will, dass mehr Schriftstellerinnen ihre Rechte einfordern. Ich will, dass Literatur von Frauen begeistert vorgestellt wird. Ohne Wenn und Aber. Nicht wie etwas Kleines, Graues, das kaum alleine atmen kann. Ich will, dass mehr Männer die Sache der Frauen zur Chefsache machen. Weil sie es gut und gerecht finden, nicht, weil jemand (womöglich eine Redakteurin) sie dazu gezwungen hat. Weil es unser gemeinsames Schicksal betrifft. Ich will, dass Frauen mehr Raum einnehmen. Weil meine Mutter schon darauf warten musste und ich nicht mehr darauf warten mag.

Es reicht mir nicht mehr, dass sieben von zwanzig Rezensionen Romane von Schriftstellerinnen erörtern oder eine Shortlist neben vier Männern zwei Frauen nennt. Dass Jurys immer noch nicht paritätisch besetzt werden. Etwas besser ist nicht gut genug. Welcher Mann würde sich mit fünf von zwölf Punkten zufrieden geben? Diese Zustände sind lächerlich, ignorant. Sie beleidigen mich persönlich und meine Intelligenz.

augeAnachronismus und Weltherrschaft

Unglaublich, was Männern mit diesem blinden Fleck entgeht. Warum Gleichberechtigung nicht als Gewinn angesehen wird, warum latent die Angst vor dem Verlust von Privilegien umgeht. Warum Machtumverteilung nicht als Chance gesehen wird. Frauen wollen nicht die Weltherrschaft an sich reißen. Obwohl es an der Zeit wäre, schon zum x-ten Mal. Sie verlangen nur ihren fairen Anteil an Arbeit, Anerkennung, Gerechtigkeit und Sichtbarkeit. Nicht mehr und nicht weniger. Alle können dabei nur gewinnen.

Warum? Weil Frauen verdammt gut sind. Weil sie meiner Erfahrung nach im Job überlegter handeln und oft besser vorbereitet sind. Weil sie auch emotionale Intelligenz mitbringen. Weil sie häufig weitsichtiger, toleranter und weniger damit beschäftigt sind, allen zu zeigen, wer den Längsten hat.

Ich könnte laut schreien bei dem Wissen, das mich seit Jahren quält, dass ich meiner Tochter eine Welt überlasse, in der sie bei gleicher Qualifizierung, bei gleichem Engagement, weniger Chancen als meine Söhne hat. Wo ist diese gerechte Welt, die mir schon von meinen Eltern versprochen war? Frauen aus dieser Realität galant rauszurechnen, rauszuschreiben, konsequent und systematisch rauszuhalten ist unfair und anachronistisch. Es ist eine nicht wieder gut zu machende Ungerechtigkeit. Es ist empörend. Es sollte seit so unendlich vielen Jahren überhaupt kein Thema mehr sein.

Also wähle ich das „Team Frau“. Was spricht dagegen? Überhaupt nichts. Was spricht für HerLand? Alles spricht dafür.
1 + 1 = 2. Als Ergebnis muss ich Feministin sein.

HL

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#verlagegegenrechts

Wie Zoë Beck #verlagegegenrechts initiiert, mitorganisiert, mitgestaltet und erlebt hat … Ein voller Erfolg war und ist das Projekt.

Zoë Beck

Es war fürchterlich anstrengend. Das Bündnis auf die Beine zu stellen und sich quasi von Tag 1 an gegen Anfeindungen (aus allen Richtungen) wehren zu müssen, die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mit 13 Podien zu planen, Materialien zu organisieren, Interviews zu geben, Kampagnenarbeit zu leisten … Natürlich war es anstrengend. Dazu die Anspannung, die durch die täglich eintreffenden Drohungen (von Rechts) beständig wuchs, und ganz nebenbei haben alle von uns noch ihre übliche Arbeit zu leisten. Kurz vor der Messe hätten wir schon Urlaub gebraucht, ein halbes Jahr mindestens, einsame Insel, von mir aus auch Finnland, da sprechen die Menschen wenigstens nicht so viel.29315196_557763147929902_8758297322888101888_n

Und jetzt, hinterher, sind wir glücklich und froh und irgendwie auch ein wenig stolz, dass alles so wundervoll gelaufen ist, viel besser, nein: sehr viel besser, als wir auch nur zu hoffen gewagt hatten.

Die Kundgebung auf dem Augustusplatz am Mittwoch vor der offiziellen Eröffnung…

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Leipzig liest kriminalistisch – Und wir sind hier:

b1Lesung und Diskussion

 Wir sind auf der Leipziger Buchmesse!

HERLAND ist ein Netzwerk von Frauen, die an unterschiedlichen Orten der kriminalliterarischen Buchproduktion wirken. Sie verstehen sich als politisch, feministisch, gottlos, aufbrechend, gegen rechts, antikapitalistisch, antipatriarchal und erfolgreich.
Allen Autorinnen ist der feministische Ansatz gemeinsam. Literatur von Frauen, gerade mit politischen Themen, verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihr momentan zuteil wird. Deshalb gibt es auch dieses Blog mit Essays, Storys, Literaturempfehlungen, Satirischem, geschrieben mit einem kritisch-weiblichen Blick auf die Welt.

Ort: Central Kabarett, Krimikeller, Markt 9, 04109 , Leipzig (Zentrum)
Wann? 21:00 bis 23:00 Uhr
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8. März – Internationaler Frauentag

Danke für die Blumen, Jungs!

 

narz

Wir nehmen gern noch gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Interessenausgleich in den Familien, gesellschaftliche Positionen inklusive der Verantwortung und Hühnersuppe mit dazu. Falls das gelingt, kommt im nächsten Jahr der ganz große Strauß zu Euch!

narz1

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“I am sick of the silence of women.”

In memoriam Ursula K. Le Guin.

Macht korrumpiert nicht nur, sie macht abhängig. Arbeit wird zu Zerstörung. Nichts wird aufgebaut. Gesellschaften verändern sich mit und ohne Gewalt. Neuerfindung ist möglich. Aufbauen ist möglich. Was für Werkzeug haben wir zum Aufbauen außer Hämmern, Nägeln und Sägen – Bildung, Denken lernen, Lernen lernen?

Gibt es tatsächlich Werkzeuge, die noch nicht erfunden sind, die wir erst noch erfinden müssen, um das Haus zu bauen, in dem wir unsere Kinder leben sehen wollen? Können wir von dem ausgehen, was wir schon wissen, oder hält uns das, was wir schon wissen, davon ab, zu lernen, was wir wissen müssen? Um zu lernen, was die nichtweißen Leute, die Frauen, die Armen zu lehren haben, um das Wissen zu lernen, das wir brauchen – müssen wir da alles bisherige Wissen verlernen, das der Weißen, der Männer, der Mächtigen?

Le Guin

 

Quelle:
https://www.brainpickings.org/2016/05/06/ursula-k-le-guin-freedom-oppression-storytelling/

 

Photographed by William Anthony

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Wahrnehmungsstörungen – Kritik an Kritik

Von Katja Bohnet

pubStammtischreden

Einstieg für einen Thriller. Schwarzes Cover, der Titel: „Unsere Realität“.

Das Krimi-Debüt eines Schriftstellers wird in den ersten Wochen von mehreren Zeitungen und Sendern besprochen. Dafür müssen Frauen mindestens acht Kriminalromane schreiben. Es empfiehlt sich ein strategisch günstiger Verlagswechsel nach dem sechsten Roman, am Besten zu einem literarischen Haus, kein reiner Publikumsverlag. Wenn Sie sich jetzt fragen, was genau „literarisch“ ist, erwarten Sie von mir keine Erklärungen. Weil ich es Ihnen nicht sagen kann. Vermutlich möchte Ihnen jemand weismachen, dass hier „Literatur stattfindet“, ein hochwertigeres Klassement, andernorts nicht. Was das „andere“ ist, bleibt unklar. Weichkäse, Holzfurnier, verdünntes Bier, suchen Sie sich etwas aus. Der Roman des Schriftstellers wird jovial von den männlichen Kritikern rezensiert. Starkes Stück, hart und schonungslos. Typ ist am Ende, rettet unglückliche Frau. Held schlägt sich durch karge Kopie - DSC_0914.JPGLandschaft oder Stadt bei Nacht, Wetter schlecht. Noir. (Nichts gegen Noir. Auf die Gründe für Ihre Zuneigung kommt es an.) Held hört Blue Note, Best of Jazz oder Bob Dylan. Dazu noch eine Prise Breaking Bad. Oder Action, bis die Schwarte kracht. Superhelden, Superschurken. Mehrheitlich kommen Männer als Figuren vor. Gesprochen wird, wie Männer sich vorstellen, dass echte Männer sprechen. Come on! Das riecht doch nach Klischee. Primärreflexe (Männchen machen, Klatschen, Klicken) lösen die Worte Fauser und Faulkner aus. Kritik kann manchmal unglaublich Stammtisch sein. Männer neigen zur Gruppenbildung, besonders abendlich. Rauer, herzlicher Ton. Männerthemen. Theke, Alkohol. Da spielt man sich die Bälle zu. Angenehm, wenn das eigene Lebensgefühl, die eigene Identität bestätigt wird. So kann auch Kritik klingen.
Natürlich sind Kritiker total unabhängig.
Das Geschlecht interessiert sie nicht.
Sie schauen selbstverständlich nur auf Qualität. Weiterlesen

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Die „Neue Rechte“ auf der Couch

Vorweg und bevor Missverständnisse entstehen:

Dies ist ein Modell! Ist ein Modell! Ist ein Modell!

Es ist natürlich „verboten“ Psychodiagnostik auf gesellschaftliche Phänomene anzuwenden. Deswegen vereinfache ich hier unzulässig und nenne den „Neuen Rechten“ einmal Bernd. Als Einzelner kann er anhand seiner Aussagen durchaus auf seine Persönlichkeitsmerkmale hin untersucht werden. Das Ergebnis macht hoffentlich deutlich, weshalb es wenig erfolgversprechend ist, sich mit Bernd auf Diskussionen seiner Ideologie einzulassen.

couch

Wer ist nun dieser Bernd?

Zuerst einmal ist unser Bernd ein Konglomerat, aus unterschiedlichen Gruppen, die sich zeitweise zu Aktionen zusammenschließen, sich nach außen moderat und kreativ geben, tatsächlich aber Rassismus und Nationalismus sozial akzeptabel machen (wollen). Auf diesem Hintergrund wird zu Gewalt ermutigt und gewalttätiges Handeln legitimiert.

Versuch einer Bernd-Analyse mittels des Diagnostiktools OPD2

41-H6ZAZ5BL._SX345_BO1,204,203,200_Begriff: OPD2 = Operationalisierte psychodynamische Diagnostik 2; Mit diesem Tool kann man Psychopathologie darstellen, erfasst wird ausschließlich Dysfunktionalität, das heißt: Was gut gelingt im Leben, gelingt halt. Das ist okay. Soll heißen: Wenn jemand isst, schläft, Hygiene betreibt, einen Tagesrhythmus hat, seine Aufgaben hinkriegt, Beziehungen pflegt, andere Leute nicht schädigt, Freude empfinden kann, ist alles super.

Was bei Bernd direkt auffällt: Er hat diverse Sorgen und Baustellen, ein umschriebener innerer Konflikt ist nicht auszumachen. Man könnte also vermuten, Bernd hat eine Persönlichkeitsstörung, das heißt, er verfügt nicht über ausreichend innere Stabilität, um mit den aktuellen Bedingungen klarzukommen. Nur merkt er selbst das nicht, sondern er ist auffällig in den Punkten: Beziehungen und andere Leute nicht schädigen. Nachfolgend beschreibe ich anhand von Bernds Aussagen (Fußnoten geben die Quellen an), was ich meine.

Produktion von Feindbildern:

„Die One-World-Ideologen wollen nicht ein bißchen politische und kulturelle Gleichschaltung, das war das 20. Jahrhundert, das ist Vergangenheit. Sie wollen die totale anthropologische Gleichschaltung.“[1]

Interpretation: Was für eine seltsame Unterstellung! Das ist es, was Humanist*innen (hier als Ideologen diffamiert) nicht wollen. Vielfalt und Bereicherung oder Koexistenz sind die Ziele. Integration aller Menschen in eine Gesellschaft, nicht Assimilation durcheine Gesellschaft. Diese Unterstellung zeugt von Bernds Problemen in der Objektwahrnehmung. Das Bild des anderen ist durch Projektionen von eigenen Befürchtungen (in diesem Falle die „Gleichschaltung“, also die Auflösung der „Identität“, des Selbst) geprägt. Außerdem wird generalisiert: „die totale …“, eine Formulierung, die mit Hitlers „totalem Krieg“ assoziiert werden kann.

panzer

„Die etablierte Politik und die mit ihnen verbündeten Leitmedien setzen hier auf das bewährte divide et impera, auf die Parole „Teile und herrsche!“ So versucht das Establishment, eine erfolgreiche neue politische Kraft dadurch unter ihre Kontrolle zu bringen, daß sie den augenscheinlich systemferneren Teil stigmatisiert und abtrennt und den systemnäheren Teil umwirbt und assimiliert.“ [1]

Interpretation ähnlich wie oben. Falsche Zuschreibungen im Sinne von Projektionen. Interessenausgleich ist schwierig: die Beziehung – in dem Falle zu den gewählten Vertretern – ist durch das Gefühl der Bedrohtheit eigener Interessen geprägt. Eine Vorstellung von den Interessen des anderen (z.B. eine möglichst unabhängige Berichterstattung) fehlt. Bei gut integrierter Struktur wäre ein Interessenausgleich selbstverständlich.

„6.6 Für ein klares Familienbild – Gender-Ideologie ist verfassungsfeindlich

Die Gender-Ideologie marginalisiert naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern und stellt geschlechtliche Identität in Frage. Sie will die klassische Familie als Lebensmodell und Rollenbild abschaffen. Damit steht sie in klarem Widerspruch zum Grundgesetz, das die (klassisch verstandene) Ehe und Familie als staatstragendes Institut schützt, weil nur dieses das Staatsvolk als Träger der Souveränität hervorbringen kann.

guillotineDie Ideologie des Multikulturalismus gefährdet alle diese kulturellen Errungenschaften. „Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur. Sie löst die Gemeinschaft auf und befördert die Entstehung von Parallelgesellschaften. Dauerhafte existierende Parallelgesellschaften führen sehr oft zu innenpolitischen Konflikten und können letztlich sogar den Zerfall eines Staates bewirken.“[2]

Interpretation: Falsche Zuschreibungen. Versuch, die eigene, unsichere Identität durch festgelegte, quasi naturgegebene (man könnte ebenso gut gottgegebene sagen) Bestimmtheit zu sichern. Die Vielfalt wird als bedrohlich für das Selbst verstanden. Ihr wird unterstellt, das Selbst vernichten zu wollen.

Abwertung:

„Denn mit der AfD konnte sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine politische Kraft in der Bundesrepublik Deutschland etablieren, die für Selbstbehauptung und nicht für Selbstaufgabe steht. Und das in einem Volk, das alt, kinderlos und zukunftsvergessen ist, weil es materialisiert, infantilisiert und neurotisiert wurde. Die Bundesdeutschen sind in meinen Augen eine historisch einmalige Mischung aus Spaßgesellschaft und Schuldgemeinschaft.“[1]

Interpretation: Selbstüberhöhung zu Lasten des anderen: Damit wird eine behauptet progressive Elite (die AfD) dem tumben Volk gegenübergestellt und dieser Elite das Vertrauen ausgesprochen, das Volk aus seiner Lethargie, seinem Neurotizismus und seiner Verkommenheit, die in es hineingepflanzt wurde (das Feindbild ist implizit), herauszuführen, messianisch quasi, und zwar mittels „Selbstbehauptung“, nicht etwa per Selbstwert vermittelter Selbstwirksamkeit.

Mangel an Empathie

„1.12 Vertragsfreiheit bewahren

Die AfD tritt für die Bewahrung bzw. Wiederherstellung der bürgerlichen Selbstbestimmung im Zivilrechtsverkehr ein. Deshalb lehnen wir sogenannte ,,Antidiskriminierungsgesetze“ ab. Zentraler Grundwert einer freiheitlichen Zivilrechtsordnung ist die Vertragsabschlussfreiheit. Das ist die Freiheit jedes Einzelnen, selbst darüber zu entscheiden, ob er mit einem anderen Bürger in rechtliche Beziehungen treten will oder nicht. Unter dem Einfluss der Europäischen Union wird dieses fundamentale Prinzip der Privatautonomie in der deutschen Gesetzgebung Schritt für Schritt zerstört.“[2]

Interpretation: Die Erlebniswelt anderer kann nicht nachempfunden werden. So werden zum Einen Gruppen vereinnahmt („du bist wie ich“, Verschiebung bzw. Aufhebung von Grenzen) und zum Anderen wird das Selbst (hier: die Gemeinschaft) in scheinautonome Individuen zersplittert und entsolidarisiert.

Generalisierung:

„4.3 Organisierte Kriminalität bekämpfen

Die Organisierte Kriminalität muss nachhaltig bekämpft werden. Die aus ihren Straftaten erzielten „Gewinne“ müssen restlos abgeschöpft werden. Da die Mehrzahl der Täter im Bereich der Organisierten Kriminalität Ausländer sind, soll bei begründetem Verdacht die Zugehörigkeit zu einer derartigen Organisation als Ausweisungsgrund eingeführt werden.“[2]

Interpretation: Falsche Zuschreibung und Generalisierung – hier: (Fast) alle Ausländer sind kriminell organisiert. Mangelnde Kenntnis von Organisierter Kriminalität (OK). Geplante Mittäterschaft in der OK – hier: Gewinne abschöpfen, was ja OK wäre! Kriminalität ist ein Hinweis auf eine geringe oder fehlende strukturelle Integration. Und die mangelnde Kenntnis der Zusammenhänge wirkt auch ein wenig ulkig.

Was machen wir nun mit Bernd?

Dies sollen Beispiele sein, die darstellen,  wie wenig Zweck es hat, Bernd von anderen Vorstellungen überzeugen zu wollen. (Es gäbe derer viele und andere mehr.) Er kann es sich einfach nicht leisten – nicht um seiner Selbst willen – sich anderen Argumenten zugänglich zu zeigen. Denn würde er Empathie statt Egozentrismus, Differenziertheit statt Generalisierung, Respekt statt Abwertung und Zuwendung statt Feindbildprägung hinbekommen, wäre Bernd nicht mehr Bernd, sondern ein wirklich netter Kerl, mit dem ich gern ein Bier trinken, über unser aller Haus – die Welt – plaudern und eine gute Nachbarschaft pflegen würde. Da das nun nicht geht, ist es nötig, Bernd zu sagen, dass er sein kann wie er will, nur nicht auf anderer Leute Kosten. Das ist nämlich, wenn Bernd es auch nicht verstehen kann wegen seines Mangels an innerer Struktur, verboten.

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Soll heißen: Da es der „Neuen Rechten“ nicht möglich ist, die Positionen aufzugeben, die Menschen diffamieren, herabsetzen, marginalisieren und mit Gewalt bedrohen, weil sie dann nicht mehr die „Neue Rechte“ wäre, müssen wir, die wir nicht Teil von ihr sind, integrierende, solidarisierende, wertschätzende und allgemein humanistische Positionen dagegensetzen, wenn wir ein gutes Leben haben wollen.

Lasst uns an unserem Gemeinwesen werkeln, die Bausubstanz ist noch gut und den Rest kriegen wir schon. Wollen wir?


[1]Björn Höcke: http://www.bjoern-hoecke.de
[2] Aus dem Wahlprogramm der AfD

 

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Für mein Land

haus u. sonneIch lasse es Euch nicht!

Nicht den Führern,
den Deppen nicht
und nicht den Doofen.
Den Brandstiftern und
den Aufwieglern nicht.
Nicht den Beredten
und nicht den Beseelten.

Zulang hab ich auf Knien gelegen,
auf einem Boden,
der nicht meiner war.
Im Osten wie im Westen.

Zulang im Kopf den Stacheldraht,
Coca Cola-Reklame,
blühende Landschaften,
und  das Vergessen.

Da wird man intolerant.
Da will man keine Herren
und keine, die sich welche wünschen.

Nein!
Ich lass Euch nicht mein Land!

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»Literatur entsteht überhaupt nur aus Widersprüchen, sonst entsteht Langeweile.« – Christa Wolf

 

Christa Wolf boeken, biografie en informatie ...

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Sexismus, jeden Tag.

Mir scheint, es gibt da ein Missverständnis. Sexismus ist nicht dasselbe wie sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt. Diese Dinge sind Teil des Sexismusproblems, aber noch längst nicht alles. Sexismus ist eine auf das biologische Geschlecht (lat. sexus) einer Person abzielende Form der Diskriminierung, kurz zusammengefasst. Diese Diskriminierung äußert sich auch, aber nicht nur, durch sexuelle oder sexualisierte Handlungen oder Aussagen.

Klar die rote Linie überschritten haben die Männer, die damals, als ich Praktikantin war, um einen Kasten Bier gewettet hatten, wer mich ins Bett kriegt (der Kasten Bier blieb im Laden; aber es war nun mal Tradition in deren Abteilung). Oder die Kollegen, die nach den Dreharbeiten die Wahnsinnsidee hatten, mir was in den Drink zu schütten (was ich zum Glück gleich ausgekotzt habe, und wo zum Glück ein guter Freund zufällig im selben Club war, der mich retten konnte). Oder der Journalist, der mir erst einen Heiratsantrag („Wollen Sie meine Frau werden?“, wir duzten uns nicht mal) machte und mir dann, nachdem ich abgelehnt hatte, seine pornografischen Gewaltfantasien mit mir in der Hauptrolle schriftlich zukommen ließ. Der Regisseur, der wollte, dass ich ihn in der Zeit unserer Zusammenarbeit jeden Morgen mit meiner „sexy Stimme“ wecke. Der Regisseur, der über meine berufliche Zukunft sprechen wollte, aber nur, wenn ich mit auf sein Zimmer komme. Der wichtige Buchmensch, der mir die Hand aufs Knie legte und flüsterte, er wünsche sich von mir erotische Romane, man könne das ja dann gemeinsam mal alles durchspielen. Der andere wichtige Buchmensch, der mich gern „anschmiegsamer“ und „dankbarer“ gehabt hätte. Der Pressemensch, der mir mitten in der Nacht per Chat mitteilte, in welcher Bekleidung er mich gern sehen würde. Die Liste ist sehr lang, sie ist eindeutig, und die wirklich traumatischen, die wirklich schlimmen Vorfälle, die mir bis heute Albträume bereiten und wegen denen ich psychologische Begleitung brauchte, habe ich noch gar nicht aufgeführt.

Ebenfalls komplett sexistisch die folgenden Vorfälle: Die Jurorin von Jugend musiziert, die meinte, ich müsse mich als Mädchen anders anziehen auf der Bühne, Röckchen und Blüschen und bitte die Haare anders, so sehe ich ja aus wie ein Junge. Die vielen Menschen aus dem Bereich der klassischen Musik, die immer wieder, seit ich klein war, betonten, dass Frauen nicht so gut Klavier spielen können wie Männer, weshalb Frauen Klavierlehrerinnen werden und Männer Karriere machen. Der Zeitungsredakteur, der meinte, junge Frauen seien in Zeitungsredaktionen nicht gut aufgehoben, da ginge es schließlich um was. Der Professor, der meinte, eine Doktorarbeit sei für eine Frau Schwachsinn, ich würde doch bestimmt sowieso irgendwann heiraten. Der Regisseur, der mir sagte, Frauen seien ohnehin keine guten Regisseure [sic!], aber machten sich hervorragend als Assistentinnen. Die Kollegin, die überall herumerzählte, ich hätte den Job nur bekommen, weil ich mit irgendwem im Bett war. Die Vorgesetzte, die einem weniger qualifizierten Kollegen signifikant mehr Gehalt anbot als mir, bei Frauen „weiß man ja nie, wie sie sich entwickeln“. Die andere Vorgesetzte, die einem ähnlich qualifizierten Kollegen, der anders als ich allerdings noch nicht für sie gearbeitet hatte, signifikant mehr Gehalt anbot als mir, weil sie Angst vor mir als direkter Konkurrentin hatte. Die älteren Sprecher im Studio, die mich „Mädchen“ nennen. Die älteren Sprecher, die erstmal fragen, wo „der Regisseur“ ist, obwohl ich auf dem Regiestuhl sitze. Der wichtige Buchmensch, der mir sagte, ich solle mich mit Dingen beschäftigen, mit denen ich mich auskenne, und nicht über Terroristen und solchen unweiblichen Kram schreiben. Der wichtige Buchmensch, der mir sagte, Frauen gehörten nun mal ins Taschenbuch, nur wichtige Literatur ins Hardcover. Der wichtige Buchmensch, der fand, mit Frauen solle man nicht übers Geschäft reden, die verstünden das einfach nicht richtig. Der Journalist, der ein unveröffentlichtes Buchmanuskript in der Schublade hatte, und mir deshalb erklären wollte, wie man richtig Bücher schreibt (da hatte ich schon drei Veröffentlichungen, oder waren es vier). Der Journalist, der keine Lust hatte, sich mit mir zu unterhalten, weil er Frauen wie mich „unheimlich“ und „angsteinflößend“ findet. Wo soll ich da aufhören? (Möglicherweise erweitere ich diese Liste nach und nach. Es fällt einem ja immer wieder noch was ein.)

Das ist Sexismus. Die bewusste oder unbewusste Überzeugung, jemand könne aufgrund des biologischen Geschlechts irgendetwas nicht oder sei für gewisse Dinge besonders gut qualifiziert. Frauen können doch gut dies. Männer können doch gut das. Oder eben nicht. Strukturell drängen diese Vorurteile Frauen und Männer in bestimmte Richtungen, beruflich wie privat, und nicht immer, wie man oben sehen kann, hat Sexismus also etwas mit sexuellen Übergriffen oder anzüglichen Sprüchen oder ähnlichem zu tun. Gewalt in dieser Form entsteht aber daraus, dass sich (zumeist) Frauen in einer weniger privilegierten Position befinden und (zumeist) Männer in einer mächtigeren Position, die sie entsprechend ausnutzen können oder wollen, und sie können es problemlos tun, weil sie (in den allermeisten Fällen) straffrei davonkommen bzw. nicht mal angezeigt oder mit Vorwürfen konfrontiert werden. Und es fängt mit diesen vermeintlich kleineren, vermeintlich harmloseren Sprüchen an.

Das alles ist jetzt nur eine kleine Sammlung aus meinem Leben, und ich fürchte, ich hatte noch Glück, weil ich mich trotzdem durchgekämpft habe und es immer noch tue. Ich bin vielen Menschen begegnet, die eben nicht so dachten und von denen ich eine Menge lernen konnte, Frauen wie Männer. Ich merke mit jedem Jahr mehr, wie wichtig Netzwerke sind, die aus Menschen bestehen, die für diese Thematik sensibilisiert sind, Netzwerke, in denen man sich gegenseitig unterstützt, statt gegeneinander zu arbeiten oder nur Seilschaften zu fördern, um selbst besser voranzukommen.

Warum ich das alles aufgezählt habe? In der Hoffnung, dass es etwas sensibilisiert. Den Blick auf Situationen ändert. Wann man selbst sexistisch denkt und handelt. Wo man es bei anderen sieht. Und dass man anfängt, etwas dagegen zu tun. Am besten durch radikale Selbsteinsicht und ebenso radikales Umdenken.

 

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