Von den Früchten der Erkenntnis und unverblümtem Lesegenuss

Ein Résumé zur Aktion Autorinnenzeit

Von Gudrun Lerchbaum

05_16_GL2s_sw1Es begann mit einer Irritation. Der Autor Sven Hensel hatte in seinem Blog dazu aufgerufen, im Mai der Literatur von Frauen besondere Aufmerksamkeit in sozialen Medien zu widmen. Hashtag Autorinnenzeit. Männer bekommen deutlich häufiger Literaturpreise, dominieren Empfehlungslisten von Influencern ebenso wie Schullektüren und werden auch in dieser Branche besser bezahlt. Das muss sich ändern, darin stimme ich mit Sven Hensel überein. Dass dem Aufruf eines Mannes, Frauen mehr zu würdigen, in meinen Ohren zunächst ein caritativer Touch anhaftete, schrieb ich einem Rest unangebrachter Opferhaltung zu. Einmal tief Luft holen, sich strecken und schon sieht man Solidarität, wo vorher Herablassung dräute.

Das Projekt

Ich beschloss, das Thema verbesserter Präsenz von Autorinnen mit einer Bestandsaufnahme zu verbinden und meine Regale dem Alphabet folgend nach von Frauen geschriebenen Büchern zu durchforsten. Bilder dieser Bücher postete ich auf Facebook und bat die Leser.inn.en, nach dem gleichen Muster zu verfahren. So einfach die Aufgabe scheint, so sehr überraschte es mich, auf wie vielen Ebenen eine klare Handlungsaufforderung missverstanden oder ignoriert werden kann. Weiterlesen

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Nix für Mädchen

mädchen und jungen

von Gabriele Haefs

Nun war ich zu einem Seminar in Norwegen eingeladen, und es ging natürlich um das Übersetzen. Den Besuch der norwegischen Kulturministerin und das unglaublich grauenhafte Sakko ihres persönlichen Sekretärs zu beschreiben, würde im Moment zu weit führen, ich werde aber bestimmt noch ausführlich darüber schreiben. Hier geht es um die Vorbereitungen zum Seminar, die mir arges Kopfzerbrechen bereitet haben. Wir sollten das erste Kapitel eines Buches übersetzen und dann über die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten diskutieren. Das Buch ist eine Dystopie, verkauft sich in Norwegen wie blöd, und es geht so los: Der Ich-Erzähler, Brage, denkt daran zurück, wie sein Leben vor der Katastrophe war. Er war ein ganz normaler Junge, findet er, er ging zur Schule, fand seine Eltern doof und spielte Fußball. Und schwärmte für Frida aus seiner Klasse. Doch als er sich einmal ein Herz fasste und sie fragte, was sie am Wochenende unternehmen wollte, sah sie ihn nur verachtungsvoll an. Weiterlesen

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Positionen – Simone Buchholz

 

DA MÜSSEN WIR DRINGEND NOCHMAL RAN

Von Simone Buchholz

Buchholz(c)Achim_Multhaupt-11_SVIch bin in einem Haus aufgewachsen, in dem es selbstverständlich war, dass Frauen arbeiten, und so bin ich dann auch erzogen worden: Mach dein eigenes Geld, sei finanziell unabhängig. Gleichzeitig lief in den Frauenköpfen unserer Familie aber auch noch ein anderes, viel älteres Programm: Sei eine gute Frau, koche, putze, und achte verdammt noch mal darauf, wie du aussiehst. Außerdem hab ich fast ausschließlich mit Jungs gespielt, damals auf dem Dorf gab es nicht so viele Mädchen. Also stand ich früh auf dem Bolzplatz im Tor und hab Bälle ins Gesicht gekriegt, ich hab gelernt, wie eine ordentliche Mutprobe aussieht (in Unterhosen durchs kindshohe Brennnesselfeld) und wie man Bandenchefin wird (Maul aufreißen), und ich hab gelernt, das alles mit hartem Humor zu versehen. Dann bin ich früh ausgezogen und zum Philosophiestudium in eine andere Stadt gegangen. Weiterlesen

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Tja …

„Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“

Marie von Ebner-Eschenbach

Ebnder

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Positionen – Gabriele Haefs

Kaiser Wilhelm und der Frust des Chamäleons

Von Gabriele Haefs

Gabriele Haefs_Miguel Ferraz

Foto: ©Miguel Ferraz

Als Übersetzerin muss ich ja eigentlich ein Chamäleon sein und in die Sprache von anderen schlüpfen, und dabei ganz neutral bleiben, es heißt ja schließlich „das“ Chamäleon. Aber oft denke ich, es könnte „der“ Chamäleon heißen – so männlich geprägt ist die Sprache in gar zu vielen Übersetzungen. Ich glaube nicht einmal, dass es so gewollt ist, aber das Männliche gilt nun einmal als „normal“, und also wird männlich übersetzt und das soll dann „neutral“ sein. So ungefähr habe ich es immer wieder erlebt – und der Frust wird dann besonders groß, wenn ich es zur Sprache bringe und nur auf blöde Blicke stoße. Weiterlesen

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Impressionistisch, punkig und knallhart

61TDOi0mIWL._SX318_BO1,204,203,200_Diese Literaturempfehlung ist zuerst auf CULTurMAG erschienen.

Schwerer, heißer August. Unter der boshaften Eibe, die Tante Elfriedes Anwesen bewacht, bleibt es ebenso feuchtkalt wie in dem alten Kasten von Haus. Einiges ist in Bettina Bolls Leben passiert seit sie in „Die Hex ist tot“ ermittelte, halbtags, versteht sich. Die Kinder ihrer toten Schwester sind gewachsen, Tante Elfriede liegt auf dem Friedhof und der klapprige Taunus macht’s auch nicht mehr lange. Immerhin hat Boll die Chance, ihr Erbe zu Geld zu machen, das der kleinen Familie helfen würde, endlich aus dem schäbigen Plattenbau auszuziehen, ein Erbe mit einem bösen Geist allerdings, der sich nur verzieht, wenn Kinderlachen und Sonnenflecken das Haus durchfluten.

Das Haus. Es ist das erste Bild in diesem Roman – eines, das für Familie stehen kann – strahlt romantisch, flirrt impressionistisch, droht finster mit einem Geheimnis im Keller und entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Krass dagegen geschnitten die nächste Szene: Wir finden uns in einem Bordell am Stadtrand oder vielmehr im Kopf einer der Huren wieder, ganz nah, so als wäre ich du. Jung ist sie, viel zu jung, namenlos oder vielnamig mit verschwommener Identität. Ganz wunderbar dargestellt von der Autorin, die die Folgen früher Gewalterfahrung im brüchigen Selbst des Mädchens zeigt. Weiterlesen

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Verpackte Ebereschen & verschwiegene Gewalt

414UAcXH1QL._SX304_BO1204203200_Roman: Herbjørg Wassmo: Schritt für Schritt

(Diese dringende Literaturempfehlung ist auch bei CULTurMAG erschienen.)

Sie ist siebzehn, als sie ihren Sohn zur Welt bringt. Sie, die Namenlose, will den Sommerflirt, der zu der Schwangerschaft beitrug, nicht heiraten. Aber etwas tun muss sie, einen Beruf finden, damit sie sich und den Jungen durchbringen kann. Weder er noch die Eltern, noch der Dichter, der durch ihre Träume schreitet, haben Namen. Sie haben ausschließlich Funktionen. Vom Dichter ist anzunehmen, dass es sich um Knud Hamsun handelt (er erhielt den Nobelpreis und eine Verurteilung wegen Kollaboration mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs). In der Funktion steckt – frei nach Hannah Arendt – zumindest die Möglichkeit von Grausamkeit, denn extrem gedacht, handeln wir in ihr nicht als denkende Wesen. Im Roman beschreibt die Namenlosigkeit die Fremdheit und Abgespaltenheit von sich selbst und der Welt. Doch nicht alle sind ohne Namen. Raskolnikow nicht und nicht Simone de Beauvoir, die Schriftstellerin Sara nicht und nicht die arme Marie.  Weiterlesen

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Der gute Feminist

Treppe chl.JPGImmer wieder bin ich Männern begegnet, die sich als Feministen bezeichnen. Durchaus mit Stolz und mit der sichtlichen Überzeugung, ethisch auf der richtigen Seite zu stehen.

Doch mir wird’s bei solchen Adaptionen eines feministischen Kampfs um Chancengleichheit durch Männer eher unbehaglich. Warum eigentlich? Erste Frage: Brauchen wir Frauen derartige Charity-Veranstaltungen? Zweite Frage: Welches Interesse hat ein Mann daran, unsere Sache zu befördern, abgesehen davon, dass er Aufmerksamkeit bekommt? Er würde Macht, Erfolg und Einkommen an uns verlieren, wenn er es ernst meint. Dritte Frage: Oder ist es nur eine ritterliche Geste, und damit auch eine uralte männliche Geste?

Egal, ob wir glauben, dass wir den Kampf (beispielsweise von Autorinnen für mehr Anerkennung in den Feuilletons und mehr Literaturpreise) alleine gegen die Männer  kämpfen müssen oder aber nur zusammen mit den Männern gewinnen können, ein Manko steckt im Feministen: Als Mann, der Macht, Erfolgschancen und damit Einkommen abgibt, tut er das freiwillig. Er gewährt uns, den weniger chancenreichen Frauen, einen Bonus. Er kann sich jederzeit entscheiden, es nicht mehr zu tun und sogar gegen uns zu kämpfen, zum Beispiel weil er sauer ist, dass wir nicht dankbar genug sind. Wir aber können uns nicht jederzeit entscheiden, keine Diskriminierung mehr zu erleiden. Weiterlesen

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Doris Gercke: Wie man einen Krimi schreibt (oder auch nicht)

Doris Gercke zog und zieht Bilanz.
Den hier folgenden kleinen Vortrag hielt sie 1995 aus Anlass einer Ausstellung über den Kriminalroman im Literatur-Archiv in Marbach. Es geht darin um die Prinzipien, nach denen sie ihre Arbeit gestaltete.

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Foto: DEFF Westerkamp

Sehr geehrte Damen und Herren,
manchmal, nicht nur von den Veranstaltern hier, und vielleicht, jetzt auch von Ihnen, werde ich gefragt, wie man einen Krimi schreibt.
Ich hab darüber nachgedacht und festgestellt: Ich weiß nicht, wie „man“ einen Krimi schreibt.
Deshalb könnte ich, eine einfache Antwort auf eine einfache Frage, meine Überlegungen hier schon beenden. Auch kurze Antworten, wenn sie denn wahr sind, sollten ja ihr Geld wert sein.
Da ich aber ein paar andere Dinge weiß, die mit dem Thema zusammenhängen und die Sie, vielleicht, interessieren werden, rede ich noch ein bisschen.

So weiß ich zum Beispiel, dank des Katalogs zu dieser Ausstellung, wie ein dummer Mann sich vorstellt, dass eine Frau einen Krimi schreibt.
Da Sie, vielleicht, noch nicht alle diesen Katalog studiert haben, zitiere ich: „Und erst die Frauenkommissarinnen in der neu-deutschen Krimilandschaft! Die sind dann ja richtig der Gipfel an zeitgeistiger Rechtschaffenheit, ökologisch und emanzipationsmäßig (ich bitte Sie, das Wort „emanzipationsmäßig“ besonders zu würdigen, DG) auf der Höhe, immer ein tadelndes Wort für Andersdenkende auf den Lippen, fit in allen Betroffenheitsritualen und natürlich mit Birkenstock flott zu Fahrrad … Paff, selbst hartgesottene Gangster gestehen plötzlich detailverliebt ihre Missetaten. Alles wieder im Lot“. Und weiter unten: „Der Krimi braucht Charaktere mit Tiefenschärfe … was er nicht braucht, sind reaktionäre Bullen (Kommissarinnen eingeschlossen).“ Weiterlesen

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Mit feministischem Realismus im Genre den Blick aufs Zeitgeschehen schärfen

_757FV5V0ACPolitische Kriminal- und Noir-Literatur von Frauen erzählt eine andere Geschichte

von Else Laudan

Auch wenn ich keineswegs glaube, dass gute Bücher im Handumdrehen die Welt verbessern: Die Art, wie in unserer Kultur Wirklichkeit abgebildet wird, macht in der Weltwahrnehmung lesender Menschen einen Unterschied aus. In diesem Sinne hat Literatur Einfluss und Verantwortung. Je mehr Leute ein Buch erreicht, desto mehr kann es bewirken.

Die von politischen Krimiautorinnen gezeigte Wirklichkeit ist voller Handlungsbedarf. _police-29859__340Denn noch in der besten Demokratie, fast weltweit, sind Gier und Gewalt akzeptabel, ist der Maßstab korrekten Verhaltens ökonomischer Erfolg. Die Folgen: Zerstörung, Ausbeutung, Konkurrenz, Korruption, Intoleranz, Krieg, Hunger, Perspektivlosigkeit, Ungleichheit, diverse Formen alltäglicher Gewalt. Obwohl gute Politkrimis eine beeindruckende Tradition darin haben, all das sichtbar zu machen, ist auch im Genre die vorherrschende Erzählperspektive weiß, männlich, mittelständisch oder Elite. Das ist in der Literatur fest tradiert, genau wie in der gängigen Lesart der Menschheitsgeschichte – und daran hat sich nicht genug geändert, caesar-1863693_960_720seit Brecht 1935 schrieb:

Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? (…) Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?

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